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Ein schweres Erbe?

4.11.06 - Allgemeine Zeitung

In der kommenden Woche jährt er sich wieder: der 9. November. Ein historischer Tag. Ein Tag der Scham. Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Dieser Tag war der Auftakt zur geplanten Vernichtung des Judentums in Europa. Das Ausmaß des Grauens bleibt für mich bis heute unfassbar.

Es ist darum gestritten worden, ob es angemessene Formen in Sprache und Kunst gibt, sich dem millionenfachen Leid und Tod anzunähern. Gibt es Ansätze, die Ereignisse von damals je zu verstehen oder zu erklären? Jeder neuen Generation bleiben wir letztlich die Antwort schuldig auf die Frage: Wie konnten Menschen einander das antun? Historiker, Philosophen, Psychologen und Theologen haben um Antworten gerungen. Die Banalität des Bösen erschreckt uns zutiefst.

Was mir hilft, sind Erinnerungen an Menschen, die dem Bösen stand hielten, nicht tatenlos zusahen bei Erniedrigung, Mord, Vernichtung. In Jerusalem enstand in der Holocaust-Gedenkstätte für diese Menschen die "Allee der Gerechten": ein Baum blüht dort für jeden, der in den Zeiten der Verfolgung jüdischen Lebens zum Retter wurde.

Für meinen Großvater steht kein Baum in dieser Allee. Ich habe ihn kaum gekannt. Aber seine große Nase hat er mir vererbt. Er war Offizier bei der Marine.Von ihm wird erzählt, er sollte eines Tages (1944?) Munition für die Erschießung jüdischer Menschen ausliefern (er war Chef eines Marine-Arsenals und zuständig für die Munitionsvergabe). Er verweigerte die Herausgabe. Er war zwar kein Widerstandskämpfer, aber an solchen Verbrechen wollte er nicht beteiligt sein. Sein Vorgesetzter, Admiral B., unterstützte seine Weigerung. Ich weiß nicht, ob die Weigerung meines Großvaters jemandem das Leben gerettet hat. Wahrscheinlich nicht. Aber dennoch bin ich noch heute froh, dass er Nein sagte.

Es gibt immer wieder Augenblicke, in denen wir Menschen Entscheidungen zu treffen haben, in denen wir eine Wahl haben. Nicht immer überblicken wir die Folgen einer Entscheidung. Aber hoffentlich sagen wir Nein, wenn Verrohung und Opportunismus uns entgegen kommen. Für unsere Selbstachtung und für unsere Nachkommen wird dies von entscheidender Bedeutung sein. Jede mutige Geste, jeder noch so kleine Ausdruck von Menschlichkeit werden für sie und für uns zum Licht in der Erinnerung an dunkle Zeiten.

Unsere Gesichtszüge erben wir vielleicht von unsern Vorfahren. Für unsere Entscheidungen tragen wir selbst Verantwortung. Cornelia Stiehl


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