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Ein Großer seiner Zeit

Gedenkveranstaltung für jüdischen Rabbiner Maharil in Weisenau

9.10.2007 - Von Martin Recktenwald

In seinen Schriften verweist der für die Rechtsgeschichte bedeutende jüdische Rabbiner Maharil, der im ausgehenden 14. und im beginnenden 15. Jahrhundert lehrte, häufiger auf Mainz als Gültigkeitsbereich seiner Vorschriften. Dieser spezielle Hinweis auf den Ort charakterisiert nach Meinung von Professor Andreas Lehnardt vom Seminar für Judaistik in Mainz eine neue Entwicklung im Judentum dieser Zeit. Trotz der Verfolgungen nur wenige Jahrzehnte zuvor entwickelte sich ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Stadt und langsam auch ein Selbstverständnis als Bürger. Anlässlich der Gedenkveranstaltung "Maharil: Minhag, Pluralität und Identität" in der Weisenauer Synagoge zu Ehren des großen Rabbiners stellte Lehnardt Passagen aus dessen Werk vor, die sich auf Mainz oder jüdisch "Magenza" beziehen. Lehnardt verarbeitete dabei auch Antwortschreiben, die damals zu Maharils Vorschriften Stellung bezogen hatten.

Der Verweis auf den Ort war in der jüdischen Literatur lange Zeit nicht üblich. Den klassischen religiösen Schreibern galt es als unschicklich, ihren Namen im Text zu nennen - ähnlich hätten sie mit dem Ort ihres Wirkens verfahren, meinte Lehnardt. "Maharil steht also stellvertretend für einen Wechsel in der Geisteshaltung", erklärte der Wissenschaftler.

Häufig taucht in den Beschreibungen religiöser Bräuche, die auf Maharil zurückgehen, die Bezeichnung "in unserer Stadt" auf. "Damit kann in diesem Zusammenhang nur Mainz gemeint sein", versuchte Lehnardt anhand der Quellenlage zu beweisen. Auch die häufige Nennung von Orten aus der Umgebung sei ein deutlicher Hinweis auf die bewusst gewollte Zuordnung zu einem bestimmten Raum. So erzähle eine Episode von einem Rabbiner aus Oppenheim, der Maharil besuchte. Jener Rabbiner scherte sich in einem "Trauermonat" den Bart - in dem Glauben, Maharil würde es nicht bemerken. Der aber erkannte das Vorgefallene und kritisierte es als aus religiöser Sicht unangemessenes Verhalten. Maharil sah sich dadurch veranlasst, eine genauere und strengere Vorschrift zu diesem Thema niederzuschreiben. "Eine ganze Reihe von Bräuchen ist überliefert, die wohl nur in Mainz Geltung hatten", berichtete Lehnardt.


© Jüdische Gemeinde Mainz