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Zu Chanukka zünden Juden Kerzen an

Acht Kerzen gegen die Dunkelheit

Jüdinnen und Juden feiern Chanukka

22.12.2006 - von Dominik Rzepka, ZDF

An dem Kerzenständer brennen Lichter, und alle singen. Die Kinder bekommen Geschenke, und es gibt etwas Fetthaltiges zu essen. Das klingt nach Weihnachten, hat damit aber nichts zu tun. Im Dezember feiern Jüdinnen und Juden Chanukka. Und sie erinnern an ein Ereignis, das fast 200 Jahre vor der Geburt Jesu passiert ist.

Die schwarze Krawatte hat er selbst gebunden, das dunkelblaue Jackett sitzt wie angegossen. Alexanders Augen suchen fragend den Blick der Oma, die neben ihm steht. Sie nickt kurz, Alexander - gerade mal acht Jahre alt - holt tief Luft. Dann fängt er an zu spielen. Dabei erreichen seine schwarzen, glänzenden Lederschuhe kaum die Pedale des Klaviers.

Das Lied, das Alexander spielt, kennen Deutsche in der Regel nicht. "Angezündete Kerze" heißt es und könnte auch als Weihnachtslied durchgehen. Mit dem christlichen Fest hat es aber nichts zu tun. Das Lied ist bei Jüdinnen und Juden sehr beliebt. Sie singen es zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest. Gut 80 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Mainz schunkeln zu Alexanders Lied mit und applaudieren hinterher lächelnd.

Acht Kerzen angezündet


Auf dem Kerzenständer "Chanukkia" haben acht Lichter Platz

Neben dem Klavier stehen knapp 15 Kinder vor einem großen schwarzen Kerzenständer. Acht Kerzen haben darauf Platz. Eine junge Frau zündet den "Diener" an, das ist die Kerze, mit der man die anderen ansteckt. Die Kinder kommen ganz nach vorne an den Kerzenständer, jedes bringt eine kleine weiße Kerze mit. Sie entzünden ihre Lichter und stellen sie auf den Ständer, die so genannte Chanukkia. Dazu singen sie und sagen Gedichte auf.

Alexanders Eltern kommen aus Russland. Ihren jüdischen Glauben haben sie mit nach Deutschland genommen - so wie viele andere auch. "Wir wären ausgestorben ohne den Zuzug russischer Juden nach 1990", sagt Janusz Kurosczyk, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde Mainz. In den 80er Jahren hatte die kleine Gemeinde, die neben Mainz auch die Städte Bingen, Worms und Ingelheim abdeckt, gerade einmal 73 Mitglieder. Nach der Wiedervereinigung wuchs diese Zahl auf 350 an. Inzwischen gehören der Gemeinde mit eigener Synagoge über 1000 Menschen an.

Jüdisches Weihnachten?

Christliche Beobachter erinnert Chanukka ein bisschen an Weihnachten. Das jüdische Fest wird im neunten Monat des jüdischen Jahres gefeiert, dem christlichen Dezember. Jeden Tag wird eine Kerze angezündet, fast wie an einem Adventskranz. Der Weihnachtsdekoration in den Städten können sich die 100.000 Juden in Deutschland kaum entziehen. Viele schmücken ihre Häuser weihnachtlich, und einige stellen sogar einen Weihnachtsbaum auf.

Chanukka

Chanukka ist das hebräische Wort für Weihung. Jüdinnen und Juden feiern an Chanukka das Wunder im Tempel vor fast 2200 Jahren. Damals haben ihre Feinde in den Tempel in Jerusalem fremde Götterstatuen gestellt. Dadurch wurde das jüdische Gotteshaus entweiht.

Im Jahr 164 v. Chr. wurden die fremden Statuen aus dem Tempel entfernt. Bei dieser Säuberungsaktion fand ein Kind einen Behälter mit einer kleinen Menge Öl. Mit Hilfe dieses Öls wurden Kerzen angezündet. Das eigentliche Wunder ist, dass das Öl ausreichte, um acht Kerzen anzuzünden. So wurde der Tempel wieder geweiht.

"Das ist aber kein religiöses Zeichen", sagt Stella Schindler-Siegreich, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz, "sondern eher eine Art Anpassung der Minderheit an die Mehrheitsgesellschaft". Im Alltag vermischen sich die beiden Feste Weihnachten und Chanukka ein wenig. "Weihnukka" nennen viele diesen Trend. Das Jüdische Museum in Berlin hat letztes Jahr eine eigene Ausstellung zu Weihnukka gezeigt und dabei auf die unterschiedlichen Anlässe beider Feste verwiesen. Juden feiern die Weihung des Tempels vor knapp 2200 Jahren, Christen die Geburt von Jesus vor etwa 2000 Jahren.

Fetthaltiges Essen

Die Kerzen auf dem Chanukka-Leuchter brennen. Zeit fürs Essen. Die Frauen der Gemeinde spannen eine Wäscheleine, an der Berliner - im Osten Deutschlands "Pfannkuchen" genannt - hängen. Eduard schleicht sich unter die Leine, über ihm hängen die Berliner. Der zehnjährige Junge hüpft in die Luft. "Lecker", ruft er laut, wenn er ein Stück zu beißen bekommt.

An Chanukka gibt es Essen, das in fettigem Öl gebacken wurde. Berliner zum Beispiel oder Kartoffelpuffer. Sie erinnern an das Öl, das einst im Tempel von Jerusalem die Kerzen zum Leuchten brachte. Eduard schmeckt's. Und er springt weiter. Längst ist sein Jackett mit Puderzucker übersät und über der rechten Augenbraue klebt Marmelade. Alexander hüpft nicht mit. Er setzt sich so lange noch mal ans Klavier. Obwohl die Oma diesmal nicht dabei ist.


© Jüdische Gemeinde Mainz