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Deutschland gedenkt der Novemberpogrome vor 66 Jahren


"Mahnung zur Zivilcourage"

Gedenkfeier zur Pogromnacht: OB Beutel steht zu Synagogen-Neubau

Vor den als Mahnmal dienenden Säulenresten und Kapitellen der alten Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße erinnerte auch die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich, an die Pogromnacht vor 66 Jahren. Foto: hbz/Michael Bahr

10.11.2004 - Von Alice Gundlach

Mit einer Gedenkfeier am Mahnmal vor der alten Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße haben gestern jüdische und nichtjüdische Mainzer der Reichspogromnacht vor 66 Jahren gedacht.

"An den schmerzhaften Lehren der Nazizeit kommt man nicht vorbei", sagte Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) am Mahnmal vor der ehemaligen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße. Vor 66 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, zerstörten Nazi-Schergen in ganz Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen. Auch in Mainz: Hier wurde die 1912 fertig gestellte Hauptsynagoge niedergebrannt. Die Reichspogromnacht gilt als Auftakt zum Völkermord an den Juden im Dritten Reich. "Dieser Gedenktag mahnt uns zu Respekt, Zivilcourage und Menschlichkeit", sagte Beutel.

"Um zu verstehen, dass Nachbarn es normal fanden, dass ihre jüdischen Mitbürger deportiert wurden, muss man wissen, dass dem bereits eine lange Entwicklung voraus gegangen war", sagte Stella Schindler-Siegreich, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz. Schon lange vorher seien Juden als "Wucherer" diffamiert, dann langsam aus dem öffentlichen Leben verbannt worden. Es folgte der Boykott jüdischer Geschäfte. "Die Erinnerung daran soll uns immer vor Augen halten, wozu Menschen fähig sind, und zwar jederzeit", mahnte Schindler-Siegreich.

Das jüdische Leben hat die Stadt Mainz im Laufe der Jahrhunderte geprägt. Wie die meisten Städte am Rhein hat auch Mainz einen jüdischen Namen erhalten: Magenza. "Die Juden haben in den Jahrhunderten ihren Teil zur Entwicklung von Mainz beigetragen", betonte Schindler-Siegreich. Es sei daher auch für das nichtjüdische Mainz wichtig, dass es eine neue Hauptsynagoge gebe, "um der Stadt einen Teil ihrer Geschichte wiederzugeben", sagte Schindler-Siegreich.

Beutel bekräftigte den Wunsch der Stadt, dass bald eine neue Synagoge entstehe. Der Neubau sei seit zehn Jahren geplant, die Stadt Mainz finanziere das 20-Millionen-Euro-Projekt zu einem Drittel. "Die Stadt steht zu ihren Zusagen", erklärte Beutel.

Zwye Eliezer Alonie, Rabbiner für Mainz, Worms und Rheinhessen, sprach zum Abschluss der Gedenkfeier das Kaddisch, die jüdische Totenklage, und legte nach jüdischem Trauerritual einen Stein auf den Gedenkstein des Mahnmals.


Rede des Mainzer Oberbürgermeisters Jens Beutel

Heute gedenken wir der Reichspogromnacht und der zahlreichen Opfer der furchtbaren Ereignisse, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begannen. In ganz Deutschland wurden damals jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert, Synagogen und Gebetshäuser geschändet und in Brand gesetzt. Zehntausende jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden bedroht, misshandelt, verhaftet, ermordet. Die Reichspogromnacht war der Auftakt zum Völkermord, dem bereits eine systematische Entrechtung vorangegangen war.

Auch in Mainz brannten Häuser, Geschäfte und Synagogen. Unter der Fahne von Rassenhass und Zerstörungswut wurden Menschen in unserer Stadt gehetzt, gedemütigt, verletzt und getötet. Die Mainzer Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße war ein Hauptziel des Terrors. Sie war seit ihrer Einweihung 1912 die zentrale Heimstatt der jüdischen Gemeinde in Mainz - und prägte neben dem Dom und der Christuskirche das Bild und das Leben unserer Stadt entscheidend mit. SS-Trupps plünderten in der Nacht zum 10. November 1938 die Synagoge und steckten sie in Brand. Das Gotteshaus wurde dabei völlig vernichtet.

All diesen schrecklichen Übergriffen waren die jüdischen Bürgerinnen und Bürger wehrlos ausgesetzt. Auch wenn es in Mainz eine ganze Reihe von Menschen gab, die mit Abscheu und Entsetzen reagierten oder den Opfern beistanden, so gab es doch viele - viel zu viele - die wegsahen oder sogar mitmachten.

Wenn wir uns heute an die Reichspogromnacht und an das, was folgte, erinnern - dann denken wir an die Opfer der Gewalt, an ihre Angst, an ihre Ohnmacht und an ihre Qual. Wir fragen uns 66 Jahre nach der Schreckensnacht immer noch fassungslos: Wie konnte es geschehen, dass jeglicher Maßstab für Recht und Unrecht verloren ging und dass der Mitmensch zum so genannten "Untermenschen" wurde? Und wir fragen uns: Wie können wir verhindern, dass so etwas noch einmal passiert und zu unfassbarem Leid führt?

Wir tragen hier als Deutsche ohne Zweifel eine besondere Verantwortung dafür, an das Schreckliche zu erinnern und uns für die Aussöhnung und für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Doch um wirkungsvoll und nachhaltig zu verhindern, dass das Unfassbare sich wiederholt, müssen wir auch im Blick behalten, was die polnische Autorin Zofia Nalkowska ihrem Buch "Die Medallions" über jüdische Schicksale in der Nazi-Zeit als Memento voran gestellt hat: "Das haben Menschen Menschen angetan."

Die Schoah hat uns auf schreckliche Weise vor Augen geführt, zu welcher Bestialität Menschen fähig sind. Die öffentlichen Diskussionen gerade in den letzten Monaten zu unterschiedlichen historischen Themen und mit dem Tenor, Leid und Schuld aufzuwiegen, sind in diesem Zusammenhang zumeist wenig konstruktiv - zum Teil sogar zynisch, wenn sie lediglich bestimmten politischen Zielen dienen sollen. Wir kommen an den schmerzhaften, beunruhigenden Lehren des Nationalsozialismus nicht vorbei. Wir müssen uns erinnern - auch wenn es kein leichter Weg ist. Und wir müssen dabei auch den Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft richten.

