"Mahnung zur Zivilcourage"
Gedenkfeier zur Pogromnacht: OB Beutel steht zu Synagogen-Neubau
Vor den als Mahnmal dienenden Säulenresten und Kapitellen
der alten Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße erinnerte auch die
Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich, an
die Pogromnacht vor 66 Jahren. Foto: hbz/Michael Bahr
10.11.2004 - Von Alice Gundlach
Mit einer Gedenkfeier am Mahnmal vor der alten Hauptsynagoge
in der Hindenburgstraße haben gestern jüdische und nichtjüdische
Mainzer der Reichspogromnacht vor 66 Jahren gedacht.
"An den schmerzhaften Lehren der Nazizeit kommt
man nicht vorbei", sagte Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD)
am Mahnmal vor der ehemaligen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße.
Vor 66 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, zerstörten
Nazi-Schergen in ganz Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen.
Auch in Mainz: Hier wurde die 1912 fertig gestellte Hauptsynagoge niedergebrannt.
Die Reichspogromnacht gilt als Auftakt zum Völkermord an den Juden
im Dritten Reich. "Dieser Gedenktag mahnt uns zu Respekt, Zivilcourage
und Menschlichkeit", sagte Beutel.
"Um zu verstehen, dass Nachbarn es normal fanden,
dass ihre jüdischen Mitbürger deportiert wurden, muss man wissen,
dass dem bereits eine lange Entwicklung voraus gegangen war", sagte
Stella Schindler-Siegreich, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde
Mainz. Schon lange vorher seien Juden als "Wucherer" diffamiert,
dann langsam aus dem öffentlichen Leben verbannt worden. Es folgte
der Boykott jüdischer Geschäfte. "Die Erinnerung daran
soll uns immer vor Augen halten, wozu Menschen fähig sind, und zwar
jederzeit", mahnte Schindler-Siegreich.
Das jüdische Leben hat die Stadt Mainz im Laufe
der Jahrhunderte geprägt. Wie die meisten Städte am Rhein hat
auch Mainz einen jüdischen Namen erhalten: Magenza. "Die Juden
haben in den Jahrhunderten ihren Teil zur Entwicklung von Mainz beigetragen",
betonte Schindler-Siegreich. Es sei daher auch für das nichtjüdische
Mainz wichtig, dass es eine neue Hauptsynagoge gebe, "um der Stadt
einen Teil ihrer Geschichte wiederzugeben", sagte Schindler-Siegreich.
Beutel bekräftigte den Wunsch der Stadt, dass bald
eine neue Synagoge entstehe. Der Neubau sei seit zehn Jahren geplant,
die Stadt Mainz finanziere das 20-Millionen-Euro-Projekt zu einem Drittel.
"Die Stadt steht zu ihren Zusagen", erklärte Beutel.
Zwye Eliezer Alonie, Rabbiner für Mainz, Worms und
Rheinhessen, sprach zum Abschluss der Gedenkfeier das Kaddisch, die jüdische
Totenklage, und legte nach jüdischem Trauerritual einen Stein auf
den Gedenkstein des Mahnmals.
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Rede des Mainzer Oberbürgermeisters Jens
Beutel
Heute gedenken wir der Reichspogromnacht und der zahlreichen
Opfer der furchtbaren Ereignisse, die in der Nacht vom 9. auf den 10.
November 1938 begannen. In ganz Deutschland wurden damals jüdische
Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert, Synagogen
und Gebetshäuser geschändet und in Brand gesetzt. Zehntausende
jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden bedroht, misshandelt,
verhaftet, ermordet. Die Reichspogromnacht war der Auftakt zum Völkermord,
dem bereits eine systematische Entrechtung vorangegangen war.
Auch in Mainz brannten Häuser, Geschäfte und
Synagogen. Unter der Fahne von Rassenhass und Zerstörungswut wurden
Menschen in unserer Stadt gehetzt, gedemütigt, verletzt und getötet.
Die Mainzer Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße war ein Hauptziel
des Terrors. Sie war seit ihrer Einweihung 1912 die zentrale Heimstatt
der jüdischen Gemeinde in Mainz - und prägte neben dem Dom und
der Christuskirche das Bild und das Leben unserer Stadt entscheidend mit.
SS-Trupps plünderten in der Nacht zum 10. November 1938 die Synagoge
und steckten sie in Brand. Das Gotteshaus wurde dabei völlig vernichtet.
All diesen schrecklichen Übergriffen waren die jüdischen
Bürgerinnen und Bürger wehrlos ausgesetzt. Auch wenn es in Mainz
eine ganze Reihe von Menschen gab, die mit Abscheu und Entsetzen reagierten
oder den Opfern beistanden, so gab es doch viele - viel zu viele - die
wegsahen oder sogar mitmachten.
Wenn wir uns heute an die Reichspogromnacht und an das,
was folgte, erinnern - dann denken wir an die Opfer der Gewalt, an ihre
Angst, an ihre Ohnmacht und an ihre Qual. Wir fragen uns 66 Jahre nach
der Schreckensnacht immer noch fassungslos: Wie konnte es geschehen, dass
jeglicher Maßstab für Recht und Unrecht verloren ging und dass
der Mitmensch zum so genannten "Untermenschen" wurde? Und wir
fragen uns: Wie können wir verhindern, dass so etwas noch einmal
passiert und zu unfassbarem Leid führt?
Wir tragen hier als Deutsche ohne Zweifel eine besondere
Verantwortung dafür, an das Schreckliche zu erinnern und uns für
die Aussöhnung und für ein friedliches Miteinander einzusetzen.
Doch um wirkungsvoll und nachhaltig zu verhindern, dass das Unfassbare
sich wiederholt, müssen wir auch im Blick behalten, was die polnische
Autorin Zofia Nalkowska ihrem Buch "Die Medallions" über
jüdische Schicksale in der Nazi-Zeit als Memento voran gestellt hat:
"Das haben Menschen Menschen angetan."
