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Erinnerung an Leben in Warmaisa


Anfang des 20. Jahrhunderts war das heutige Raschihaus ein Tanz- und Hochzeitshaus. Im 11. Jahrhundert hat in der Jeschiwa vermutlich Raschi gelehrt. Archivfotos: Stadtarchiv Worms


Mit Ausstellungen zeigt das Museum seit 25 Jahren Facetten des jüdischen Lebens in Worms.

Raschihaus in Worms widmet sich seit 25 Jahren jüdischer Geschichte

30.11.2007 - Von Ulrike Schäfer, Allgemeine Zeitung

WORMS Seit 25 Jahren gibt es in Worms das Raschihaus, das ein jüdisches Museum und das Stadtarchiv beherbergt. Vermutlich stand dort früher jene Jeschiwa, ein Lehrhaus, in dem der in der gesamten jüdischen Welt verehrte Raschi zwischen 1060 bis 1065 studierte.

Das Foto des alten jüdischen Tanz- und Hochzeitshauses hinter der Synagoge, das derzeit an vorderster Stelle in der Ausstellung "25 Jahre Raschihaus" in Worms zu sehen ist, strahlt eine friedlich-heitere Atmosphäre aus. Aufgenommen wurde es wohl in den dreißiger Jahren. Damals hatte das Tanz- und Hochzeitshaus bereits seine ursprüngliche Funktion verloren, war erst Hospital gewesen, dann Altersheim, in dem alleinstehende und ältere Juden und Jüdinnen lebten, die nicht rechtzeitig hatten fliehen können. Schreckliches Unrecht trug sich hier in der Reichspogromnacht zu. Wie durch ein Wunder blieb das Haus im Krieg verschont und wurde schon bald danach wieder belegt.

Nachdem die jüdische Gemeinde 1961 sämtliche Liegenschaften bis auf die Synagoge verkauft hatte, war der Abriss des verwahrlosten Gebäudes beschlossene Sache. Leider habe man damals, wie der heutige Leiter des Stadtarchivs, Dr. Gerold Bönnen, berichtet, keine baugeschichtliche Dokumentation vorgenommen, so dass wichtige Daten verloren gingen. Es wird vermutet, dass an dieser Stelle eine Jeschiwa, ein Lehrhaus, stand, in dem der in der gesamten jüdischen Welt verehrte Raschi wohl zwischen 1060 bis 1065 studierte. Dies war einer der Hauptgründe, warum sich 1968 ein internationaler Raschi-Lehrhaus-Verein gründete, dem ehemalige Wormser Juden, Gelehrte und engagierte Bürger der Stadt angehörten - darunter Prof. Dr. Dr. Otto Böcher und Stadtarchivar Dr. Fritz Reuter. Es war nur denkbar vor dem Hintergrund der beispiellosen Versöhnungsarbeit des Ehepaares Schlösser und anderer. Ziel des Vereins war es, an dieser Stelle einen Bau zu errichten, der der Würde des Ortes angemessen war. Reuter legte schließlich ein Doppelkonzept vor, das auch verwirklicht wurde. In dem am 29. November 1982 eingeweihten Haus befindet sich sowohl das Stadtarchiv als auch das jüdische Museum, in dem die geretteten und auch in späteren Zeiten hinzu erworbenen und geschenkten Judaika gezeigt werden.

Seit der Einweihung ist an diesem Konzept nichts Wesentliches geändert worden, und Gerold Bönnen bezeichnet die Kombination von Archiv und Museum als ausgesprochenen Glücksfall. "Die beiden Bereiche befruchten sich gegenseitig", findet er.

Jährlich kommen an die 13000 Besucher aus aller Welt nach Worms, vor allem Amerikaner und Juden, die sich die Ausstellung in dem Original-Kellergewölbe und im Erdgeschoss anschauen. Viele von ihnen werden angeregt, weiter zu fragen und zu forschen und finden dabei Unterstützung und Aufschluss in der wissenschaftlichen Abteilung. Umgekehrt erhält das Archiv immer wieder Nachlässe, Fotos und Informationen anderer Art, die weitere Facetten des Lebens in Warmaisa, wie die Juden das mittelalterliche Worms nannten, zum Vorschein bringen.

Die Zeit hat es allerdings mit sich gebracht, dass das Haus fast aus allen Nähten platzt. Und was die Ausstellung betrifft, so hat sich die Museumsdidaktik im letzten Vierteljahrhundert stark verändert. "Auf die Dauer wird sich hier etwas bewegen müssen", meint der Leiter des Raschihauses, wenn er auch in Hinblick auf die leeren Stadtkassen keine voreiligen Prognosen geben will.

Vor allem wissenschaftlich-technisch hat er sein Haus, in dem sich auch das überaus reichhaltige Fotoarchiv der Stadt befindet, in den letzten Jahren auf Vordermann gebracht und es benutzerfreundlich modernisiert. Einer der Höhepunkte in diesen 25 Jahren Raschihaus war neben der von Fritz Reuter vorgelegten ersten Gesamtdarstellung zur jüdischen Geschichte "Warmaisa. 1000 Jahre Juden in Worms" die Abfassung einer neuen umfassenden Wormser Stadtgeschichte, die unter Bönnens Federführung entstanden ist.

Das Jubiläum des Raschihauses wurde mit drei hervorragend besuchten Vorträgen zu neueren Untersuchungen über das alte Warmaisa gefeiert sowie mit der eingangs erwähnten Ausstellung, die den Werdegang des Raschihauses und seine prominentesten Besucher in Bildern festgehalten hat.


© Jüdische Gemeinde Mainz