Kein Tag vergeht, ohne dass wir in den Nachrichten von Hass, Krieg, Terror und Folter hören. Doch auch wenn wir uns angesichts dieser Berichte und der furchtbaren Bilder oft ohnmächtig fühlen, darf dies kein Grund sein zu resignieren oder uns aus unserer persönlichen Verantwortung zurückzuziehen. Wir alle sind gefordert, für ein gutes Miteinander nach unseren Möglichkeiten einzustehen. Jeder kann dafür etwas tun - und das fängt schon im Alltag mit den vermeintlich "kleinen" Gesten an wie einander zuhören und einander ernst nehmen.

Der 9. November erinnert uns an diese ständige persönliche Aufgabe. Er mahnt uns, für Respekt, Zivilcourage und Menschlichkeit einzustehen.

2600 Juden lebten vor 1945 in Mainz, nach dem Ende des Nazi-Regimes und des 2. Weltkriegs waren es noch 61. Heute zählt die Jüdische Gemeinde Mainz wieder nahezu 1000 Mitglieder. Das jüdische Gemeindeleben wie auch die deutsch-israelischen Beziehungen zu fördern ist für die Stadt Mainz gerade angesichts ihrer wechselvollen Geschichte von besonderer Bedeutung. Ich freue mich vor diesem Hintergrund sehr, dass sich die jüdische Gemeinde in unserer Stadt stetig weiterentwickelt - und dass wir zusammen schon vieles erreicht haben, um die Erinnerungen an das Vergangene zu bewahren, Brücken für die Verständigung zu bauen und das gute Zusammenleben in unserer Stadt weiter zu stärken. Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam weitergehen - im Sinne eines würdigen und lebendigen Gedenkens und im Sinne einer guten Entwicklung und Zukunft für das jüdische Gemeindeleben in Mainz.

Angesichts neuer Entscheidungen ist es mir auch wichtig, das Anliegen der Stadt Mainz zu bekräftigen, das sich auf die Unterstützung des Baus einer neuen Synagoge für die Jüdische Gemeinde richtet. Die Stadt Mainz steht zu ihrer Zusage, einen eigenen Beitrag in bekannter Höhe zu diesem entscheidenden Vorhaben zu leisten. Doch um die neue Synagoge verwirklichen zu können ist es nötig, dass alle beteiligten Kräfte an einem Strang ziehen. Und daher ist mir sehr daran gelegen, am heutigen Tag an den guten Willen aller Beteiligten zu appellieren.


Ein "Schicksalstag"

Regierung und Parlament zum 9. November

Vom 10.11.2004

mpf. MAINZ Regierung und Parlament in Rheinland-Pfalz haben gestern an den 15. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, aber auch an die brennenden Synagogen im Jahr 1938 erinnert. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) nannte den 9. November 1989 einen "Glückstag der deutschen Geschichte". Die Finanzierung der deutschen Einheit sei eine "große Solidarleistung", die auch künftig enorme Anstrengungen erfordere.

Landtagspräsident Christoph Grimm (SPD) bezeichnete den 9. November als "schicksalhaften Tag für die deutsche Geschichte". Spätestens die Untaten der nationalsozialistischen Schlägertrupps hätten gezeigt, dass "der Staat die Freiheit mit den Füßen trat". Mit dem Fall der Berliner Mauer habe das Ende des Kalten Krieges und die politische Wende im damaligen Ostblock begonnen.

Justizminister Herbert Mertin (FDP) sprach von einem "Tag der besonderen Verantwortung der Deutschen". Vor dem geschichtlichen Hintergrund müsse der Tag als ständige Herausforderung begriffen werden. Extremistischen Strömungen müsse auch heute entgegengewirkt werden, forderte Mertin.


Zentralrat der Juden warnt vor Antisemitismus

Vom 10.11.2004

GELSENKIRCHEN (dpa) 66 Jahre nach der Reichspogromnacht hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, gestern den Grundstein für eine neue Synagoge in Gelsenkirchen gelegt.

Spiegel sagte, viele Juden fühlten sich weiter vom Rechtsextremismus bedroht. "Die aktuellen Wahlergebnisse der NPD bereiten uns Sorge". 14 Prozent der Nichtjuden in Deutschland hätten antisemitische Vorurteile. "Die vielen Menschen ohne braune Uniform" hätten in der Pogromnacht am 9. November 1938 die Chance gehabt, "dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten". Das folgenden Generationen vermittelte "Märchen", man habe keine Vorstellung von den Zielen der Nazis gehabt, nannte Spiegel eine "Lebenslüge von Millionen Mitläufern".

 

Gedenken nährt den Wunsch nach Frieden

Erinnerung in Bad Kreuznach an die Pogromnacht vor 66 Jahren

Vom 10.11.2004

tt. Gestern Abend versammelten sich Kreuznacher in der Mühlenstraße, wo früher die Synagoge stand, um daran zu erinnern, dass auch viele Juden von der Nahe den nationalsozialistischen Wahn nicht überlebt haben. In der Nacht zum 10. November 1938 wurde das jüdische Gotteshaus verwüstet. Mehr als 20 Wohnungen und Geschäfte der Stadt wurden zerstört.

Masoud Y. Gilardy, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde, warnte vor dem Irrtum, dass Verbrechen mit nazistischem Hintergrund nur in Deutschland geschehen könnten, "auch andere sind nicht immun". Das zeige die Weltgeschichte - auch in der Zeit nach dem Dritten Reich. Er wünsche sich, dass die Kinder einmal toleranter zueinander sein werden und in einer friedlicheren Welt leben könnten, als sie es heute ist.

Was persönliches und kollektives Erinnern bedeutet, legte die Kulturdezernentin Helga Baumann dar. Wer anmahne, endlich die Erinnerung an den Holocaust verblassen zu lassen, fordere Unmögliches - so als sollten "wir unsere Eltern vergessen".

Ksenia Alekseeva von der Jugendgruppe der Jüdischen Gemeinde trug ein Gedicht vor, die Stama-Schüler Charlotte Salz, Janine Silvery und Christoph Zeumer berichteten, wie sie in der Schule und im Gespräch mit Nikolaus Blättermann Informationen sammelten über das Leben jüdischer Mitbürger. Charlotte Diehl und Mareike Dunkel spielten Klarinette


Das Vergessen darf nicht siegen

Gedenkstunde zur Pogromnacht am Mahnmal der ehemaligen Synagoge am Michelsberg

Trotz Regens fanden viele Bürger den Weg zur Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am Michelsberg.
RMB/Stotz

Vom 10.11.2004

WIESBADEN (ki) Die Erinnerung an die Ereignisse vor 66 Jahren, als in der so genannten Reichskristallnacht mit dem Brand ihrer Synagoge auch für die Wiesbadener Juden Verfolgung und Ermordung begannen, sei für sie keine "Pflichtübung", wie es der Schriftsteller Martin Walser abwertend beschrieben habe. Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels bezeichnete das mahnende Erinnern an den 9. November 1938 bei der gestrigen Gedenkstunde am Michelsberg vielmehr als Pflicht; allein angesichts jüngster Wahlerfolge von Rechtsextremen im Osten. Sie sei sicher, dass die demokratischen Prinzipien Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Menschlichkeit allgemein akzeptiert seien und getragen würden; ebenso die "Wiesbadener Linie" gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Allerdings müsse man diese Phänomene unterscheiden von "Kritik".

