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Erste Rabbiner aus Deutschland seit der Nazi-Zeit

Drei jüdische Geistliche werden in Dresden ordiniert / Zusammenarbeit von Geiger-Kolleg und der Universität Potsdam

12.9.2006 - Von Matthias Benirschke, Wiesbadener Kurier

POTSDAM/DRESDEN Auch 60 Jahre nach dem Holocaust können viele Juden nicht verstehen, wie man als Jude überhaupt in Deutschland leben kann. Umso stärker waren die Vorbehalte, als 1999 das Abraham Geiger Kolleg mit Sitz in Berlin gegründet wurde. 2001 traten die ersten Studenten an, Berufsziel: Rabbiner. An diesem Donnerstag werden nun in Dresden die ersten drei Studenten seit 1942 ordiniert, die das an die Universität Potsdam angegliederte Kolleg absolviert haben. Zugleich ist es die erste Rabbiner-Ordination in Deutschland seit der Zerstörung der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums 1942 durch die Nazis.

"Wir sind die einzige universitäre Ausbildungsinstitution in Kontinentaleuropa", sagt der Rektor des Kollegs, Walter Homolka, selbstbewusst. "Der Bedarf an Rabbinern in Europa und weltweit ist unendlich groß." Die Ordination entspricht der Priesterweihe der christlichen Kirchen. Danach treten die drei Rabbiner ihre neuen Stellen an: Tom Kucera in München, Daniel Alter in Oldenburg und der Südafrikaner Malcolm Matitiani in Kapstadt.

Der Namensgeber des Kollegs war Rabbiner, von 1870 bis 1875 auch in Berlin. Geiger war einer der bedeutendsten Theoretiker des liberalen Judentums. Schon 1836, vor 170 Jahren, forderte er eine jüdische Fakultät an einer deutschen Universität - erst damit wäre die Integration der Juden gelungen. Zu Anfang gab es extreme Vorbehalte jüdischer Institutionen aus dem Ausland, eine Rabbinerausbildung ausgerechnet in Deutschland aufzubauen, sagt Homolka. "Ein Kollege äußerte Unverständnis, warum wir auf der Asche der sechs Millionen Opfer der Schoa eine solche Institution errichten."

Auch der aus Tschechien stammende Kucera, der zunächst Biochemie studiert hat, berichtet von gemischten Gefühlen, als er das erste Mal in Berlin vor dem Brandenburger Tor stand: "Blitze der Vergangenheit schossen durch meinen Kopf. An die Vergangenheit muss erinnert werden, aber es geht doch heute mehr um die Zukunft." Er habe gesehen, wie in Tschechien jüdische Gemeinden entstanden, allerdings ohne Rabbiner. "Das ist für mich eine große Motivation", sagt der 35-Jährige.

Letztlich gaben der große Bedarf an Rabbinern und die Vorzüge des "Potsdamer Modells" den Ausschlag. Denn bis zur Gründung des Kollegs musste man für das Rabbinerstudium ins Ausland gehen, sagt Homolka. Wenn die Studenten etwa nach London oder in die USA gingen, kamen sie meist nicht zurück. Wer 150000 Dollar für seine Studienzeit aufgebracht hatte, war auf eine gut bezahlte Gemeindeaufgabe in den USA angewiesen. Das Kolleg mit seinen derzeit rund einem Dutzend Studenten orientiert sich organisatorisch an der Ausbildung für das christlich-geistliche Amt in den deutschsprachigen Ländern. Die akademische Ausbildung absolvieren die künftigen Rabbiner an der Universität Potsdam. "Dort haben wir einen Stiftungslehrstuhl für Rabbinische Studien und Liturgie eingerichtet, um das Lehrangebot abzurunden", sagt Homolka. Vor allem der praktische Teil wird am Kolleg ergänzt.

Fünf Jahre dauert die Ausbildung. Der Magisterstudiengang "Jüdische Studien" an der Universität reicht von Jüdischen Texten aus Bibel, Talmud und Midrach (Auslegung religiöser Texte), Religionsphilosophie und Geistesgeschichte über Soziologie der jüdischen Gemeinden und praktische Liturgie bis zu synagogaler Musik und Seelsorge. Besonders aufwendig sind die Sprachen Hebräisch, Aramäisch und - als Wahlfach - Jiddisch. Fester Bestandteil der Ausbildung ist ein Jahresaufenthalt in Israel mit Studien an den dortigen Universitäten. Außerdem arbeiten die Studenten an ein bis zwei Wochenenden pro Monat in jüdischen Gemeinden. "Mit unserer Ausbildung können wir in Deutschland sicher mehr als die Hälfte der rund 100 jüdischen Gemeinden bedienen."

Die Ausbildung an Universität und Kolleg habe Modellcharakter, ist Homolka überzeugt. "Um dieses Modell aber auf Dauer sichern zu können, brauchen wir mindestens 550000 Euro im Jahr." Bislang lebte das Kolleg vor allem von Spenden aus den USA. Die künftige Finanzierung des Rabbinerseminars wird durch ein Zusammenwirken von Bund, Zentralrat der Juden und Leo Baeck Foundation gesichert. Außerdem sollen die Bundesländer jährlich 150000 Euro beisteuern. Darüber wird aber noch verhandelt.


© Jüdische Gemeinde Mainz