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Rabbi besichtigt mögliche Gräber

Funde auf Baustelle in Fritz-Kohl-Straße unmittelbar neben Altem Friedhof

30.8.2007 - von Monika Paul, Allgemeine Zeitung


In der Baugrube auf dem Hartenberg sind die Grabplatten erkennbar.
Noch steht nicht fest, ob es sich um jüdische Grabstellen handelt.
Foto: Sascha Kopp

Auf einer Baustelle in der Fritz-Kohl-Straße 24 gibt es heute einen ungewöhnlichen Ortstermin: Rabbiner Seew Rubins von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland wird mit Vertretern der jüdischen Gemeinde sowie der Denkmalpflege Funde in Augenschein nehmen, die womöglich jüdische Grabstätten sind. Das 9000 Quadratmeter große Areal, das von der Stadt an das Wiesbadener Bauunternehmen Wilma Wohnen Süd GmbH verkauft wurde, liegt unmittelbar neben dem Alten Jüdischen Friedhof zwischen Mombacher Straße und Wallstraße.

"Solch ein Fund hat eine rituelle und eine kulturhistorische Komponente", erklärt Stella Schindler-Siegreich, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Jüdische Grabstätten gälten als "ewige Grabstätten". Aber ob dies an dieser Stelle am Hartenberg der Fall sei, wisse man ja noch nicht, so Schindler-Siegreich. "Wo menschliche Knochen liegen, kann nach unserem Glauben nicht gebaut werden", sagt Seew Rubins.

Projektleiterin Michaela Unverdorben von der Wiesbadener Firma Wilma betont, ihrem Unternehmen sei an einem "transparenten Umgang" mit den möglicherweise brisanten Funden gelegen. Bisheriger Fakt ist, dass Bauarbeiter bei Abrissarbeiten auf unbeschriftete Steine stießen, die Grabsteine sein könnten. Ob auch Gräber, und damit also auch menschliche Überreste, gefunden wurden, bestätigte die Projektleiterin nicht: "Genau das wissen wir noch nicht." Die Archäologische Denkmalpflege sei jedenfalls vor Ort gewesen und habe ausschließen können, dass es sich um antike Grabstätten handele. Von den Denkmalschutzbehörden war gestern Nachmittag keine Stellungnahme mehr zu erhalten.

Sowohl Michaela Unverdorben als auch Stella Schindler-Siegreich halten es für "verfrüht", über mögliche Schwierigkeiten für den weiteren Baufortschritt in der Fritz-Kohl-Straße zu spekulieren. Das Wiesbadener Unternehmen will auf dem Areal der ehemaligen Landwirtschaftsschule sieben Privatvillen errichten. Die von der Mainzer Architektin Christel Kirstein geplanten Häuser sind nach Wilma-Angaben bereits verkauft. Das Baugelände ist Grabungsschutzgebiet - die Denkmalpflege war also ohnehin geplant vor Ort.

Der benachbarte Friedhof hat historische Wurzeln bis ins erste Jahrhundert. Hier befand sich ein außerhalb der römischen Siedlung gelegenes Gräberfeld, wo ausschließlich Zivilbevölkerung begraben wurde. In Fortführung dieses römischen Friedhofs entstand später eine jüdische Begräbnisstätte. Aus der Zeit zwischen 11. und 15. Jahrhundert sind etliche Grabsteine und Fragmente erhalten, sie wurden allerdings während der zahlreichen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung verschleppt und beispielsweise in Befestigungsanlagen vermauert. So ließ die Stadt 1438 das Gelände des Friedhofs umpflügen und dort einen Weinberg anlegen. Nach Rückkehr der Juden 1445 wurde ihnen nur der untere, zur Mombache Straße gelegene Teil des Friedhofs überlassen.

Die meisten der heute auf dem Friedhofsgelände stehenden über 1000 Grabsteine stammen aus der Zeit von 1700 bis 1880. In diesem Jahr wurde der Friedhof geschlossen - 1881 der neue jüdische Friedhof neben dem Hauptfriedhof eröffnet.

Die wieder gefundenen mittelalterlichen Grabsteine des Alten Friedhofs befinden sich auf einem "Denkmalfriedhof" im westlichen Bereich, der im 19. Jahrhundert dazu gekauft wurde. Um zu dokumentieren, dass die Steine sich nicht am ursprünglichen Standort befinden, wurden diese Steine und Fragmente bewusst verstreut.


© Jüdische Gemeinde Mainz