Den bereits vom US-Bürgerrechtler Martin Luther King konstatierten Zusammenhang von Antisemitismus und "Antizionismus" hob dagegen Jürgen Richter, Vorsitzender der Wiesbadener Jüdischen Gemeinde, hervor: Als Jude müsse man in Deutschland immerfort - und möglichst kritisch - Stellung beziehen zur aktuellen Politik Israels. "Zahlt man diesen Eintrittspreis, ist man guter Jude und gern gesehener Gesprächs- und Redepartner." Solange antijüdische Mythen und Propaganda im Nahen Osten allerdings zur Tagesordnung gehörten, "werde ich meine Kritik an Ariel Scharon und an Israel nicht mit denen teilen, die die Existenz des jüdischen Staates in Frage stellen", machte Richter klar.

Der Vorsitzende wies darauf hin, dass sich 1938 auch "brave Bürger und nette Familien" an Ausplünderungen beteiligten. Der 9. November sei der "Vorgeschmack der kommenden Hölle" gewesen; der Auftrag der Toten an die Lebenden sei daher, nicht das Vergessen über das Erinnern siegen zu lassen und der "Fratze" des Antisemitismus stets zu begegnen: "Keinen Fußbreit den Feinden der Menschheit!"

Für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hob deren Vorsitzende Ines Henn die vielen gemeinsamen Aktivitäten in der Landeshauptstadt hervor: "Wir müssen Verantwortung weitergeben, wo Schuldzuweisungen nicht mehr möglich sind." Dass dies auch schon sehr früh geschieht, zeigte das Beispiel der Klasse 7a der Diltheyschule: Die Schüler trugen Passagen aus Hans Peter Richters Buch "Damals war es Friedrich" und Erfahrungsberichte ihrer Lektüre im Deutschunterricht vor.

Nach dem Gebet "El Malé Rachamim", das Gemeinde-Kantor Avraham Nussbaum für die Verstorbenen sprach, wurde am Mahnmal ein Kranz niedergelegt. Seit kurzem steht dort, am Treppenaufgang zum Schulberg, das transparente Foto, das den Blick in den Innenraum der Synagoge zeigt.


Erzwungene Normalität

Ansprache zur 66. Wiederkehr des 9. November 1938 in der Westendsynagoge, Frankfurt am Main

Von Salomon Korn, geboren 1943, Dr. phil., Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt a.M. und Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland

Vor 66 Jahren wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen angezündet, Geschäfte jüdischer Deutscher zerstört, Wohnungen geplündert, jüdische Menschen geschlagen, gequält, gefoltert, vergewaltigt. Das alles geschah, mit Ausnahme der Vergewaltigungen und Folterungen, öffentlich - nicht in der asiatischen Steppe, sondern im Herzen Europas, in der Mitte jenes Landes, das bis dahin zu den zivilisiertesten Ländern zählte. Der Pogrom, der sich bis in die Nacht zum 10. November über das gesamte Reich ausbreitete, wurde nicht nur von wenigen eingeschworenen Nazis durchgeführt, sondern von Nazi-Mitläufern aller Gesellschaftsschichten. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stand den Vorgängen in der "Reichskristallnacht" gleichgültig gegenüber. Und doch gab es immer wieder Versuche nächster Nachbarn, durch Alarmierung der Polizei und Hilferufe aus dem Fenster die Täter abzuwehren oder aufzuhalten. Auch eine Fülle verschiedener, häufig heimlicher Hilfeleistungen, die während und nach den Zerstörungsaktionen das Los jüdischer Familien lindern sollten, sind bekannt geworden. Doch sie betrafen eine verschwindend geringe Minderheit. Wegsehen, Angst und Schweigen war die Regel.

Hat eine Diktatur erst einmal alle Lebensbereiche durchdrungen und unter ihre Kontrolle gebracht, dann wird Widerstand zu einem schwer kalkulierbaren Risiko. Umso mehr sollten Respekt und Achtung jenen gelten, die dieses Risiko nicht gescheut haben. Das gilt gleichermaßen für die Menschen, die unter Einsatz ihrer Freiheit, ihres Ansehens, ja, ihres Lebens, in aller Stille Widerstand geleistet haben, wie für die Attentäter des 20. Juli 1944. Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist dabei die Verschiebung von Wahrnehmung und Wertung des deutschen Widerstandes seit 1945.

Trotz ihrer Vereinnahmung durch die Politik der jungen Bundesrepublik als Widerstandskämpfer, galten die Attentäter des 20. Juli 1944 in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende vielen Deutschen als Verräter. Gründe dafür liegen auf der Hand: die vorbehaltlose Anerkennung des Widerstandes weniger gegen das Nazi-Regime hätte zu einer Infragestellung sowohl des eigenen Verhaltens als auch des Verhaltens des deutschen Volkes in seiner Mehrheit führen müssen. Dazu aber waren die meisten Deutschen nach der totalen Niederlage weder willens noch fähig, zumal es sich beim Nationalsozialismus um eine Konsens-Diktatur gehandelt hat und völkisches Denken in Kategorien wie "Volksgemeinschaft" lange nachwirkte - und bis heute noch nicht vollständig überwunden ist.

In der demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland bedarf es keines besonderen Mutes, Widerstand gegen restaurative politische Tendenzen zu leisten. Es bedarf dazu noch nicht einmal des Widerstandes: Sensibilität, Wachsamkeit und entschlossenes Eintreten genügten meistens. Doch auch damit ist es nicht immer zum Besten bestellt.

Da ist die Geschichte des Lebensmittelhändlers Dieter T. (Frankfurter Rundschau vom 22. August 2003): Als gläubiger Jude richtet Dieter T. im Sommer 2002 im Norden Berlins ein koscheres Lebensmittelgeschäft ein. Er nennt den Laden "Israel-Deli" und beklebt die Schaufensterscheibe mit Davidsternen. Knapp vier Wochen laufen die Geschäfte normal. Dann tauchen eines Morgens junge Neonazis vor seinem Laden auf. Sie kommen nicht regelmäßig, aber sie kommen oft. Und sie pöbeln, mal halb-laut, mal laut: "Juden-Laden", "Juden-Sau". Einen Monat geht das so. Wenn T. morgens zu seinem Laden kommt, ist die Scheibe bespuckt, besonders das Wort "koscher". Dieter T. putzt seine Scheibe, putzt auch den Urin weg, mit dem sein Laden regelmäßig besudelt wird. T.s "Israel-Deli" wird plötzlich zum bevorzugten Ziel für Pöbeleien arabischer Jugendlicher. Sie spucken bei helllichtem Tag an die Schaufensterscheibe, werfen Sand auf die vor dem Laden aufgestellten Stehtische und reißen die Fahne herunter. Die Kunden fühlen sich belästigt, dann bedroht. Sie bleiben zunehmend weg.