Die Schoah hat uns auf schreckliche Weise vor Augen geführt,
zu welcher Bestialität Menschen fähig sind. Die öffentlichen
Diskussionen gerade in den letzten Monaten zu unterschiedlichen historischen
Themen und mit dem Tenor, Leid und Schuld aufzuwiegen, sind in diesem
Zusammenhang zumeist wenig konstruktiv - zum Teil sogar zynisch, wenn
sie lediglich bestimmten politischen Zielen dienen sollen. Wir kommen
an den schmerzhaften, beunruhigenden Lehren des Nationalsozialismus nicht
vorbei. Wir müssen uns erinnern - auch wenn es kein leichter Weg
ist. Und wir müssen dabei auch den Blick auf die Gegenwart und auf
die Zukunft richten.
Kein Tag vergeht, ohne dass wir in den Nachrichten von
Hass, Krieg, Terror und Folter hören. Doch auch wenn wir uns angesichts
dieser Berichte und der furchtbaren Bilder oft ohnmächtig fühlen,
darf dies kein Grund sein zu resignieren oder uns aus unserer persönlichen
Verantwortung zurückzuziehen. Wir alle sind gefordert, für ein
gutes Miteinander nach unseren Möglichkeiten einzustehen. Jeder kann
dafür etwas tun - und das fängt schon im Alltag mit den vermeintlich
"kleinen" Gesten an wie einander zuhören und einander ernst
nehmen.
Der 9. November erinnert uns an diese ständige persönliche
Aufgabe. Er mahnt uns, für Respekt, Zivilcourage und Menschlichkeit
einzustehen.
2600 Juden lebten vor 1945 in Mainz, nach dem Ende des
Nazi-Regimes und des 2. Weltkriegs waren es noch 61. Heute zählt
die Jüdische Gemeinde Mainz wieder nahezu 1000 Mitglieder. Das jüdische
Gemeindeleben wie auch die deutsch-israelischen Beziehungen zu fördern
ist für die Stadt Mainz gerade angesichts ihrer wechselvollen Geschichte
von besonderer Bedeutung. Ich freue mich vor diesem Hintergrund sehr,
dass sich die jüdische Gemeinde in unserer Stadt stetig weiterentwickelt
- und dass wir zusammen schon vieles erreicht haben, um die Erinnerungen
an das Vergangene zu bewahren, Brücken für die Verständigung
zu bauen und das gute Zusammenleben in unserer Stadt weiter zu stärken.
Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam weitergehen - im Sinne eines würdigen
und lebendigen Gedenkens und im Sinne einer guten Entwicklung und Zukunft
für das jüdische Gemeindeleben in Mainz.
Angesichts neuer Entscheidungen ist es mir auch wichtig,
das Anliegen der Stadt Mainz zu bekräftigen, das sich auf die Unterstützung
des Baus einer neuen Synagoge für die Jüdische Gemeinde richtet.
Die Stadt Mainz steht zu ihrer Zusage, einen eigenen Beitrag in bekannter
Höhe zu diesem entscheidenden Vorhaben zu leisten. Doch um die neue
Synagoge verwirklichen zu können ist es nötig, dass alle beteiligten
Kräfte an einem Strang ziehen. Und daher ist mir sehr daran gelegen,
am heutigen Tag an den guten Willen aller Beteiligten zu appellieren.
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Erzwungene Normalität
Ansprache zur 66. Wiederkehr des 9. November 1938 in der Westendsynagoge,
Frankfurt am Main
Von Salomon Korn, geboren 1943, Dr. phil., Vorstandsmitglied der Jüdischen
Gemeinde Frankfurt a.M. und Vizepräsident des Zentralrates der Juden
in Deutschland
Vor 66 Jahren wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen
angezündet, Geschäfte jüdischer Deutscher zerstört,
Wohnungen geplündert, jüdische Menschen geschlagen, gequält,
gefoltert, vergewaltigt. Das alles geschah, mit Ausnahme der Vergewaltigungen
und Folterungen, öffentlich - nicht in der asiatischen Steppe, sondern
im Herzen Europas, in der Mitte jenes Landes, das bis dahin zu den zivilisiertesten
Ländern zählte. Der Pogrom, der sich bis in die Nacht zum 10.
November über das gesamte Reich ausbreitete, wurde nicht nur von
wenigen eingeschworenen Nazis durchgeführt, sondern von Nazi-Mitläufern
aller Gesellschaftsschichten. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung
stand den Vorgängen in der "Reichskristallnacht" gleichgültig
gegenüber. Und doch gab es immer wieder Versuche nächster Nachbarn,
durch Alarmierung der Polizei und Hilferufe aus dem Fenster die Täter
abzuwehren oder aufzuhalten. Auch eine Fülle verschiedener, häufig
heimlicher Hilfeleistungen, die während und nach den Zerstörungsaktionen
das Los jüdischer Familien lindern sollten, sind bekannt geworden.
Doch sie betrafen eine verschwindend geringe Minderheit. Wegsehen, Angst
und Schweigen war die Regel.
Hat eine Diktatur erst einmal alle Lebensbereiche durchdrungen
und unter ihre Kontrolle gebracht, dann wird Widerstand zu einem schwer
kalkulierbaren Risiko. Umso mehr sollten Respekt und Achtung jenen gelten,
die dieses Risiko nicht gescheut haben. Das gilt gleichermaßen für
die Menschen, die unter Einsatz ihrer Freiheit, ihres Ansehens, ja, ihres
Lebens, in aller Stille Widerstand geleistet haben, wie für die Attentäter
des 20. Juli 1944. Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist dabei die Verschiebung
von Wahrnehmung und Wertung des deutschen Widerstandes seit 1945.
