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"Im Bunker war es schrecklich"

Kinder aus Israel erholen sich im Max-Willner-Heim von Raketenangriffen / Angst um Familie

25.8.2006 - Von Dagmar Seidel, Allgemeine Zeitung

BAD SOBERNHEIM Bis zu fünf Wochen saßen sie in Bunkern, auf engstem Raum, lebten mit der ständigen Angst vor Bomben und wussten nicht, wie die (Trümmer-) Welt über ihnen aussieht. Die Rede ist von 55 Kindern aus Nord-Israel. Fünf Tage waren sie nun im Reha-Zentrum Max-Willner-Heim zu Gast, fünf Tage ohne heulende Alarmsirenen.

Eingeladen hatte sie die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Die Idee ist jedoch 80 Kindern gekommen, die wie jeden Sommer zwei Wochen im Max-Willner-Heim verbringen. "Wir haben täglich über den Krieg gesprochen und die Kinder wollten anderen Kindern helfen, denen es schlecht geht", erzählt Judith Berman, eine der Leiterinnen des Ferienlagers. Dafür seien sie sogar bereit gewesen, zusammenzurücken, auf Matratzen zu schlafen und sich ein Bad mit zehn Kindern zu teilen. "Es ist ganz schön eng, wir quetschen uns mit 160 Leuten in den Speisesaal, aber alles klappt gut", freut sich Roman Keyfman. Die 55 Gastkinder kommen aus Kiriat Schmoneh und Nahariya, zwei Städten, die von Raketen besonders stark getroffen wurden.

Matias Goldberg saß fast zwei Wochen unter der Erde fest. Fünf, sechs Bomben seien in unmittelbarer Nähe eingeschlagen. Danach habe es die Familie nicht mehr ausgehalten und sei zu Freunden gefahren. "Ich hatte sehr, sehr große Angst", erzählt der 16-Jährige leise. "Ich war glücklich, als ich in Deutschland war und konnte es fast nicht glauben."

Asaf Dadon musste 25 Tage im Bunker ausharren. Er habe "tierische Angst" gehabt. "Die Zeit im Bunker war schrecklich. Sieben Leute haben sich einen drei mal vier Meter großen Raum geteilt." Hier in Deutschland sei man zwar sicher, aber er vermisse seine Freunde und mache sich Sorgen um seine Familie, sagt der 14-Jährige nachdenklich.

Die Reise sei eine gute Ablenkung, nickt Oscher Benesra. "Im Bunker hat man keinen Kontakt zur Welt und weiß nicht, ob die Gebäude über einem überhaupt noch stehen." Die Zeit sei nicht einfach gewesen, aber "man hilft einander und fängt wegen Kleinigkeiten keinen Streit an". Auf dem Weg zum Flughafen sei es ihm schwer gefallen, den Eltern Tschüss zu sagen, man wisse ja nie, was noch passiere. Aber die Vorstellung, an einen sicheren Platz zu fahren, sei anziehend gewesen. Die Angriffe verfolgen ihn nachts, gibt der 15-Jährige zu. "Ich hatte viele Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte."

Dania Malka erzählt erschüttert, dass ihr Elternhaus von zwei Raketen getroffen wurde. "Manchmal gibt es vorher zwei Minuten Alarm, machmal gehen die Sirenen los und die Bomben schlagen schon ein." Es sei schwierig gewesen, die Wohnung zu verlassen, Freunde zu treffen oder einfach mal einen Fernsehfilm bis zum Ende zu gucken.

Viel Geduld brauchten die Betreuer anfangs mit den Kindern aus Israel. "Uns ist aufgefallen, dass sie geschrien, statt gesprochen haben", erinnert sich Nachuni Rosenblatt. Viele hätten sich ihr Essen geschnappt und seien damit im Zimmer verschwunden. Auch mit Unsicherheit, Aggressivität und Misstrauen wurden die Betreuer konfrontiert. "Wir hatten einen Abend unter dem Motto Partyknaller organisiert, bei dem es auch Konfettipistolen gab. Bei den Schüssen fingen die Kinder sofort an zu schreien. Daran haben wir gar nicht gedacht", erzählt Rosenblatt. Doch nach zwei Tagen sei das erste Kind gekommen und habe sich bedankt.


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