Dieter T. macht weiter, obwohl er bemerkt, dass ein Teil seiner Stammkunden begonnen hat, die Straßenseite zu wechseln. Im Laden wird der Hitlergruß gezeigt, knallen Hacken zusammen. Das "Israel-Deli" wird zum Zuschussgeschäft. Schließlich kann Dieter T. Miete und Schulden nicht mehr bezahlen. Er gibt auf und schließt seinen Lebensmittelladen. Am 2. November 2003 wandert Dieter T. mit über 60 Jahren nach Israel aus.

Zugegeben: Dies ist keine alltägliche Geschichte und auch nicht repräsentativ für den Alltag in Deutschland. Dennoch muss es nachdenklich stimmen, dass in Berlin Nachbarn, Kunden und zuständige Behörden statt sich dieser Sache beherzt anzunehmen, vor Neonazis und arabischen Jugendlichen kapituliert haben. Wenn nach den Erfahrungen der jüngsten deutschen Geschichte bereits den Anfängen gewehrt werden muss, dann ist festzustellen: Entweder haben die betreffenden Menschen in Berlin-Reinickendorf keine Lehren aus dem leidvollsten Abschnitt deutscher Geschichte gezogen oder sie haben diese Lehren bereits vergessen.

Bei Hans-Olaf Henkel, dem früheren Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ist nicht recht klar, welche Lehren er aus der deutschen Geschichte gezogen hat. In der "Welt am Sonntag" vom 19. September 2004 schreibt er in einer Replik auf die Besprechung seines Buches "Die Kraft des Neubeginns" in der Illustrierten "Stern": "Ein Abschnitt meines Buches ist dem schrecklichen Phänomen des unterstellten Antisemitismus gewidmet. ... (Hohmann) wurde ausgestoßen, nicht etwa, weil man ihn des Antisemitismus überführt, sondern weil man ihm diesen unterstellt hatte. Bis heute ist mir kein Beweis des Gegenteils zur Kenntnis gekommen."

Hans-Olaf Henkel steht mit seiner Auffassung vom "unterstellten Antisemitismus" nicht alleine da. Wie viele Verteidiger der Hohmann'schen Rede vom 3. Oktober 2003 hat er deren Brisanz offenbar nicht erkannt - vielleicht auch nicht erkennen können. Dass Hohmanns Rede antisemitisch ist, steht außer Frage: Wer ein Standardwerk der antisemitischen Literatur wie Henry Fords 1920 erschienenes Buch "The International Jew" ausdrücklich zur Grundlage seiner Überlegungen macht und daraus zustimmend zitiert, argumentiert antisemitisch. Wer die angebliche Verbrechensbeteiligung von "Juden" derjenigen von "Deutschen" gegenüberstellt und dem in Kollektivhaftung genommenen "jüdischen Volk" in seiner Gesamtheit ein kommunistisches Staatsverbrechen anzulasten versucht, mit dem Argument, viele Juden seien an ihm beteiligt gewesen, argumentiert antisemitisch. Dies kann als "unterstellten Antisemitismus" nur verkennen, wer - bewusst oder unbewusst - Verständnis für Hohmanns Sicht der Dinge hat oder dessen Ansichten teilt.

Hans-Olaf Henkel und den übrigen Verteidigern von Hohmann scheint zudem entgangen zu sein, dass dessen Rede nicht nur antisemitisches, sondern auch völkisches und antidemokratisches Gedankengut enthält. So verwendet Hohmann im Falle "Miami-Rolf", des Rentners, der seine deutsche Sozialhilfe im fernen Florida bezieht, den Ausdruck "Schmarotzer" im Sinne eines "Volksschädlings". Und er beklagt sich, dass "man als Deutscher in Deutschland keine Vorzugsbehandlung genießt", obwohl er doch als Bundestagsabgeordneter die Gleichheit aller vor dem Gesetz verteidigen müsste.

Hohmanns Rede von 2003 hat wenig gemeinsam mit Walsers "Sonntagsrede" von 1998; doch bei allen qualitativen Unterschieden in Gedankenaufbau, Argumentation und sprachlicher Prägnanz: aus beiden Reden klingt unüberhörbar der Wunsch nach dem Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. Und es war Martin Walser, der - unter dem Beifall deutscher Eliten - mit seiner Autorität als Schriftsteller jene einladende Schneise in Richtung Schlussstrich geschlagen hat, der Martin Hohmann mit dürftigsten Argumenten umso müheloser folgen konnte.

Beunruhigend ist nicht so sehr die von verquast-religiösen, antisemitischen und völkischen Vorstellungen geprägte Rede Hohmanns - darüber könnte angesichts ihrer geistigen Schlichtheit vielleicht noch hinweggesehen werden. Beunruhigend sind in diesem Zusammenhang Zustimmung und Verteidigung all jener, von denen Wachsamkeit gegen jede Diskriminierung gesellschaftlicher Minderheiten zu erwarten gewesen wäre. Wenn aber statt dessen die antisemitische und gegen demokratische Grundrechte gerichtete Rede eines Bundestagsabgeordneten mit Berufung auf das Grundrecht der freien Rede empört verteidigt wird, dann ist dies besorgniserregend. Denn es wirft die Frage auf, bis zu welchem Grad in Deutschland Abkömmlinge völkischen, nationalistischen und rassistischen Denkens untergründig wirksam geblieben sind und damit in Teilen der Bevölkerung latent einen Resonanzboden des Verständnisses für Äußerungen eines Hohmann, eines Möllemann, eines Walsers und anderer bilden.

Es ist unübersehbar: die jüngste deutsche Vergangenheit wird mit dem allmählichen Ableben der Zeitzeugen zunehmend Geschichte. Dieser Vorgang, als Historisierung bekannt, ist ein natürlicher, unausweichlicher Prozess. Was sich jedoch dabei zunehmend abzeichnet, ist der Wunsch und das wachsende Bedürfnis nach Beschleunigung dieser Entwicklung. Sie macht sich bemerkbar in einem Phänomen, das als "forcierte Normalisierung" oder "erzwungene Normalität" bezeichnet werden kann.