Trotz ihrer Vereinnahmung durch die Politik der jungen
Bundesrepublik als Widerstandskämpfer, galten die Attentäter
des 20. Juli 1944 in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende vielen Deutschen
als Verräter. Gründe dafür liegen auf der Hand: die vorbehaltlose
Anerkennung des Widerstandes weniger gegen das Nazi-Regime hätte
zu einer Infragestellung sowohl des eigenen Verhaltens als auch des Verhaltens
des deutschen Volkes in seiner Mehrheit führen müssen. Dazu
aber waren die meisten Deutschen nach der totalen Niederlage weder willens
noch fähig, zumal es sich beim Nationalsozialismus um eine Konsens-Diktatur
gehandelt hat und völkisches Denken in Kategorien wie "Volksgemeinschaft"
lange nachwirkte - und bis heute noch nicht vollständig überwunden
ist.
In der demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland
bedarf es keines besonderen Mutes, Widerstand gegen restaurative politische
Tendenzen zu leisten. Es bedarf dazu noch nicht einmal des Widerstandes:
Sensibilität, Wachsamkeit und entschlossenes Eintreten genügten
meistens. Doch auch damit ist es nicht immer zum Besten bestellt.
Da ist die Geschichte des Lebensmittelhändlers Dieter
T. (Frankfurter Rundschau vom 22. August 2003): Als gläubiger Jude
richtet Dieter T. im Sommer 2002 im Norden Berlins ein koscheres Lebensmittelgeschäft
ein. Er nennt den Laden "Israel-Deli" und beklebt die Schaufensterscheibe
mit Davidsternen. Knapp vier Wochen laufen die Geschäfte normal.
Dann tauchen eines Morgens junge Neonazis vor seinem Laden auf. Sie kommen
nicht regelmäßig, aber sie kommen oft. Und sie pöbeln,
mal halb-laut, mal laut: "Juden-Laden", "Juden-Sau".
Einen Monat geht das so. Wenn T. morgens zu seinem Laden kommt, ist die
Scheibe bespuckt, besonders das Wort "koscher". Dieter T. putzt
seine Scheibe, putzt auch den Urin weg, mit dem sein Laden regelmäßig
besudelt wird. T.s "Israel-Deli" wird plötzlich zum bevorzugten
Ziel für Pöbeleien arabischer Jugendlicher. Sie spucken bei
helllichtem Tag an die Schaufensterscheibe, werfen Sand auf die vor dem
Laden aufgestellten Stehtische und reißen die Fahne herunter. Die
Kunden fühlen sich belästigt, dann bedroht. Sie bleiben zunehmend
weg.
Dieter T. macht weiter, obwohl er bemerkt, dass ein Teil
seiner Stammkunden begonnen hat, die Straßenseite zu wechseln. Im
Laden wird der Hitlergruß gezeigt, knallen Hacken zusammen. Das
"Israel-Deli" wird zum Zuschussgeschäft. Schließlich
kann Dieter T. Miete und Schulden nicht mehr bezahlen. Er gibt auf und
schließt seinen Lebensmittelladen. Am 2. November 2003 wandert Dieter
T. mit über 60 Jahren nach Israel aus.
Zugegeben: Dies ist keine alltägliche Geschichte
und auch nicht repräsentativ für den Alltag in Deutschland.
Dennoch muss es nachdenklich stimmen, dass in Berlin Nachbarn, Kunden
und zuständige Behörden statt sich dieser Sache beherzt anzunehmen,
vor Neonazis und arabischen Jugendlichen kapituliert haben. Wenn nach
den Erfahrungen der jüngsten deutschen Geschichte bereits den Anfängen
gewehrt werden muss, dann ist festzustellen: Entweder haben die betreffenden
Menschen in Berlin-Reinickendorf keine Lehren aus dem leidvollsten Abschnitt
deutscher Geschichte gezogen oder sie haben diese Lehren bereits vergessen.
Bei Hans-Olaf Henkel, dem früheren Präsidenten
des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ist nicht recht klar, welche
Lehren er aus der deutschen Geschichte gezogen hat. In der "Welt
am Sonntag" vom 19. September 2004 schreibt er in einer Replik auf
die Besprechung seines Buches "Die Kraft des Neubeginns" in
der Illustrierten "Stern": "Ein Abschnitt meines Buches
ist dem schrecklichen Phänomen des unterstellten Antisemitismus gewidmet.
... (Hohmann) wurde ausgestoßen, nicht etwa, weil man ihn des Antisemitismus
überführt, sondern weil man ihm diesen unterstellt hatte. Bis
heute ist mir kein Beweis des Gegenteils zur Kenntnis gekommen."
Hans-Olaf Henkel steht mit seiner Auffassung vom "unterstellten
Antisemitismus" nicht alleine da. Wie viele Verteidiger der Hohmann'schen
Rede vom 3. Oktober 2003 hat er deren Brisanz offenbar nicht erkannt -
vielleicht auch nicht erkennen können. Dass Hohmanns Rede antisemitisch
ist, steht außer Frage: Wer ein Standardwerk der antisemitischen
Literatur wie Henry Fords 1920 erschienenes Buch "The International
Jew" ausdrücklich zur Grundlage seiner Überlegungen macht
und daraus zustimmend zitiert, argumentiert antisemitisch. Wer die angebliche
Verbrechensbeteiligung von "Juden" derjenigen von "Deutschen"
gegenüberstellt und dem in Kollektivhaftung genommenen "jüdischen
Volk" in seiner Gesamtheit ein kommunistisches Staatsverbrechen anzulasten
versucht, mit dem Argument, viele Juden seien an ihm beteiligt gewesen,
argumentiert antisemitisch. Dies kann als "unterstellten Antisemitismus"
nur verkennen, wer - bewusst oder unbewusst - Verständnis für
Hohmanns Sicht der Dinge hat oder dessen Ansichten teilt.
Hans-Olaf Henkel und den übrigen Verteidigern von
Hohmann scheint zudem entgangen zu sein, dass dessen Rede nicht nur antisemitisches,
sondern auch völkisches und antidemokratisches Gedankengut enthält.
So verwendet Hohmann im Falle "Miami-Rolf", des Rentners, der
seine deutsche Sozialhilfe im fernen Florida bezieht, den Ausdruck "Schmarotzer"
im Sinne eines "Volksschädlings". Und er beklagt sich,
dass "man als Deutscher in Deutschland keine Vorzugsbehandlung genießt",
obwohl er doch als Bundestagsabgeordneter die Gleichheit aller vor dem
Gesetz verteidigen müsste.
