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Jüdische Zuwanderer in Deutschland: Ihr Alltag und ihre Geschichte

„Ich bin ein frei denkender Mensch“

Von Moskau nach Mainz: Seit fünf Jahren lebt Arnold Arnoldov in Rheinland-Pfalz

21.12.2006 - von Lisa Borgemeister, Jüdische Allgemeine


Immer elegant und nie mehr ohne Orden: Den hat Arnold Arnoldov von Präsident Putin persönlich bekommen.
Foto: Michael Bahr

Der schlanke Mann hat sich schick gemacht für das Treffen. Er trägt einen dunkelblauen Anzug mit Goldknöpfen, dazu ein hellblaues Hemd. Die obersten zwei Knöpfe sind geöffnet. Seine Augen zwinkern vergnügt hinter den Brillengläsern. Auf die Frage nach seinem Alter reagiert er mit Schmunzeln: Arnold Isaewitsch Arnoldov ist 91 Jahre alt. Man sieht es ihm nicht an.

„Er hält sich jung“, sagt Dolmetscherin Anna Malamoud lächelnd und kann einen schwärmenden Unterton nicht verbergen. „Herr Arnoldov ist immer perfekt angezogen und elegant. Er hat viel Achtung vor den Frauen, und man kann mit ihm über alles sprechen“, faßt sie zusammen. „Außerdem ist er kein Stück arrogant, obwohl er in Rußland sehr berühmt ist.“ Arnold Arnoldov lächelt. Er hat verstanden, was Anna Malamoud über ihn gesagt hat.

Auf dem Tisch stapeln sich diverse Bücher und Zeitschriftenartikel, Fotos und Urkunden. Mehr als 30 Lehrbücher und Monographien hat Arnold Arnoldov in seinem Leben geschrieben. Sein Name ist in sechs internationalen Enzyklopädien vertreten. Als erster Wissenschaftler präsentierte Arnoldov eine Dissertation über Kulturologie und erzielte damit einen Durchbruch in der sowjetischen Philosophie. Für ihn war die Kulturologie von Anfang an eine eigene Wissenschaft. Später gründete Arnoldov die in der gesamten Sowjetunion erste Fakultät für Theorie und Geschichte der Kultur in Moskau und leitete diese 20 Jahre lang. Manche seiner Werke sind inzwischen in 17 Sprachen übersetzt worden. Herausgegeben sind die Bücher alle in Moskau, einen Teil davon hat er aber hier
in Deutschland verfaßt. Darunter eine monumentale Monographie mit dem Titel Die Welt der Kultur und das Schicksal der Welt. Das Werk umfaßt 800 Seiten.

Seit fünf Jahren lebt Arnoldov in Deutschland, in Mainz. Doch als Zuwanderer betrachtet er sich nicht. „Zumindest nicht so richtig“, sagt er. Schließlich arbeite er noch in Rußland. Als Wissenschaftler ist Arnoldov in der Welt viel herumgekommen. Es gebe viele Orte, an denen er sich heimisch fühle, sagt er. Auch Mainz gehöre dazu. „Ich mag das Gemütliche an Mainz und daß es hier nicht so viele Hochhäuser gibt wie in Moskau.“ Außerhalb der jüdischen Gemeinde hat er sich einen Kreis von Wissenschaftlern aufgebaut, mit denen er regelmäßig zusammentrifft und über philosophische Fragen und aktuelle Trends der Kultur diskutiert. Am politischen System in Deutschland mag er den Umgang der Regierung mit alten Menschen. „Die kümmern sich hier richtig um einen Rentner“, vergleicht er die Situation mit der in Rußland. Nach Moskau reist er regelmäßig, schon um seine Bücher zu veröffentlichen.

Arnoldov kannte Deutschland schon, als er sich vor fünf Jahren entschloß, mit Tochter und Enkelsohn hierherzuziehen. Während des Zweiten Weltkriegs wohnte er zeitweise in Berlin und arbeitete unter anderem als Korrespondent im Sowjet-Informationsbüro. Auch die Nürnberger Prozesse hat er direkt miterlebt. „Das war nicht einfach“, erzählt er, „die Nazis haben ihre Schuld nicht zugegeben.“ Als Journalist habe er damals mit Hermann Göring gesprochen. „Ich habe ihm in die Augen gesehen und gefragt, ob er seine Unterschrift auf ein Papier gegen die Juden gesetzt hat. Er sagte nein.“

Arnold Arnoldov hat das Erlebte in einem Kriegstagebuch aufgeschrieben. Teile daraus veröffentlichte er später. Darin schreibt er von „leidvollen Gesichtern, leeren Augen, weinenden Frauen“ und von Bomben, die ihn nur einige Zentimeter verfehlt haben. Nie vergessen wird er seine Besuche in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald unmittelbar nach dem Krieg. „Direkt neben der schönen Stadt Weimar, wo Goethe und Schiller lebten und arbeiteten – so ein Greuel. Der Gegensatz hat mich geschockt.“