Beispiele dafür sind das "Sächsische Gedenkstättengesetz" von 2003 sowie der von CDU/CSU im Jahr 2004 eingebrachte Gesetzesentwurf: "Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland". Beide Texte zeigen in ihrem Wortlaut Ansätze zur Herabstufung nationalsozialistischer Verbrechen durch deren begriffliche Gleichsetzung mit Verbrechen des SED-Regimes. Wiederholt und ohne jede Differenzierung ist dort zum Beispiel die Rede von "Widerstand gegen die Diktaturen", von "Opfer der beiden deutschen Diktaturen", von "beiden totalitären Diktaturen" und von "doppelter Vergangenheit" (anstelle von "zweierlei Vergangenheit"). Solche sprachliche Nivellierung drückt das nationalsozialistische Jahrtausendverbrechen mit europäischer Dimension und annähernd 50 Millionen Toten auf die Ebene der von SED-Diktatur und sowjetischer Besatzung begangenen Verbrechen.

Diese Waagschalen-Mentalität, mit der nationalsozialistischer Völkermord und Terrorherrschaft mit Verbrechen der SED-Diktatur sprachlich gleichgestellt werden, führen von der europäischen Dimension des Verbrechens zu einer Re-Nationalisierung des Gedenkens: danach waren alle - Deutsche wie übrige Europäer - Opfer: alle haben gelitten, alle verdienen Mitleid. Ursachen und Hintergründe der größten europäischen Katastrophe verschwimmen schließlich in einer Opfer und Täter, Ursache und Wirkung einebnenden Sprache.

Und als letztes Beispiel für den Versuch "forcierter Normalisierung" sei die am 21. September 2004 in Berlin in Anwesenheit des Bundeskanzlers eröffnete "Flick-Collection" genannt. Bemerkenswert an der Auseinandersetzung um die Ausstellung der Kunstsammlung Friedrich Christian Flicks ist weniger das Verhalten des Sammlers als das der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es ist zunächst das unbenommene Recht eines jeden Kunstsammlers, seine Sammlung der Öffentlichkeit präsentieren zu wollen. Es ist aber andererseits auch die Pflicht der von Bund und Ländern geförderten staatlichen Einrichtung Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Umstände abzuwägen, unter denen sie einem Privatsammler eine öffentliche Bühne für die Ausstellung seiner Kunstsammlung in der deutschen Hauptstadt bietet. Und ihre Pflicht wäre es gewesen - zumal nach dem 2001 gescheiterten Versuch Flicks, seine Kunstsammlung in Zürich auszustellen - zwischen zwei Gütern abzuwägen: zwischen herausgehobener öffentlicher Präsentation des Namens Flick und deren Auswirkungen auf die seelische Verfassung überlebender Zwangs- und Sklavenarbeiter, die mit dem Namen Flick Ausbeutung, Elend und lebenslang nachwirkende Traumata verbinden.

Was vor zehn Jahren in Deutschland nicht möglich gewesen wäre und vor drei Jahren in Zürich nicht möglich war, ist in Berlin 2004 Wirklichkeit geworden: weder die verletzten Gefühle noch lebender "Flickscher Zwangs- und Sklavenarbeiter" sind von Belang noch das bisherige Verhalten von Friedrich Christian Flick, der sich seit Antritt seines millionenschweren Erbes im Jahre 1975 - im Unterschied zu seinen Geschwistern - geweigert hat, die Zwangs- und Sklavenarbeiter seines Großvaters auch nur symbolisch zu entschädigen.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beharrt bei der Verteidigung ihrer Entscheidung, die "Flick-Collection" auszustellen, auf zwei Argumenten, die niemand infrage gestellt oder bezweifelt hat: Kunst könne man nicht stigmatisieren und die Enkel könne man nicht in andauernde Sippenhaft nehmen. Mit diesen beiden Argumenten und ohne das entscheidende Argument möglicher Zumutbarkeit gegenüber den Überlebenden nationalsozialistischer Verbrechen ließe sich auch eine "Göring-Collection" rechtfertigen. Die Dünnhäutigkeit, mit der die Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf diesen Vergleich reagiert haben, gestehen sie den überlebenden "Flickschen Zwangs- und Sklavenarbeitern" bei der "Flick-Collection" nicht zu. Es ist schon atemberaubend, welche Gefühlskälte den ehemaligen Zwangs- und Sklavenarbeitern und welches Wohlwollen Friedrich Christian Flick und seiner Kunstsammlung von den Ausstellungsbefürwortern entgegengebracht wurden.

Und selbst vor historisch verfehlten Vergleichen haben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihre Fürsprecher sich nicht gescheut: Alle großen Kunstsammlungen dieser Welt, so deren Argumentation, seien das Ergebnis vorausgegangener Verbrechen, wie etwa der Raub der Kunstschätze des Louvres, des Britischen Museums und der Markuskirche in Venedig. Die Beutezüge feudalistischer Herrscher in vordemokratischen Zeiten dienen auf diese Weise der Rechtfertigung der Ausstellung der "Flick-Collection" in der deutschen Hauptstadt - so als könne Unrecht der Vergangenheit aktuelles, in die Gegenwart nachwirkendes Unrecht aufwiegen. In dieser Argumentationslinie, in der Unrecht, sofern mit Kunst verbunden, hinnehmbar wird, ist das ungewollte Eingeständnis der zweifelhaften Herkunft der Mittel, mit denen die"Flick-Collection" erworben wurde, ebenso enthalten wie das unausgesprochene Plädoyer für die Ausstellung "bestechender" Kunstsammlungen - unabhängig von Herkunft und Vorgeschichte.

Gegen die von vornherein feststehende Absicht, eine bedeutende und umfangreiche Sammlung moderner Kunst in Berlin auszustellen, mussten alle Bedenken - sofern sie je vorhanden waren - zurückstehen. Doch mehr noch als "Recht haben" - darauf verweist ihre nachgeschobene Legitimationsstrategie - wollte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz um jeden Preis die "Flick-Collection" haben. Und dies wurde mit Billigung des Bundeskanzlers in einem Akt "forcierender Normalisierung" durchgesetzt - ohne Gespür für jene, die mit dem Namen des vor dem Nürnberger Tribunal verurteilten Kriegsverbrechers Friedrich Flick nicht Einsicht, Verantwortung oder philanthropische Leistungen verbinden, sondern die dunklen Seiten der deutschen Geschichte und auch solche der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Und deshalb fällt auf die "Flick-Collection" ein Schatten, der nicht weichen will. Zu durchsichtig, so bemerkt Thomas Assheuer von der "Zeit" zutreffend, waren die Versuche der Indienstnahme bedeutender Kunst für geschichtspolitische Zwecke "zu schamlos die Absicht, die 'Berliner Republik' im Glanz einer neugewonnenen Unschuld strahlen zu lassen und, wie es in der Hauptstadt hieß, "Unglück in Glück zu verwandeln". Die Flick-Collection, daraus hat weder die Bundesregierung noch der Berliner Senat einen Hehl gemacht, sollte der deutschen Selbstversöhnung zu Diensten sein und einen Teil der Wunde schließen, die die Nazizeit gerissen hat' (Christina Weiss)."