Hohmanns Rede von 2003 hat wenig gemeinsam mit Walsers
"Sonntagsrede" von 1998; doch bei allen qualitativen Unterschieden
in Gedankenaufbau, Argumentation und sprachlicher Prägnanz: aus beiden
Reden klingt unüberhörbar der Wunsch nach dem Schlussstrich
unter die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. Und es war
Martin Walser, der - unter dem Beifall deutscher Eliten - mit seiner Autorität
als Schriftsteller jene einladende Schneise in Richtung Schlussstrich
geschlagen hat, der Martin Hohmann mit dürftigsten Argumenten umso
müheloser folgen konnte.
Beunruhigend ist nicht so sehr die von verquast-religiösen,
antisemitischen und völkischen Vorstellungen geprägte Rede Hohmanns
- darüber könnte angesichts ihrer geistigen Schlichtheit vielleicht
noch hinweggesehen werden. Beunruhigend sind in diesem Zusammenhang Zustimmung
und Verteidigung all jener, von denen Wachsamkeit gegen jede Diskriminierung
gesellschaftlicher Minderheiten zu erwarten gewesen wäre. Wenn aber
statt dessen die antisemitische und gegen demokratische Grundrechte gerichtete
Rede eines Bundestagsabgeordneten mit Berufung auf das Grundrecht der
freien Rede empört verteidigt wird, dann ist dies besorgniserregend.
Denn es wirft die Frage auf, bis zu welchem Grad in Deutschland Abkömmlinge
völkischen, nationalistischen und rassistischen Denkens untergründig
wirksam geblieben sind und damit in Teilen der Bevölkerung latent
einen Resonanzboden des Verständnisses für Äußerungen
eines Hohmann, eines Möllemann, eines Walsers und anderer bilden.
Es ist unübersehbar: die jüngste deutsche Vergangenheit
wird mit dem allmählichen Ableben der Zeitzeugen zunehmend Geschichte.
Dieser Vorgang, als Historisierung bekannt, ist ein natürlicher,
unausweichlicher Prozess. Was sich jedoch dabei zunehmend abzeichnet,
ist der Wunsch und das wachsende Bedürfnis nach Beschleunigung dieser
Entwicklung. Sie macht sich bemerkbar in einem Phänomen, das als
"forcierte Normalisierung" oder "erzwungene Normalität"
bezeichnet werden kann.
Beispiele dafür sind das "Sächsische Gedenkstättengesetz"
von 2003 sowie der von CDU/CSU im Jahr 2004 eingebrachte Gesetzesentwurf:
"Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in
Deutschland". Beide Texte zeigen in ihrem Wortlaut Ansätze zur
Herabstufung nationalsozialistischer Verbrechen durch deren begriffliche
Gleichsetzung mit Verbrechen des SED-Regimes. Wiederholt und ohne jede
Differenzierung ist dort zum Beispiel die Rede von "Widerstand gegen
die Diktaturen", von "Opfer der beiden deutschen Diktaturen",
von "beiden totalitären Diktaturen" und von "doppelter
Vergangenheit" (anstelle von "zweierlei Vergangenheit").
Solche sprachliche Nivellierung drückt das nationalsozialistische
Jahrtausendverbrechen mit europäischer Dimension und annähernd
50 Millionen Toten auf die Ebene der von SED-Diktatur und sowjetischer
Besatzung begangenen Verbrechen.
Diese Waagschalen-Mentalität, mit der nationalsozialistischer
Völkermord und Terrorherrschaft mit Verbrechen der SED-Diktatur sprachlich
gleichgestellt werden, führen von der europäischen Dimension
des Verbrechens zu einer Re-Nationalisierung des Gedenkens: danach waren
alle - Deutsche wie übrige Europäer - Opfer: alle haben gelitten,
alle verdienen Mitleid. Ursachen und Hintergründe der größten
europäischen Katastrophe verschwimmen schließlich in einer
Opfer und Täter, Ursache und Wirkung einebnenden Sprache.
Und als letztes Beispiel für den Versuch "forcierter
Normalisierung" sei die am 21. September 2004 in Berlin in Anwesenheit
des Bundeskanzlers eröffnete "Flick-Collection" genannt.
Bemerkenswert an der Auseinandersetzung um die Ausstellung der Kunstsammlung
Friedrich Christian Flicks ist weniger das Verhalten des Sammlers als
das der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es ist zunächst
das unbenommene Recht eines jeden Kunstsammlers, seine Sammlung der Öffentlichkeit
präsentieren zu wollen. Es ist aber andererseits auch die Pflicht
der von Bund und Ländern geförderten staatlichen Einrichtung
Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Umstände abzuwägen,
unter denen sie einem Privatsammler eine öffentliche Bühne für
die Ausstellung seiner Kunstsammlung in der deutschen Hauptstadt bietet.
Und ihre Pflicht wäre es gewesen - zumal nach dem 2001 gescheiterten
Versuch Flicks, seine Kunstsammlung in Zürich auszustellen - zwischen
zwei Gütern abzuwägen: zwischen herausgehobener öffentlicher
Präsentation des Namens Flick und deren Auswirkungen auf die seelische
Verfassung überlebender Zwangs- und Sklavenarbeiter, die mit dem
Namen Flick Ausbeutung, Elend und lebenslang nachwirkende Traumata verbinden.