Doch nicht nur die Kriegsjahre haben den russischen Wissenschaftler an Deutschland gebunden. Immer wieder besuchte er die Bundesrepublik, hielt Vorlesungen in Köln, Berlin, Leipzig und Halle an der Saale. „Ich habe mich immer wohlgefühlt.“ Die Stadt Mainz ließ er sich von Freunden und Bekannten als besonders gemütlich und studentisch empfehlen. „Die berühmte Universität hat mich natürlich auch gereizt“, sagt Arnoldov nachdenklich. Leider habe er die wissenschaftlichen Kontakte in Mainz nie so ausbauen können, wie ursprünglich geplant. „Ich hatte viele Vorschläge für eine Zusammenarbeit, aber die wurden nicht angenommen“, bedauert er. „Also habe ich mich dazu entschieden, wieder Bücher zu schreiben.“

Für sein Schaffen hat Arnold Arnoldov zahlreiche russische und internationale Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter eine Medaille der UNO, auf der ein Basrelief von ihm abgebildet ist. Er ist außerdem Träger des europäischen Ordens „Wissenschaft, Kultur, Bildung“. 50 Jahre lang arbeitete er am „Philosophischen
Institut AN UdSSR“. Knapp die Hälfte dieser Zeit leitete er dort jene Abteilung, die für philosophische Fragen aller Art verantwortlich war und ein kulturelles Bindeglied des ganzen Landes von St. Petersburg bis Wladiwostok darstellte. „Merkwürdigerweise hatte ich in meinem Leben nie Nachteile durch meinen jüdischen Glauben“, erzählt Arnoldov. Daß er Jude ist, habe in all seinen Papieren gestanden, und dennoch habe er studieren und sich beruflich uneingeschränkt entwickeln können.

Arnoldov wuchs als Einzelkind in Moskau auf. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der Roten Armee. Auf die Frage, wie er zur Staatspartei KPdSU stand, reagiert er ausweichend und knapp: „Ich war Mitglied, ja. Man mußte das schließlich.“ Die Stalin-Zeit habe er als Student „eher beiläufig“ erlebt. Er habe sich nie intensiv mit der Politik beschäftigt, sagt der Professor.

In seinen wissenschaftlichen Abhandlungen sucht Arnold Arnoldov nach Wegen zum Dialog der russischen und deutschen Kultur. „Früher waren die Länder weit voneinander getrennt, aber sie wachsen langsam zusammen“, ruft er aufgeregt und gestikuliert dabei wild mit den Händen. In der deutschen Kultur sei nach der Hitler-Zeit einiges verloren gegangen. Er spüre die negativen Einflüsse zum Beispiel bei der modernen Literatur. In diesem Bereich habe sich in der Nachkriegszeit nur ein Mensch wirklich verdient gemacht, und das sei Günter Grass. Dessen jüngst bekannt gewordene Vergangenheit in der Waffen-SS nennt Arnoldov eine „Jugendsünde“. „Er war jung, und die äußeren Bedingungen haben es vielleicht nicht anders zugelassen“, sagt er. Das tue seinem schriftstellerischen Können jedoch keinen Abbruch. Auch die Philosophie liege nach wie vor auf niedrigem Niveau, so Arnoldovs Einschätzung. „Aber ich bin optimistisch. Die Tradition der deutschen Kultur ist schon so alt, daß ihre Zeit wieder kommen wird“, sagt er.

Wenn Arnold Arnoldov gerade einmal nicht an neuen Büchern schreibt oder Universitäten besucht, verbringt er seine Zeit in der jüdischen Gemeinde. Vor einem guten Jahr, zu seinem 90. Geburtstag, hat man ihm dort eine große Feier organisiert. Als „einzigartigen Menschen“, „Legende“ und „mutigen Wissenschaftler“ lobten ihn die Festredner. Dolmetscherin Anna Malamoud beschreibt den 91jährigen als eine Art Großvater, den jeder aus der Gemeinde gerne um Rat fragt. Mit seiner Tochter Natalja und deren Sohn Vladimir wohnt Arnold Arnoldov im selben Haus, aber nicht zusammen in einer Wohnung. Der Enkel ist mittlerweile 17 Jahre alt, spricht fließend Deutsch und ist Klassensprecher an seiner Schule. Arnoldov erzählt das mit Stolz. Er selbst spricht kein Deutsch. Aber inzwischen verstehe er einiges, sagt er.

Ist Arnold Arnoldov ein religiöser Mensch? Die Frage stimmt den Wissenschaftler nachdenklich. In Rußland sei die jüdische Religion nicht einfach zu leben, erklärt er. Auch in Deutschland habe er seine Gewohnheiten nicht geändert. Arnoldov lacht: „Ich bin schließlich ein Doktor der Philosophie und kein Theologe. Das paßt nicht zusammen.“ In der Kulturologie befasse er sich mit dem seelischen Reichtum der Menschen, mit der Gesundheit ihres Geistes. Doch der Begriff des „Atheismus“ gefällt Arnoldov nicht, am liebsten bezeichnet er sich als „frei denkenden Menschen“. Mit fester Stimme sagt er: „Für mich gibt es nur einen Gott, und zwar die Liebe.“


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