Welch ein Irrtum: Was Menschen nicht vermögen, vermag keine noch so bedeutende Kunst. Und auch das sei jenen gesagt, die mit Hilfe staatlicher Macht die "Flick-Collection" in der deutschen Hauptstadt durchgesetzt haben: Keine noch so bedeutende Kunstausstellung rechtfertigt das damit in Kauf genommene menschliche Leid. Und deshalb sei die Frage gestellt: Wo waren jene bekannten, sonst so sensibel reagierenden deutschen Künstler und Intellektuelle, die im Zusammenhang mit der Stiftungsinitiative zur Entschädigung ehemaliger Zwangs- und Sklavenarbeiter 2001 gegen die Ausstellung der "Flick-Collection" in Zürich protestiert hatten? Warum haben sie nicht ebenso gegen die Ausstellung der "Flick-Collection" in Berlin protestiert? War das Eintreten des Bundeskanzlers zugunsten der "Flick-Collection" ausschlaggebend für den unterbliebenen Protest?

Sechzig Jahre sind seit dem missglückten Attentat des 20. Juli 1944 vergangen. Die Bundesrepublik Deutschland ist zweifellos eine stabile Demokratie, in der nicht Widerstand, sondern kritischer Verstand gefordert ist. Doch wie die aufgezeigten Beispiele belegen, mangelt es bei aller demokratischen Stabilität in Deutschland gelegentlich an Sensibilität, Wachsamkeit und Zivilcourage - mit zunehmender Tendenz. Jüngstes Beispiel: die ohne Widerspruch des Publikums gehaltenen antisemitischen und antiisraelischen Hetzreden von eingeladenen Vertretern arabischer Staaten auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Die unausweichliche Tatsache, dass in die Gegenwart nachwirkende geschichtliche Ereignisse, so ungeheuerlich sie auch gewesen sind, sich allmählich historisieren, darf niemandem in Deutschland als Vorwand nachlassender Wachsamkeit gegenüber restaurativen Entwicklungen dienen. Dies ginge langfristig nicht nur auf Kosten betroffener gesellschaftlicher Minderheiten, sondern beschädigte die Demokratie als ganzes. Sie erfordert unablässige Sensibilität, Empathie, Entschlossenheit und Wachsamkeit - Wachsamkeit auch gegen Versuche "forcierter Normalisierung" , die nichts anderes sind als Versuche verordneter Schlussstriche unter eine weiterhin wirkungsmächtige deutsche Vergangenheit. Denn mit jedem dieser Versuche entfernen wir uns von jener wünschenswerten deutsch-jüdischen Normalität, ja, von Normalität eines demokratischen Gemeinwesens überhaupt, die erst dann eintreten kann, wenn sie nicht mehr verordnet oder herbeigeredet werden muss.


Der "neue Antisemitismus" - Altes Gift mit neuem Etikett

In Europa blüht die alte Seuche neu auf

Redetext von Dr. Dieter Graumann, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden Deutschland und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt

Der 9. November 1938 gilt zu Recht gemeinhin als eine Explosion von Sadismus, von Vandalismus, von Mordlust, von Zerstörungswut. Es war der keineswegs spontane, vielmehr sorgfältig gelenkte, inszenierte, orchestrierte Ausbruch von brutaler Judenfeindschaft.

Wie ist das heute? Die Pest von Antisemitismus ist nicht tot, sondern höchst lebendig. In den letzten Monaten hat es zu diesem Thema, da es leider so aktuell ist, große internationale Konferenzen und Erklärungen gegeben. Oft wird heute dabei vom "neuen Antisemitismus" gesprochen. Ist er wirklich neu? Was ist dabei neu? Oder: Handelt es sich am Ende doch nur um das alte Gift mit neuem Etikett? Und: Wie geht das moderne, aufgeklärte Europa mit dieser Seuche um?

Antisemitismus vergeht nicht. Aber auch der Antisemitismus geht inzwischen mit der Zeit. Auch er geht sozusagen mit der Mode, macht sich fein und chic, um attraktiv und akzeptabel und legitim zu erscheinen. Natürlich gibt es noch den "alten" - soll man etwa sagen: den "guten alten"? - Antisemitismus: jener, der die Juden als rassisch minderwertig qualifiziert, sie aussondern oder gar eliminieren will. Das alles gibt es noch heute - aber in dieser Schlichtheit doch eher selten.

Der Antisemitismus von heute stellt sich oft anders dar als früher, chiffriert, codiert - aber nicht weniger gehässig und verwerflich. Heutzutage will kaum jemand mehr sich direkt als Antisemit outen. Denn allzu sehr ist doch der offen ausgesprochene Judenhass mit dem millionenfachen Morden, mit den monumentalen Mordfabriken verknüpft und gilt daher politisch als nicht - oder als noch nicht wieder - korrekt.

Was also ist zu tun? Wie soll sich denn der arme Antisemit von heute eigentlich artikulieren? Fast könnte er einem ja leid tun: Auschwitz leugnen soll er nicht. Auschwitz loben darf er nicht. Juden akzeptieren kann er nicht. Eine verzwickte Lage.

Wie gut, dass es da Israel gibt! Gäbe es Israel nicht, die Antisemiten von heute müssten es direkt erfinden! Denn Israel liefert doch die perfekte Möglichkeit, uralte antisemitische Instinkte unter der modischen, bunten Flagge von Antizionismus politisch korrekt auszuleben. Dass das überhaupt möglich ist, müsste die Antisemiten von heute perverserweise eigentlich zu begeisterten Zionisten machen. Aber das wäre wahrscheinlich denn doch zu viel verlangt.

Wohlgemerkt: Ganz sicher ist keineswegs jede Israelkritik antisemitisch. Und Kritik an israelischer Politik ist natürlich legitim. Nirgends ist diese Kritik auch leidenschaftlicher als in Israel selbst - ganz unabhängig übrigens davon, welche Politik dort gerade verfolgt wird. Aber Israel ist nicht nur die einzige Demokratie der Region, sondern verfügt außerdem über eine besonders intensive und lebendige Streitkultur.