Was vor zehn Jahren in Deutschland nicht möglich
gewesen wäre und vor drei Jahren in Zürich nicht möglich
war, ist in Berlin 2004 Wirklichkeit geworden: weder die verletzten Gefühle
noch lebender "Flickscher Zwangs- und Sklavenarbeiter" sind
von Belang noch das bisherige Verhalten von Friedrich Christian Flick,
der sich seit Antritt seines millionenschweren Erbes im Jahre 1975 - im
Unterschied zu seinen Geschwistern - geweigert hat, die Zwangs- und Sklavenarbeiter
seines Großvaters auch nur symbolisch zu entschädigen.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beharrt bei
der Verteidigung ihrer Entscheidung, die "Flick-Collection"
auszustellen, auf zwei Argumenten, die niemand infrage gestellt oder bezweifelt
hat: Kunst könne man nicht stigmatisieren und die Enkel könne
man nicht in andauernde Sippenhaft nehmen. Mit diesen beiden Argumenten
und ohne das entscheidende Argument möglicher Zumutbarkeit gegenüber
den Überlebenden nationalsozialistischer Verbrechen ließe sich
auch eine "Göring-Collection" rechtfertigen. Die Dünnhäutigkeit,
mit der die Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
auf diesen Vergleich reagiert haben, gestehen sie den überlebenden
"Flickschen Zwangs- und Sklavenarbeitern" bei der "Flick-Collection"
nicht zu. Es ist schon atemberaubend, welche Gefühlskälte den
ehemaligen Zwangs- und Sklavenarbeitern und welches Wohlwollen Friedrich
Christian Flick und seiner Kunstsammlung von den Ausstellungsbefürwortern
entgegengebracht wurden.
Und selbst vor historisch verfehlten Vergleichen haben
die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihre Fürsprecher
sich nicht gescheut: Alle großen Kunstsammlungen dieser Welt, so
deren Argumentation, seien das Ergebnis vorausgegangener Verbrechen, wie
etwa der Raub der Kunstschätze des Louvres, des Britischen Museums
und der Markuskirche in Venedig. Die Beutezüge feudalistischer Herrscher
in vordemokratischen Zeiten dienen auf diese Weise der Rechtfertigung
der Ausstellung der "Flick-Collection" in der deutschen Hauptstadt
- so als könne Unrecht der Vergangenheit aktuelles, in die Gegenwart
nachwirkendes Unrecht aufwiegen. In dieser Argumentationslinie, in der
Unrecht, sofern mit Kunst verbunden, hinnehmbar wird, ist das ungewollte
Eingeständnis der zweifelhaften Herkunft der Mittel, mit denen die"Flick-Collection"
erworben wurde, ebenso enthalten wie das unausgesprochene Plädoyer
für die Ausstellung "bestechender" Kunstsammlungen - unabhängig
von Herkunft und Vorgeschichte.
Gegen die von vornherein feststehende Absicht, eine bedeutende
und umfangreiche Sammlung moderner Kunst in Berlin auszustellen, mussten
alle Bedenken - sofern sie je vorhanden waren - zurückstehen. Doch
mehr noch als "Recht haben" - darauf verweist ihre nachgeschobene
Legitimationsstrategie - wollte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz
um jeden Preis die "Flick-Collection" haben. Und dies wurde
mit Billigung des Bundeskanzlers in einem Akt "forcierender Normalisierung"
durchgesetzt - ohne Gespür für jene, die mit dem Namen des vor
dem Nürnberger Tribunal verurteilten Kriegsverbrechers Friedrich
Flick nicht Einsicht, Verantwortung oder philanthropische Leistungen verbinden,
sondern die dunklen Seiten der deutschen Geschichte und auch solche der
deutschen Nachkriegsgeschichte.
Und deshalb fällt auf die "Flick-Collection"
ein Schatten, der nicht weichen will. Zu durchsichtig, so bemerkt Thomas
Assheuer von der "Zeit" zutreffend, waren die Versuche der Indienstnahme
bedeutender Kunst für geschichtspolitische Zwecke "zu schamlos
die Absicht, die 'Berliner Republik' im Glanz einer neugewonnenen Unschuld
strahlen zu lassen und, wie es in der Hauptstadt hieß, "Unglück
in Glück zu verwandeln". Die Flick-Collection, daraus hat weder
die Bundesregierung noch der Berliner Senat einen Hehl gemacht, sollte
der deutschen Selbstversöhnung zu Diensten sein und einen Teil der
Wunde schließen, die die Nazizeit gerissen hat' (Christina Weiss)."
Welch ein Irrtum: Was Menschen nicht vermögen, vermag
keine noch so bedeutende Kunst. Und auch das sei jenen gesagt, die mit
Hilfe staatlicher Macht die "Flick-Collection" in der deutschen
Hauptstadt durchgesetzt haben: Keine noch so bedeutende Kunstausstellung
rechtfertigt das damit in Kauf genommene menschliche Leid. Und deshalb
sei die Frage gestellt: Wo waren jene bekannten, sonst so sensibel reagierenden
deutschen Künstler und Intellektuelle, die im Zusammenhang mit der
Stiftungsinitiative zur Entschädigung ehemaliger Zwangs- und Sklavenarbeiter
2001 gegen die Ausstellung der "Flick-Collection" in Zürich
protestiert hatten? Warum haben sie nicht ebenso gegen die Ausstellung
der "Flick-Collection" in Berlin protestiert? War das Eintreten
des Bundeskanzlers zugunsten der "Flick-Collection" ausschlaggebend
für den unterbliebenen Protest?
Sechzig Jahre sind seit dem missglückten Attentat
des 20. Juli 1944 vergangen. Die Bundesrepublik Deutschland ist zweifellos
eine stabile Demokratie, in der nicht Widerstand, sondern kritischer Verstand
gefordert ist. Doch wie die aufgezeigten Beispiele belegen, mangelt es
bei aller demokratischen Stabilität in Deutschland gelegentlich an
Sensibilität, Wachsamkeit und Zivilcourage - mit zunehmender Tendenz.
Jüngstes Beispiel: die ohne Widerspruch des Publikums gehaltenen
antisemitischen und antiisraelischen Hetzreden von eingeladenen Vertretern
arabischer Staaten auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.
Die unausweichliche Tatsache, dass in die Gegenwart nachwirkende
geschichtliche Ereignisse, so ungeheuerlich sie auch gewesen sind, sich
allmählich historisieren, darf niemandem in Deutschland als Vorwand
nachlassender Wachsamkeit gegenüber restaurativen Entwicklungen dienen.
