Auschwitz und Buchenwald überlebt
Zeitzeuge berichtet vor dem rheinland-pfälzischen Landtag von Gräueltaten
der Nazis
29.1.2007 - Von Anja Baumgart-Pietsch, Allgemeine Zeitung
MAINZ "Ich bin der einzige aus einer ehemals großen
deutschen Familie jüdischen Glaubens, der Auschwitz und Buchenwald
überlebt hat und in Deutschland geblieben ist", sagte der Koblenzer
Tierarzt Dr. Heinz Kahn (85). Er ist einer der letzten Zeitzeugen, die
aus eigener leidvoller Erfahrung von den Gräueltaten der Nazis in
den Konzentrationslagern berichten kann. Dies tut er oft, um die Erinnerung
an das Furchtbare wach zu halten. So war er auch als Redner in die Sonder-Plenarsitzung
des rheinland-pfälzischen Landtages eingeladen worden, die am Samstag,
dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stattfand.
"Menschen von heute können kaum noch glauben
und noch weniger begreifen, welche Gräueltaten von den Nazis in Auschwitz
und an vielen ähnlichen Orten begangen wurden, weder in ihrem Ausmaß
noch in ihrer Brutalität", sagte Landtagspräsident Joachim
Mertes. Daher sei es um so wichtiger, Zeitzeugen wie Dr. Kahn aufmerksam
zuzuhören.
"Das Interesse an den Schicksalen von Zeitzeugen
wie mir hat erst in den letzten 15 Jahren zugenommen", berichtete
Kahn. Seither erzählt er oft vor den "Nachgeborenen" von
seinen entsetzlichen Erlebnissen. Kahns Vater, im Ersten Weltkrieg als
Soldat hoch dekoriert, war ebenfalls Tierarzt in Hermeskeil. Die Familie
hatte ab 1933 verschiedenste Diskriminierungen zu erdulden, bekam bis
1938 aber noch Hilfe solidarischer Mitbürger. 1943 wurde die Familie
Kahn dann im Viehwaggon von Trier aus ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt.
Von den etwa 3000 Deportierten kamen 2100 nach der "Selektion"
sofort in die Gaskammern, 600 Männer und 300 Frauen überlebten.
Sein Vater sagte zu ihm: "Du kommst zur Arbeit. Du musst überleben!"
Aufgrund seiner Geschicklichkeit und Umsicht übertrug man Heinz Kahn
im Lager besondere Funktionen: Er war zeitweise Pfleger, Häftlingsschreiber
und Lagerläufer. Dadurch hatte er gewisse Privilegien und half anderen
Häftlingen.
Von den unvorstellbaren Zuständen und Verbrechen
im Lager berichtete Kahn in fast sachlich distanzierter Darstellung und
vergaß auch nicht zu erwähnen, dass er vor dem Todesmarsch
nach Buchenwald 1945 noch Unterlagen verstecken konnte, die im späteren
Auschwitz-Prozess wichtig wurden. Nach einer kurzen Zeit im Lager Buchenwald
kam er nach der Befreiung zurück nach Trier, als einziger Überlebender
seiner Familie. Dort wurde er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde
- heute steht er der Gemeinde in Koblenz vor. Noch immer führt er
seine Tierarztpraxis in Polch. Tief berührt von Kahns aufwühlender
Erinnerungsrede dankte der stellvertretende Ministerpräsident Karl
Peter Bruch dem Zeitzeugen für sein Angebot der Aussöhnung,
als das er den Bericht sah. Die Landesregierung gehe den Weg der Erinnerung
"im Gegensatz zu denen, die sagen, damit müsse endlich Schluss
sein".
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