Aber hier geht es doch um etwas ganz anderes: Denn oft, und öfter als man denkt, dient die radikale, von Hass getragene Kritik an Israel nur als Vehikel, um am Ende doch wieder nur den allzu vertrauten Judenhass zu transportieren. Neu ist das nicht: Spätestens seit Stalin und seinen Schauprozessen ist Antizionismus zu einem Codewort für Antisemitismus geworden. Und auch heute gibt es sehr wohl den Ersatzantisemitismus, der Israel sagt und Juden meint. Kritik an Israel als Alibi, als Vorwand, als Deckmantel für ausgelebte Judenfeindschaft - das ist in Europa heute nur allzu oft rüde Realität.

In Deutschland hat das Ganze natürlich noch einen ganz besonderen Akzent, einen ganz speziellen Geschmack. Es ist eine "Entschuldungs-Debatte", die geführt wird, getragen vom Wunsch, die Schuld der Väter und Großväter zu verkleinern, indem die Kinder und Enkel der Opfer von damals zu den Tätern von heute werden. Daraus spricht die Fantasie - oder die Wunschvorstellung - dass Israelis und Juden irgendwie doch auch wie die Nazis sein mögen. Es ist der schamlose Versuch einer schuldentlastenden Projektion. Die kontroverse Diskussion in Deutschland über das Thema Israel verursacht auch keineswegs neuen Antisemitismus. Nein: hier wird nur jener Antisemitismus offenbart, der schon immer vorhanden war. Oder anders: Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, der war schon längst einer.

Aber natürlich ist das alles keineswegs auf Deutschland beschränkt. In Frankreich, teilweise aber auch in Belgien, etwa hat der Antisemitismus geradezu rasante Wachstumsraten aufzuweisen, ist sozusagen die "Wachstumsbranche" schlechthin. Dort findet die islamische Hasskampagne gegen Israel und gegen alle Juden offenbar eine besonders große Resonanz. Denn vom Islamismus - und alles Leugnen oder Verdrängen hilft hier doch nicht weiter - bekommt der Antisemitismus von heute frische Kraft und neues Feuer.

Die Neigung in Europa, islamistische Fehlentwicklungen, einfach zu ignorieren - oder soll man sagen: nicht einmal zu ignorieren? - ist dabei besonders fatal und schändlich. Wie reagiert man denn in Europa auf schlimmste Diktatur, brutale Folter, auf systematische, schier unfassbare Unterdrückung von Frauen, von Kindern, von Andersdenkenden ganz zu schweigen, in islamistisch regierten Ländern? Wohlwollendes Schweigen, akute Beißhemmung, bemühtes Wegschauen. Feigheit und Ängstlichkeit, ja auch Doppelmoral und Heuchelei - Appeasement pur.

Und wenn es dann auch noch um Länder geht, die über wirtschaftliche Macht verfügen, sogar Erdöl exportieren - dann gibt es überhaupt keine moralischen Bremsen mehr. In den allerletzten Wochen erst: Da wird ein rundherum blutrünstiges, bösartiges Regime mit einem Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaft aufgewertet, und ein berüchtigter, besonders brutaler Diktator, der vermutlich wahnsinnig, sicher aber verantwortlich ist für Tausende von Mordtaten weltweit, wird sogar durch einen großartigen Kanzlerbesuch beehrt. Wir alle wissen doch: Würden diese Länder Bananen statt Erdöl exportieren - kein Mensch würde sie derart unterwürfig hofieren. Aber so? Öl statt Moral. Jene, wie etwa die Grünen, die so gerne von der Moral in der Politik sprechen, habe ich zu diesem Thema jedenfalls nicht gehört.

In Frankreich sind inzwischen mehrere Hundert Male Synagogen, jüdische Schulen und Friedhöfe angegriffen worden. Antizionismus? Aber was, bitteschön, haben Angriffe auf jüdische Bethäuser, jüdische Friedhöfe und auf jüdische Kinder in Schulen in Frankreich denn eigentlich mit dem Nah-Ost- Konflikt zu tun? Juden werden angegriffen, weil sie Juden sind. Das ist Antisemitismus pur. Was denn sonst? Und: Wird denn Antisemitismus etwa dadurch besser, oder weniger schlimm, wenn die Täter selbst oft Außenseiter sind?

Der Antisemitismus in Europa insgesamt ist jedenfalls definitiv stärker geworden, lauter, gefährlicher. Die "Europäische Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" hat in ihrer Studie vom April 2004 gerade das festgestellt. Dort ist zu lesen, dass selbst in einigen Ländern, in denen es kaum antisemitische Vorfälle gibt, der Antisemitismus dennoch in der Bevölkerung oft besonders verbreitet und nachgerade populär ist. Das gilt etwa für Österreich, was uns allen in dieser Hinsicht wohl vertraut und ganz zu Recht übel beleumundet ist. Das gilt zum Teil aber auch für ein Land wie Griechenland, wo die dortige orthodoxe Kirche eine in dieser Hinsicht nicht immer hilfreiche Rolle spielt. Das trifft aber auch für andere Länder zu. Antisemitismus ist jedenfalls in Europa eindeutig aggressiver, dreister, greller geworden, das ist nicht nur die Wahrnehmung traumatisierter Juden (wobei gilt: selbst wer unter Verfolgungswahn leiden sollte, kann durchaus wirklich verfolgt werden!).

Und die entscheidende Rolle spielt heutzutage der Islamismus, der einen unversöhnlichen, ja tödlichen Hass auf Israel und auf alle Juden predigt. Aber schaut man sich einmal genauer die grauenhaften Hetztiraden in arabischen Zeitungen an, die wahrhaft schauerlichen Fernsehsendungen, die Hassgeschichten in palästinensischen Schulbüchern - teilweise und zeitweise sogar mitfinanziert durch die EU, ein kolossaler Skandal für sich! - die antisemitischen Karikaturen, praktischerweise direkt dem "Stürmer" entnommen, so stellt man schnell fest: Nichts Neues unter der Sonne.

Da ist der klassische Antisemitismus europäischer Provenienz wieder auferstanden: die gleichen Wendungen bis in die Details hinein. Und neu an diesem Antisemitismus ist nun lediglich, dass er heute so stark über die islamistische Schiene transportiert wird: global, total, machtvoll, voll marktschreierischem Hass.

Freilich: Das alles ist nichts anderes als der Re- Import des in Europa erfundenen alten Antisemitismus mit den immer gleichen Klischees: Ritualmord, Jüdische Weltverschwörung, sogar die längst vergilbten "Protokolle der Weisen von Zion" (ein ausgesprochen dummes Machwerk des zaristischen Geheimdienstes, vor genau hundert Jahren fabriziert) werden wieder ausgegraben, werden reanimiert und exhumiert. Es sind die immer gleichen Mechanismen: Denunzierung, Dämonisierung, Stereotypisierung.