Dies ginge langfristig nicht nur auf Kosten betroffener gesellschaftlicher
Minderheiten, sondern beschädigte die Demokratie als ganzes. Sie
erfordert unablässige Sensibilität, Empathie, Entschlossenheit
und Wachsamkeit - Wachsamkeit auch gegen Versuche "forcierter Normalisierung"
, die nichts anderes sind als Versuche verordneter Schlussstriche unter
eine weiterhin wirkungsmächtige deutsche Vergangenheit. Denn mit
jedem dieser Versuche entfernen wir uns von jener wünschenswerten
deutsch-jüdischen Normalität, ja, von Normalität eines
demokratischen Gemeinwesens überhaupt, die erst dann eintreten kann,
wenn sie nicht mehr verordnet oder herbeigeredet werden muss.
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Der "neue Antisemitismus" - Altes Gift mit neuem
Etikett
In Europa blüht die alte Seuche neu auf
Redetext von Dr. Dieter Graumann, Präsidiumsmitglied
des Zentralrats der Juden Deutschland und Vorstandsmitglied der Jüdischen
Gemeinde Frankfurt
Der 9. November 1938 gilt zu Recht gemeinhin als eine
Explosion von Sadismus, von Vandalismus, von Mordlust, von Zerstörungswut.
Es war der keineswegs spontane, vielmehr sorgfältig gelenkte, inszenierte,
orchestrierte Ausbruch von brutaler Judenfeindschaft.
Wie ist das heute? Die Pest von Antisemitismus ist nicht
tot, sondern höchst lebendig. In den letzten Monaten hat es zu diesem
Thema, da es leider so aktuell ist, große internationale Konferenzen
und Erklärungen gegeben. Oft wird heute dabei vom "neuen Antisemitismus"
gesprochen. Ist er wirklich neu? Was ist dabei neu? Oder: Handelt es sich
am Ende doch nur um das alte Gift mit neuem Etikett? Und: Wie geht das
moderne, aufgeklärte Europa mit dieser Seuche um?
Antisemitismus vergeht nicht. Aber auch der Antisemitismus
geht inzwischen mit der Zeit. Auch er geht sozusagen mit der Mode, macht
sich fein und chic, um attraktiv und akzeptabel und legitim zu erscheinen.
Natürlich gibt es noch den "alten" - soll man etwa sagen:
den "guten alten"? - Antisemitismus: jener, der die Juden als
rassisch minderwertig qualifiziert, sie aussondern oder gar eliminieren
will. Das alles gibt es noch heute - aber in dieser Schlichtheit doch
eher selten.
Der Antisemitismus von heute stellt sich oft anders dar
als früher, chiffriert, codiert - aber nicht weniger gehässig
und verwerflich. Heutzutage will kaum jemand mehr sich direkt als Antisemit
outen. Denn allzu sehr ist doch der offen ausgesprochene Judenhass mit
dem millionenfachen Morden, mit den monumentalen Mordfabriken verknüpft
und gilt daher politisch als nicht - oder als noch nicht wieder - korrekt.
Was also ist zu tun? Wie soll sich denn der arme Antisemit
von heute eigentlich artikulieren? Fast könnte er einem ja leid tun:
Auschwitz leugnen soll er nicht. Auschwitz loben darf er nicht. Juden
akzeptieren kann er nicht. Eine verzwickte Lage.
Wie gut, dass es da Israel gibt! Gäbe es Israel
nicht, die Antisemiten von heute müssten es direkt erfinden! Denn
Israel liefert doch die perfekte Möglichkeit, uralte antisemitische
Instinkte unter der modischen, bunten Flagge von Antizionismus politisch
korrekt auszuleben. Dass das überhaupt möglich ist, müsste
die Antisemiten von heute perverserweise eigentlich zu begeisterten Zionisten
machen. Aber das wäre wahrscheinlich denn doch zu viel verlangt.
Wohlgemerkt: Ganz sicher ist keineswegs jede Israelkritik
antisemitisch. Und Kritik an israelischer Politik ist natürlich legitim.
Nirgends ist diese Kritik auch leidenschaftlicher als in Israel selbst
- ganz unabhängig übrigens davon, welche Politik dort gerade
verfolgt wird. Aber Israel ist nicht nur die einzige Demokratie der Region,
sondern verfügt außerdem über eine besonders intensive
und lebendige Streitkultur.
Aber hier geht es doch um etwas ganz anderes: Denn oft,
und öfter als man denkt, dient die radikale, von Hass getragene Kritik
an Israel nur als Vehikel, um am Ende doch wieder nur den allzu vertrauten
Judenhass zu transportieren. Neu ist das nicht: Spätestens seit Stalin
und seinen Schauprozessen ist Antizionismus zu einem Codewort für
Antisemitismus geworden. Und auch heute gibt es sehr wohl den Ersatzantisemitismus,
der Israel sagt und Juden meint. Kritik an Israel als Alibi, als Vorwand,
als Deckmantel für ausgelebte Judenfeindschaft - das ist in Europa
heute nur allzu oft rüde Realität.
In Deutschland hat das Ganze natürlich noch einen
ganz besonderen Akzent, einen ganz speziellen Geschmack. Es ist eine "Entschuldungs-Debatte",
die geführt wird, getragen vom Wunsch, die Schuld der Väter
und Großväter zu verkleinern, indem die Kinder und Enkel der
Opfer von damals zu den Tätern von heute werden. Daraus spricht die
Fantasie - oder die Wunschvorstellung - dass Israelis und Juden irgendwie
doch auch wie die Nazis sein mögen. Es ist der schamlose Versuch
einer schuldentlastenden Projektion. Die kontroverse Diskussion in Deutschland
über das Thema Israel verursacht auch keineswegs neuen Antisemitismus.
Nein: hier wird nur jener Antisemitismus offenbart, der schon immer vorhanden
war. Oder anders: Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, der war schon
längst einer.
