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Die Erinnerung bleibt für immer und ewig


Dr. Martin Kieselstein hat Auschwitz überlebt. Der 83-Jährige kam aus Jerusalem nach Worms.
Foto: Niepötter / masterpress

Reichspogromnacht: Bewegender Vortrag und Ausstellung mit Werken von Dr. Martin Kieselstein in der Wormser Synagoge

13.11.2007 - Von Bürstädter Zeitung

uls. WORMS Seit vielen Jahren erinnert Warmaisa an die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938, als die altehrwürdige Synagoge vor den Augen Schaulustiger niederbrannte, Geschäfte und Wohnungen Wormser Juden zerstört, die Menschen in Angst versetzt wurden.

Dieses Mal holte der Verein mit Unterstützung des Stadtarchivs eine Ausstellung nach Worms, die das Thema Holocaust auf eine besondere Weise zur Sprache bringt. Dr. Martin Kieselstein, Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau-Allach, hat seine traumatischen Erlebnisse in kleinen Bildern, Collagen und Skulpturen verarbeitet.

Darüber hinaus hatte sich der 83-Jährige aus Jerusalem selbst auf den Weg gemacht, um interessierten und mitfühlenden Menschen die Möglichkeit zu geben, an seiner Bewältigung der Vergangenheit teilzunehmen. Dass die angekündigte Geigerin Caroline Adomeit, die unter anderem Werke jüdischer Komponisten hatte spielen wollen, kurzfristig abgesagt hatte, empfand Warmaisa-Vorsitzender Roland Graser im Nachhinein geradezu als vorteilhaft. Schöne Musik, so meinte er, hätte wieder nur Distanz geschaffen, den Eindruck der Bilder gedämmt.

Martin Kieselstein war es selbst, der diese Distanz schuf. Wohl wurden im Vortrag des gebürtigen Siebenbürgeners die Schrecken des Erlebten immer wieder berührt, aber er würzte die meisten seiner Episoden mit Heiterkeit, erzählte mit einem Lächeln im klugen Gesicht von den "Glücksfällen", die ihm das Überleben möglich gemacht hatten, ob er nun gut Deutsch konnte oder sich besonders zum Kartoffelschälen eignete.

Zwischendrin war dann aber doch die Rede von den "zehn Zentimetern Leben": In Auschwitz habe Mengele im Ledermantel an der Rampe gestanden und durch Fingerzeig nach rechts oder links über Leben und Tod entschieden. Mutter und Schwester sah Martin Kieselstein nie mehr, weiß auch nicht, was mit ihnen geschehen ist. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke", sagte er und fügte gedankenverloren hinzu: "Ich kann es einfach nicht verstehen! Warum hatten sie Angst vor uns?" Kieselstein wurde Arzt, weil das für ihn die einzige Konsequenz war, auf das Leiden der Menschen zu reagieren, und noch heute ist seine Arbeit von Liebe, nicht von Hass geprägt. Zum Abschluss seines Vortrags verloste er dann sogar mit Charme und Witz drei Kataloge mit Abbildungen seiner Werke. Die sprechen nun eine ganz andere Sprache. An den weißen Wänden der Frauensynagoge nehmen sie sich wie Stigmata aus, vernarbte Wunden, die immer wieder zu bluten beginnen, wenn man daran rührt. Unter künstlerischem Aspekt wollen sie nicht beurteilt werden. Es sind innere Bilder, die hier aufscheinen, und dass Kieselstein Materialien gewählt hat, die wie Fundstücke wirken, Baumrinden, Glasscheiben, Draht, gelegentlich auch Metall, legt den schrecklichen Verdacht nah, dass alles, was dem Künstler begegnet, die schmerzvolle Erinnerung in sich trägt, eingemeißelt für immer und ewig. Und so gingen wohl alle nach diesem eigentlich fast heiteren Abend tief bewegt nach Hause.


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