Antisemitismus hatte seine Quelle und mörderischen Wurzeln aber immer in Europa. Doch inzwischen ist er zu einer weltweiten Krankheit geworden - die Globalisierung umfasst mittlerweile auch den schlimmsten Judenhass. Freilich sollte nun niemand etwa denken, hier seien vom Islamismus lediglich Israel und die Juden gemeint (beide werden hier bezeichnenderweise immer als Synonym verwendet), und andere kämen so einfach davon. Nein: Jeder modern lebenden Mensch, und insbesondere jede selbstbestimmt lebende Frau, sind Ziel dieses feurigen Hasses. Und der "Jude" ist lediglich Symbol für alles Moderne, ja ein Codewort für ein modernes Leben in Freiheit. Für den Islamismus ist Israel und sind die Juden nur populistische Feindbilder, mit denen generell und universell jede Modernität, mit denen Liberalismus, Freiheit, Gleichberechtigung bekämpft werden. Denn: Hier geht es um einen Generalangriff aus der Finsternis des geistigen Mittelalters auf die gerade in Europa so hoch gehaltenen Werte, auf Toleranz und Aufklärung schlechthin. Und doch scheint nun gerade in Europa das Gift islamistischer Propaganda mehr und mehr aufzugehen.

Und wenn nun osteuropäische Länder, in denen auch die zigtausendfache Komplizenschaft mit den Judenmorden nie richtig verarbeitet, oft nicht einmal eingestanden wird, zur EU stoßen, so birgt das - so schön und wünschenswert das alles ohne Zweifel ist - auch neue Gefahren. Denn der Antisemitismus lebt in Osteuropa teilweise ungeniert und ungebrochen weiter: Das gilt für Polen, das uns inzwischen immer wieder zeigt, dass man zum Antisemitismus gar keine Juden mehr braucht und wo die katholische Kirche schon immer und noch immer in dieser Hinsicht allzu oft eine verwerfliche und niederträchtige Rolle spielte und spielt, das gilt teilweise aber auch für Ungarn, für Rümänien, für die Slowakei und für die baltischen Länder auch.

In Europa sollte man die Sorgen der jüdischen Bürger besser ernst nehmen. Denn Antisemitismus war in der Geschichte immer schon ein Gradmesser, ein Indikator dafür, wie es um Toleranz und Freiheit in der ganzen Gesellschaft bestellt ist. Elie Wiesel hat dazu einmal gesagt: "Wir Juden haben dafür keine Antennen. Wir sind die Antennen."

Antisemitismus ist eine Seuche, eine Pest, eine Krankheit der Menschheit. Europa muss das Richtige tun und das Falsche unterlassen. Nicht wegsehen. Nicht beschwichtigen. Nicht verniedlichen. Nicht verharmlosen. Sondern: Offensiv und entschlossen dagegen halten.

Das geschieht nun leider nicht immer. Dafür gibt es er viele Beispiele. Aber: Warum in die Ferne schweifen - wenn ein schlechtes Beispiel doch so nahe liegt. Vor genau einem Monat: Frankfurter Buchmesse. Nun ist eine stärkere Kommunikation mit der arabischen Welt ohne Zweifel nur zu begrüßen. Kommunikation ist allemal besser als Konfrontation. Aber die Wahrheit ist doch auch: Ja, bei dieser Messe wurde auch ganz offensichtlich antisemitische Literatur ausgestellt. Die Messeleitung, darauf mehrfach angesprochen, stellte sich taub und behauptete einfach, das sei nicht ganz klar. Nun: Da wurde ein Buch, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem schönen Titel: "The Sin of the Jews" angeboten. Zu lesen war in Büchern zum Beispiel, "die jüdische Religion fordert die Vernichtung aller Völker" und die Juden seien "sowohl die Mörder des Propheten wie auch der größte Feind der Menschheit". Die Krönung fand freilich schon gleich zu Beginn statt: Denn zur Eröffnung sprach der Bundeskanzler und auch Mohammed Salmavy, ein weltweit bekannter, übler Antisemit und ein notorischer Holocaust-Leugner. Darauf wurde mehrfach hingewiesen. Die Veranstalter kümmerte das nicht. Bis heute nicht.
Dabei verdanken wir doch Mohammed Salmawy immerhin so wichtige Einsichten wie etwa die Behauptung, die Deutschen hätten die Juden seinerzeit deportieren müssen, weil sie schließlich eine lästige Bürde waren, die Öfen in Auschwitz - und damit wir uns alle richtig verstehen: die Verbrennungsöfen für vorher vergaste Menschen! - hat er tatsächlich vermessen und als zu klein befunden und den weltberühmten Holocaust-Leugner David Irving immer aktiv unterstützt. Vor nicht langer Zeit erst hat er einen Artikel veröffentlich mit dem feinen Titel: "Cherchez les juifs." Ein solcher Mann eröffnet die Frankfurter Buchmesse! Man fasst es nicht. Und alle, alle schweigen. Natürlich: Die Veranstalter der Buchmesse sind mit Sicherheit über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben. Aber sie haben ihn schließlich doch auch ein Stück hingenommen, zugelassen, um des lieben Friedens willen, wie sie ihn verstehen, aus Rücksicht, aus Vorsicht. Ein schlechtes Beispiel für moralischen Anspruch, ein gutes Beispiel für moralische Verirrung. Denn: Hinter dieser Haltung steht anschaulich all das, was ich zuvor als so bedenklich beschrieben habe: Wegschauen, Wegschauen-Wollen, Verharmlosen, aber auch: Angst, Feigheit, Doppelmoral, Appeasement pur. Wer den kleinen Antisemitismus toleriert, verharmlosend in Kauf nimmt, wird den großen Antisemitismus mit Sicherheit niemals aufhalten. Nein: Hier darf es einfach keine Kompromisse geben. Wer hier mit Kompromissen auch nur beginnt, hat die Schlacht schon verloren. Antisemitismus muss klar benannt und geächtet werden. Und Antisemiten, so wichtig sie auch scheinen, gebührt generell keine prominente Plattform, auch keine großartige Beachtung - sondern nur Verachtung.

Ich weiß: Solche Sätze sind oft leichter gesagt als umgesetzt. Aber hier geht es am Ende doch um eine ganz grundsätzliche Einstellung, die nicht nur gedacht und gefordert werden soll, sondern immer wieder gelebt werden muss - allen Versuchungen und allen Widerständen zum Trotz.


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