Aber natürlich ist das alles keineswegs auf Deutschland
beschränkt. In Frankreich, teilweise aber auch in Belgien, etwa hat
der Antisemitismus geradezu rasante Wachstumsraten aufzuweisen, ist sozusagen
die "Wachstumsbranche" schlechthin. Dort findet die islamische
Hasskampagne gegen Israel und gegen alle Juden offenbar eine besonders
große Resonanz. Denn vom Islamismus - und alles Leugnen oder Verdrängen
hilft hier doch nicht weiter - bekommt der Antisemitismus von heute frische
Kraft und neues Feuer.
Die Neigung in Europa, islamistische Fehlentwicklungen,
einfach zu ignorieren - oder soll man sagen: nicht einmal zu ignorieren?
- ist dabei besonders fatal und schändlich. Wie reagiert man denn
in Europa auf schlimmste Diktatur, brutale Folter, auf systematische,
schier unfassbare Unterdrückung von Frauen, von Kindern, von Andersdenkenden
ganz zu schweigen, in islamistisch regierten Ländern? Wohlwollendes
Schweigen, akute Beißhemmung, bemühtes Wegschauen. Feigheit
und Ängstlichkeit, ja auch Doppelmoral und Heuchelei - Appeasement
pur.
Und wenn es dann auch noch um Länder geht, die über
wirtschaftliche Macht verfügen, sogar Erdöl exportieren - dann
gibt es überhaupt keine moralischen Bremsen mehr. In den allerletzten
Wochen erst: Da wird ein rundherum blutrünstiges, bösartiges
Regime mit einem Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaft
aufgewertet, und ein berüchtigter, besonders brutaler Diktator, der
vermutlich wahnsinnig, sicher aber verantwortlich ist für Tausende
von Mordtaten weltweit, wird sogar durch einen großartigen Kanzlerbesuch
beehrt. Wir alle wissen doch: Würden diese Länder Bananen statt
Erdöl exportieren - kein Mensch würde sie derart unterwürfig
hofieren. Aber so? Öl statt Moral. Jene, wie etwa die Grünen,
die so gerne von der Moral in der Politik sprechen, habe ich zu diesem
Thema jedenfalls nicht gehört.
In Frankreich sind inzwischen mehrere Hundert Male Synagogen,
jüdische Schulen und Friedhöfe angegriffen worden. Antizionismus?
Aber was, bitteschön, haben Angriffe auf jüdische Bethäuser,
jüdische Friedhöfe und auf jüdische Kinder in Schulen in
Frankreich denn eigentlich mit dem Nah-Ost- Konflikt zu tun? Juden werden
angegriffen, weil sie Juden sind. Das ist Antisemitismus pur. Was denn
sonst? Und: Wird denn Antisemitismus etwa dadurch besser, oder weniger
schlimm, wenn die Täter selbst oft Außenseiter sind?
Der Antisemitismus in Europa insgesamt ist jedenfalls
definitiv stärker geworden, lauter, gefährlicher. Die "Europäische
Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" hat
in ihrer Studie vom April 2004 gerade das festgestellt. Dort ist zu lesen,
dass selbst in einigen Ländern, in denen es kaum antisemitische Vorfälle
gibt, der Antisemitismus dennoch in der Bevölkerung oft besonders
verbreitet und nachgerade populär ist. Das gilt etwa für Österreich,
was uns allen in dieser Hinsicht wohl vertraut und ganz zu Recht übel
beleumundet ist. Das gilt zum Teil aber auch für ein Land wie Griechenland,
wo die dortige orthodoxe Kirche eine in dieser Hinsicht nicht immer hilfreiche
Rolle spielt. Das trifft aber auch für andere Länder zu. Antisemitismus
ist jedenfalls in Europa eindeutig aggressiver, dreister, greller geworden,
das ist nicht nur die Wahrnehmung traumatisierter Juden (wobei gilt: selbst
wer unter Verfolgungswahn leiden sollte, kann durchaus wirklich verfolgt
werden!).
Und die entscheidende Rolle spielt heutzutage der Islamismus,
der einen unversöhnlichen, ja tödlichen Hass auf Israel und
auf alle Juden predigt. Aber schaut man sich einmal genauer die grauenhaften
Hetztiraden in arabischen Zeitungen an, die wahrhaft schauerlichen Fernsehsendungen,
die Hassgeschichten in palästinensischen Schulbüchern - teilweise
und zeitweise sogar mitfinanziert durch die EU, ein kolossaler Skandal
für sich! - die antisemitischen Karikaturen, praktischerweise direkt
dem "Stürmer" entnommen, so stellt man schnell fest: Nichts
Neues unter der Sonne.
Da ist der klassische Antisemitismus europäischer
Provenienz wieder auferstanden: die gleichen Wendungen bis in die Details
hinein. Und neu an diesem Antisemitismus ist nun lediglich, dass er heute
so stark über die islamistische Schiene transportiert wird: global,
total, machtvoll, voll marktschreierischem Hass.
Freilich: Das alles ist nichts anderes als der Re- Import
des in Europa erfundenen alten Antisemitismus mit den immer gleichen Klischees:
Ritualmord, Jüdische Weltverschwörung, sogar die längst
vergilbten "Protokolle der Weisen von Zion" (ein ausgesprochen
dummes Machwerk des zaristischen Geheimdienstes, vor genau hundert Jahren
fabriziert) werden wieder ausgegraben, werden reanimiert und exhumiert.
Es sind die immer gleichen Mechanismen: Denunzierung, Dämonisierung,
Stereotypisierung.
Antisemitismus hatte seine Quelle und mörderischen
Wurzeln aber immer in Europa. Doch inzwischen ist er zu einer weltweiten
Krankheit geworden - die Globalisierung umfasst mittlerweile auch den
schlimmsten Judenhass. Freilich sollte nun niemand etwa denken, hier seien
vom Islamismus lediglich Israel und die Juden gemeint (beide werden hier
bezeichnenderweise immer als Synonym verwendet), und andere kämen
so einfach davon. Nein: Jeder modern lebenden Mensch, und insbesondere
jede selbstbestimmt lebende Frau, sind Ziel dieses feurigen Hasses. Und
der "Jude" ist lediglich Symbol für alles Moderne, ja ein
Codewort für ein modernes Leben in Freiheit. Für den Islamismus
ist Israel und sind die Juden nur populistische Feindbilder, mit denen
generell und universell jede Modernität, mit denen Liberalismus,
Freiheit, Gleichberechtigung bekämpft werden. Denn: Hier geht es
um einen Generalangriff aus der Finsternis des geistigen Mittelalters
auf die gerade in Europa so hoch gehaltenen Werte, auf Toleranz und Aufklärung
schlechthin. Und doch scheint nun gerade in Europa das Gift islamistischer
Propaganda mehr und mehr aufzugehen.
