Vom Geheimnis der Glocke
Jüdische liturgische Gesänge aus Mainz klingen im Frankfurter
Hof
Vom 07.09.2004
A.L. Beim Bau der Glocke in Tarkowskijs Filmepos "Andrej
Rubljow" spielt ein Junge eine tragende Rolle. Er ist der Letzte,
der das Geheimnis des Glockengießens noch kennt. So sagenhaft es
scheint, dass eine ganze Tradition einmal nur noch am Wissen eines Einzigen
hängt, so ähnlich hat man sich den Ursprung des jetzt erschienenen
Buchs "Nigune Magenza" mit Liturgie der alten jüdischen
Gemeinde in Mainz doch vorzustellen.
Denn diese geistliche Musik für den synagogalen
Gebrauch wurde über Jahrhunderte nur mündlich überliefert
und nicht verschriftlicht. Der heute 91-jährige Mainzer Rabbiner
Leo Trepp, Herausgeber des musik-wissenschaftlich aufbereiteten Gesangbuchs
mit zwei Audio-CDs hat diese jüdischen Gesänge einst als Kind
in der neo-orthodoxen Synagoge zu Mainz am Flachsmarkt gehört und
gesungen, sie als junger Mann memoriert.
Die Notentranskription (anhand von Tonbändern Trepps) erfolgte durch
Tobias Untucht und Stefan Hammer. Herausgeber Trepp ist sich bewusst,
dass da "gewisse geringe Ungenauigkeiten entstanden sein mögen,
da ich diese Gesänge über 70 Jahre nur in meiner Seele hören
konnte".
Im Großen und Ganzen aber habe ihn seine Erinnerung
nicht getäuscht. Die veröffentlichte Auswahl von 44 Gesängen
aus der alten Mainzer Synagoge wird sicher über Mainz hinaus in vielen
jüdischen Gemeinden und bei vielen der deutsch-jüdischen Kultur
Verbundenen Beachtung finden. Trepp erhofft sich eine "lebendige
Erinnerung", ja wünscht den Gesängen sogar, mit der Bescheidenheit
des Überlieferers, eine Wiedereinführung in die Liturgie.
Das Erscheinen des Werks wurde neben der Unterstützung
durch die Strecker-Daelen-Stiftung "Pro musica viva" von vielen
Seiten gefördert. Kulturdezernent Peter Krawietz legt hierbei Wert
auf die Feststellung, dass kein einziger Cent für dieses Projekt
der Stadtkasse entnommen sei; Krawietz` Hilfe beschränke sich auf
die Gewinnung von Spendenmitteln ungenannter Spender.
Das Wiedererklingen der Gesänge nach nunmehr 66 Jahren im Frankfurter
Hof war ein großer Erfolg. Die männlichen Vokalisten überzeugten
durchweg (Assaf Levitin, Michael Müller, Jan-Heinrich Kuschel, Stefan
Bäumler, Jens Eggert, Simon Ströder). Neben viel Ernstem wirkte
der herrliche "Polnische Kaddisch" unmittelbar beglückend.
Zum Abschluss blies Meister Trepp noch eine Fanfare auf dem alttestamentlichen
Widderhorn, dem Schofar.
Leo Trepp (Hrsg.): Nigune Magenza. Jüdische liturgische Gesänge
aus Mainz. Schott Verlag, Mainz 2004. (Mit zwei CDs.) 24,90 Euro
Rabbiner Trepp rettet liturgische Gesänge
Musik aus Synagogen neu aufgenommen
03.08.2004

Rabbiner Prof.Dr. Leo Trepp |
fube. In seiner Jugend erlebte Rabbiner Prof. Dr. Leo
Trepp , der seine Mainzer Wurzeln väterlicherseits bis ins Jahr 1450
nachvollziehen kann (seine Vorfahren waren Hofärzte der Mainzer Fürsten)
die Gesänge in ihrer einzigartigen liturgischen Ausformung noch in
der neo-orthodoxen Synagoge am Flachsmarkt. Bis zur Vernichtung der Mainzer
Synagogen gehörten sie zum liturgischen Allgemeingut der Mainzer
Juden. Mit den Synagogen gingen sie unter.
Jetzt allerdings hat der heute 91jährige Trepp gemeinsam
mit dem Musikverlag Schott die Gesänge dem Vergessen entrissen. Trepp,
bis 1938 Landesrabbiner in Oldenburg, dann im Konzentrationslager Sachsenhausen
interniert und aus ihm mit der Auflage entlassen, Deutschland zu verlassen,
hat die Gesänge aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Mit seiner
Hilfe wurden sie im Musikwissenschaftlichen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität
vernotet und können somit an die nächsten Generationen weitergegeben
werden.
Mit Unterstützung der Anni-Eisler-Lehmann-Stiftung,
der pro musica viva Maria-Strecker-Daelen-Stiftung und des Fördervereins
Synagoge Mainz-Weisenau wurden die Gesänge im Musikverlag Schott
als Buch und auf CD festgehalten.
Der nach seiner Internierung in die USA ausgewanderte
Trepp, der dort Philosophie an verschiedenen Universitäten lehrte,
hält seit seiner Emeritierung im Jahre 1983 jährlich Gastvorlesungen
am Fachbereich Evangelische Theologie der Mainzer Universität. Der
Philosoph und Philologe, Absolvent des Berliner Rabbinerseminars, Emigrant
und Gelehrte an vielen amerikanischen Universitäten, frühere
Initiator amerikanisch-deutscher Studentenbegegnungen und zudem Honorarprofessor
des Mainzer Fachbereichs Evangelische Theologie wird am Sonntag, 5. September,
im Frankfurter Hof die von ihm geretteten Gesänge vorstellen.
Mitwirkende des Konzerts sind der Bass-Bariton Assaf
Levitin vom Theater Dortmund, Männerquartett und Vorsinger der Hochschule
des Saarlands für Musik und Theater sowie Jörg Abbing (Orgel-CD-Einspielung).
Konzert "Dem Vergessen entrissen", 5. September,
11 Uhr, Frankfurter Hof. Vorverkauf (5 Euro) unter anderem im AZ-Kundencenter
am Markt. Tageskarten: Frankfurter Hof.
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