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Ein Zeichen der deutschen Jugend

Straße und zwei Schulen erinnern an Geschwister Scholl und ihren Widerstand der "Weißen Rose"

9.11.2004 - von Kurier-Mitarbeiterin Claudia Weiler

Unter Einsatz ihres Lebens widersetzten sich Oppositionelle im Dritten Reich dem Regime. In Wiesbaden sind 38 Straßen nach Widerstandskämpfern und Verfolgten benannt. Eine Kurier-Serie spürt den Namensgebern nach, heute den Geschwistern Scholl.

"Es lebe die Freiheit", sagte der 24-jährige Hans Scholl, bevor das Fallbeil sein Leben beendete. Das war am 22. Februar 1943. Zusammen mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Sophie war er nur wenige Stunden zuvor von dem berüchtigten Richter Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt worden. Unter dem Namen "Die Weiße Rose" hatten sie mit anderen Studenten Flugblätter verteilt und darin zum Widerstand gegen das Unrechtsregime aufgerufen.

Die Geschwister Scholl, die in Ulm aufwuchsen und in München studierten, waren wohl nie persönlich in Wiesbaden. Und doch finden sich in der Stadt auch 61 Jahre nach ihrem Tod zahlreiche Spuren der studentischen Widerstandsgruppe. Dazu zählen neben der Geschwister-Scholl-Straße zwei Schulen in Klarenthal, die Geschwister-Scholl-Grundschule und die Sophie-und-Hans-Scholl-Schule (IGS). Im Dezember 2003 nannte die Stadt Wiesbaden einen kleinen Platz in Klarenthal Willi-Graf-Forum, zu Ehren des Weiße-Rose-Mitglieds Willi Graf, der ebenfalls 1943 hingerichtet wurde, 25-jährig.

In der Erinnerung eines Wiesbadener Zeitzeugen aber leben die Hingerichteten bis heute weiter. Hans Hirzel (79), ehemaliges Mitglied der Weißen Rose, lebt seit vielen Jahren in Wiesbaden. Der politisch umstrittene Stadtverordnete, der 1994 als Republikaner für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte und heute als Parteiloser im Stadtparlament sitzt, unterstützte die Weiße Rose, indem er im Frühjahr 1943 über tausend Flugblätter in Stuttgart verteilte. Auch er stand vor Roland Freisler: Fünf Jahre Haft, lautete dessen Urteil. Die Familie Scholl kannte Hans Hirzel von Kindesbeinen an.

Hans und Sophie Scholl waren zunächst begeistert in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel aktiv. Doch schon bald regten sich erste Zweifel, die sich bald zu einer massiven Ablehnung auswuchsen. Kriegserlebnisse in Frankreich und Russland bestärkten Hans Scholl in seiner Empörung über das Unrecht weiter. Da war er bereits Student, ein Denker. Und doch war ihm bewusst, dass erst das Handeln etwas verändert. Also verteilte er mit einem kleinen Kreis von Kommilitonen Flugblätter, erstmals im Frühsommer 1942 in München, ab Herbst 1942 auch in Frankfurt, Berlin oder Hamburg.

"Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ,regieren´ zu lassen", heißt es im ersten Flugblatt. Die Weiße Rose kritisierte die "sinnlose Opferung" deutscher Soldaten und den Massenmord an polnischen Juden. Die Studenten wollten den wahren Charakter der Nationalsozialisten entlarven und ein öffentliches Bewusstsein für das Unrechtsregime schaffen.

Am 18. Februar 1943 verteilten die Geschwister Scholl ihre letzten Flugblätter in der Münchener Universität. Sie wurden beobachtet und verhaftet. Damit war ihr Schicksal besiegelt.

Eine bis heute ungeklärte Rolle bei der Verhaftung spielt der Wiesbadener Hans Hirzel. Im Jahre 2001 hat ihm der Historiker Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, vorgeworfen, Hirzel habe in seinem Verhör am 17. Februar 1943 die Geschwister Scholl verraten. Diese Anschuldigung bezeichnet Hirzel als "nicht haltbar". "Ich musste annehmen, dass die Gestapo die Namen bereits kannte. Der Name Sophie Scholl ist gefallen, aber harmlos", erinnert sich Hirzel. Seinen Bericht, er habe sofort nach dem Verhör versucht, Hans und Sophie Scholl über ihr Elternhaus zu warnen, bezeugte nicht nur deren Schwester Inge Aicher-Scholl. Hirzel habe an die Gestapo nichts verraten, betont auch die Münchener Weiße-Rose-Stiftung, ein Zusammenschluss von überlebenden Mitgliedern und Angehörigen. Steinbach steht für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

Das letzte Flugblatt wurde von einer Hamburger Splittergruppe der Weißen Rose auch nach dem Tode der Geschwister Scholl und anderer Mitglieder weiter verteilt. Nur die Überschrift hatten sie geändert: "Und Ihr Geist lebt trotzdem weiter!"


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