Und wenn nun osteuropäische Länder, in denen
auch die zigtausendfache Komplizenschaft mit den Judenmorden nie richtig
verarbeitet, oft nicht einmal eingestanden wird, zur EU stoßen,
so birgt das - so schön und wünschenswert das alles ohne Zweifel
ist - auch neue Gefahren. Denn der Antisemitismus lebt in Osteuropa teilweise
ungeniert und ungebrochen weiter: Das gilt für Polen, das uns inzwischen
immer wieder zeigt, dass man zum Antisemitismus gar keine Juden mehr braucht
und wo die katholische Kirche schon immer und noch immer in dieser Hinsicht
allzu oft eine verwerfliche und niederträchtige Rolle spielte und
spielt, das gilt teilweise aber auch für Ungarn, für Rümänien,
für die Slowakei und für die baltischen Länder auch.
In Europa sollte man die Sorgen der jüdischen Bürger
besser ernst nehmen. Denn Antisemitismus war in der Geschichte immer schon
ein Gradmesser, ein Indikator dafür, wie es um Toleranz und Freiheit
in der ganzen Gesellschaft bestellt ist. Elie Wiesel hat dazu einmal gesagt:
"Wir Juden haben dafür keine Antennen. Wir sind die Antennen."
Antisemitismus ist eine Seuche, eine Pest, eine Krankheit
der Menschheit. Europa muss das Richtige tun und das Falsche unterlassen.
Nicht wegsehen. Nicht beschwichtigen. Nicht verniedlichen. Nicht verharmlosen.
Sondern: Offensiv und entschlossen dagegen halten.
Das geschieht nun leider nicht immer. Dafür gibt
es er viele Beispiele. Aber: Warum in die Ferne schweifen - wenn ein schlechtes
Beispiel doch so nahe liegt. Vor genau einem Monat: Frankfurter Buchmesse.
Nun ist eine stärkere Kommunikation mit der arabischen Welt ohne
Zweifel nur zu begrüßen. Kommunikation ist allemal besser als
Konfrontation. Aber die Wahrheit ist doch auch: Ja, bei dieser Messe wurde
auch ganz offensichtlich antisemitische Literatur ausgestellt. Die Messeleitung,
darauf mehrfach angesprochen, stellte sich taub und behauptete einfach,
das sei nicht ganz klar. Nun: Da wurde ein Buch, um nur ein Beispiel zu
nennen, mit dem schönen Titel: "The Sin of the Jews" angeboten.
Zu lesen war in Büchern zum Beispiel, "die jüdische Religion
fordert die Vernichtung aller Völker" und die Juden seien "sowohl
die Mörder des Propheten wie auch der größte Feind der
Menschheit". Die Krönung fand freilich schon gleich zu Beginn
statt: Denn zur Eröffnung sprach der Bundeskanzler und auch Mohammed
Salmavy, ein weltweit bekannter, übler Antisemit und ein notorischer
Holocaust-Leugner. Darauf wurde mehrfach hingewiesen. Die Veranstalter
kümmerte das nicht. Bis heute nicht.
Dabei verdanken wir doch Mohammed Salmawy immerhin so wichtige Einsichten
wie etwa die Behauptung, die Deutschen hätten die Juden seinerzeit
deportieren müssen, weil sie schließlich eine lästige
Bürde waren, die Öfen in Auschwitz - und damit wir uns alle
richtig verstehen: die Verbrennungsöfen für vorher vergaste
Menschen! - hat er tatsächlich vermessen und als zu klein befunden
und den weltberühmten Holocaust-Leugner David Irving immer aktiv
unterstützt. Vor nicht langer Zeit erst hat er einen Artikel veröffentlich
mit dem feinen Titel: "Cherchez les juifs." Ein solcher Mann
eröffnet die Frankfurter Buchmesse! Man fasst es nicht. Und alle,
alle schweigen. Natürlich: Die Veranstalter der Buchmesse sind mit
Sicherheit über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben. Aber sie
haben ihn schließlich doch auch ein Stück hingenommen, zugelassen,
um des lieben Friedens willen, wie sie ihn verstehen, aus Rücksicht,
aus Vorsicht. Ein schlechtes Beispiel für moralischen Anspruch, ein
gutes Beispiel für moralische Verirrung. Denn: Hinter dieser Haltung
steht anschaulich all das, was ich zuvor als so bedenklich beschrieben
habe: Wegschauen, Wegschauen-Wollen, Verharmlosen, aber auch: Angst, Feigheit,
Doppelmoral, Appeasement pur. Wer den kleinen Antisemitismus toleriert,
verharmlosend in Kauf nimmt, wird den großen Antisemitismus mit
Sicherheit niemals aufhalten. Nein: Hier darf es einfach keine Kompromisse
geben. Wer hier mit Kompromissen auch nur beginnt, hat die Schlacht schon
verloren. Antisemitismus muss klar benannt und geächtet werden. Und
Antisemiten, so wichtig sie auch scheinen, gebührt generell keine
prominente Plattform, auch keine großartige Beachtung - sondern
nur Verachtung.
Ich weiß: Solche Sätze sind oft leichter gesagt
als umgesetzt. Aber hier geht es am Ende doch um eine ganz grundsätzliche
Einstellung, die nicht nur gedacht und gefordert werden soll, sondern
immer wieder gelebt werden muss - allen Versuchungen und allen Widerständen
zum Trotz.
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