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In Stein gemeißelte Trauer

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof erzählen Geschichte(n)


Dieser Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Pfeddersheim wurde 1891, also vor genau 115 Jahren, errichtet.
Die Inschrift ist gut erhalten.

6.9.2006 - Von Felix Zillien, Wormser Zeitung

PFEDDERSHEIM. Die Serie "Das vergessene Denkmal" schaut in die Stadtteile und dort auf die Denkmäler, die oft erst auf den zweiten Blick auffallen. Wir beenden die Serie mit einem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Pfeddersheim.

Am 14. Juni 1832 erwarben Mitglieder der israelitischen Gemeinde von dem Pfeddersheimer Maurer Wilhelm Berckes einen Acker in Größe von 874 Quadratmetern.

Dort legten sie ihren Friedhof an, der nord-westlich des später angelegten christlichen Friedhofs heute noch vorhanden ist. Am 12. August 1833 genehmigte die Regierung die Anlage des Friedhofs mit der Maßgabe, dass zuvor der bisherige jüdische Friedhof aufgegeben werden musste. Trotz vielfältiger Recherchen konnte der Standort des Vorgängerfriedhofs bislang nicht exakt nachgewiesen werden.

Der älteste erhaltene Grabstein, ein kleiner, fast unscheinbarer und stark verwitterter Sandstein mit hebräischer Inschrift, ist aus dem Jahre 1834. Er befindet sich in der südwestlichen Ecke des Gottesackers. Der jüngste Stein von 1937 steht in der letzten nördlichen Grabreihe, dessen ursprüngliche Platte mit deutscher Inschrift abmontiert worden ist.

Insgesamt 65 Grabsteine lassen sich identifizieren, die noch vorhanden sind, während es wohl insgesamt einmal etwa hundert Grabsteine gegeben haben dürfte. Dr. Irene Spille von der Unteren Denkmalschutzbehörde hat in akribischer Kleinarbeit alle Grabsteine beschrieben und dokumentiert sowie die Geschichte der Juden in Pfeddersheim in der wissenschaftlichen Zeit-schrift "Der Wormsgau" (18. Band / 1999, Seiten 179 bis 220) eingehend behandelt. Darin hat sie nachgewiesen, dass nicht nur Juden von Pfeddersheim auf dem Friedhof bestattet wurden, sondern auch aus Heppenheim, Pfiffligheim, Leiselheim und jeweils einer aus Gundersheim und Frank-furt / Main.

Stellvertretend für alle dortigen Grabsteine soll ein Grabstein in dieser Abschlussserie vorgestellt werden, der 1891, also vor genau 115 Jahren, errichtet wurde. Sowohl die hebräische Inschrift auf der Ostseite als auch die deutsche Inschrift auf der Westseite des Denkmals sind gut erhalten und deutlich zu lesen.

Im äußeren Erscheinungsbild hebt sich dieser knapp 1,5 Meter hohe Grabstein im nordwestlichen Gräberfeld von den anderen Gedenksteinen nicht deutlich ab. Das Denkmal mit flachem, bogigem Abschluss und schwachen Verwitterungsschäden beeindruckt indessen durch die in den Sandstein eingemeißelte Inschrift: Die persönliche Charakterisierung der hier Bestatteten ist in der Aussagekraft so auf keinem der übrigen Steine zu finden.

Der früh verstorbenen Frau widmeten ihre Angehörigen den Text: "Hier ruhet sanft Frau Berline Mandel gest. in ihrem 48. Lebensjahre am 22. Juni 1891. Eine treue, liebevolle Gattin und Mutter. Eine edle Menschenfreundin, geliebt & geachtet von Allen, die sie kannten! Ihr Andenken bleibt zum Segen."

Dem Leser dieser Inschrift bleibt es überlassen, angesichts von Schändungen des Friedhofs im Dritten Reich, mutwilligen Zerstörungen am 5. und 6. Juni 1991 und Hakenkreuz-Schmierereien zuletzt im April 1992 über diesen Text nachzudenken und ihn in den Zusammenhang zu grausamen, antijüdischen Vorgängen der jüngeren deutschen Geschichte zu stellen. Vor diesem Grabstein kann nur der tief empfundene Wunsch nach Versöhnung über den Gräbern erwachsen.

Die mit der Serie "Das vergessene Denkmal" verfolgte Absicht wäre dann erreicht, wenn bei der Lektüre der einzelnen Beiträge - so unterschiedlich und sicherlich auch unvollständig sie gewesen sind - Anlass geboten wurde, im Sinne von "Denk-Mal" für eine kurze Zeit nachdenkend innezuhalten.


© Jüdische Gemeinde Mainz