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Älteste entzifferbare Inschrift von 1726

Führung über jüdischen Friedhof "Im Saal" / Gebeine im Jahr 2001 wieder zurückverlegt


Einblicke in die Geschichte des jüdischen Friedhofs bot eine Führung .
Foto: Thomas Schmidt

5.9.2006 - Von Beate Schwenk, Allgemeine Zeitung

INGELHEIM Eine Führung, die im Rahmen des Tages der europäischen jüdischen Kultur stattfand, gewährte interessante Einblicke in die Geschichte des jüdischen Friedhofes "Im Saal", wo bis Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts noch Bestattungen vorgenommen wurden.

Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste der "Todtenhof im Saal" 1935 aufgegeben werden. Fortan setzten die Ingelheimer Juden ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in der "Hugo-Loersch-Straße" bei. Dorthin wurden auch die 23 Grabsteine gebracht, die zuvor auf dem jüdischen Friedhof "Im Saal" gestanden hatten. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die aus dem Saalgebiet hierher versetzten Grabsteine von Efeu zugewuchert. Außerdem verwitterten die hebräischen Inschriften auf den Sandsteinblöcken. Im Jahre 2001 wurden die Grabsteine schließlich freigelegt, bearbeitet und wieder an ihren ursprünglichen Standort zurückgebracht, wie Klaus Dürsch, Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises, bei einem Rundgang über den Friedhof erklärte.

"Der älteste entzifferbare Grabstein auf dem jüdischen Friedhof `Im Saal` stammt aus dem Jahr 1726", erklärte Dürsch. Ob ein Mann oder eine Frau unter diesem Stein begraben wurde, sei allerdings nicht mehr festzustellen. Wie viele andere Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof sei auch dieses Exemplar von Wind und Wetter gezeichnet, so dass vieles nicht mehr zu entziffern sei, bedauerte Dürsch. Auf manchen Grabsteinen sind nur noch Bruchstücke zu entziffern, auf anderen hingegen ist noch der genaue Todestag oder der Name zu erkennen. Die Rekonstruktion und die Zuordnung der Inschriften, der sich Klaus Dürsch verschrieben hat, ist eine mühevolle Kleinarbeit, zugleich aber auch ein spannender Ausflug in die Geschichte.

Viele von denen, die auf dem Friedhof "Im Saal" begraben wurden, waren in der Gegend zwischen Mainz und Ingelheim als fahrende Händler tätig. Da sie keine Läden eröffnen durften, reisten sie von Stadt zu Stadt und boten dort ihre Waren - wie Messer, Spiegel, Kämme, Taschenuhren oder Schnupftabakdosen - feil.

Die jüdische Gemeinde Ingelheim ist wohl eine sehr liberale Gemeinde gewesen, wie Hans-Georg Meyer, der sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte der jüdischen Friedhöfe beschäftigt, den zahlreichen Teilnehmern der Führung erläuterte. Aus alten Friedhofssatzungen gehe hervor, dass es erlaubt gewesen sei, auf den Friedhöfen Blumen und Sträucher zu pflanzen. Auch zwei Urnenbestattungen habe es auf den jüdischen Friedhöfen in Ingelheim gegeben. In ultraorthodoxen Gemeinden, so Meyer, wäre so etwas undenkbar.

Der jüdische Friedhof "Im Saal", der unmittelbar an die "Aula Regia"grenzt, ist der Öffentlichkeit zugänglich. Der Schlüssel für die Besichtigung kann zu den Öffnungszeiten im Museum bei der Kaiserpfalz abgeholt werden.


© Jüdische Gemeinde Mainz