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Er schwört auf Transparenz und Klarsichtigkeit

Professor Karlheinz Schneider - Deutscher und Jude - ist neuer Vorsitzender des Aktiven Museums Spiegelgasse

19.8.2006 - von Monika Arlt, Wiesbadener Tagblatt


Grün, Blau und viel Glas.
Professor Dr. Karlheinz Schneider in seiner Wiesbadener Wohlfühl- Wohnung.
Foto: wita/Uwe Stotz

Prof. Dr. Karlheinz Schneider ist der neue Vorsitzende des Aktiven Museums Spiegelgasse für deutsch-jüdische Geschichte in Wiesbaden. Ehrenamtlich, wie fast alle Mitwirkenden in diesem Verein. Wir unterhielten uns mit ihm im Samstagsgespräch.

Beruflich unterrichtet Prof. Schneider an der Fachhochschule Wiesbaden Wissenschaftstheorie und Sozialforschung und ist als Privatdozent am Institut für Soziologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg tätig. Außerdem hat er das Buch "Judentum und Modernisierung" verfasst. Auch international hat er sich einen Ruf gemacht: Schon für seine Doktorarbeit forschte er in Israel und lernte eigens dafür Hebräisch. Während seiner Habilitation nahm er die Chance wahr, als Gastprofessor an der ältesten und größten jüdischen Universität der USA in Brandeis, Massachusetts zu arbeiten. Eine Gastprofessur führte ihn auch für mehrere Jahre nach Haifa.

Wie es wohl bei einem solch viel beschäftigten Herrn ausschauen mag? Direkt geht es in das große lichtdurchflutete Wohn- und Esszimmer. Wer nun an ein Ambiente "a la vergeistigter Professor" mit vollgestopften Bücherregalen, Stapeln von Blättern und Zeitungen und einen brummenden Computer denkt - weit gefehlt. Ein interessant eingerichtetes und sehr ordentliches Wohlfühlzimmer erwartet uns, geprägt von unterschiedlichen Stilrichtungen. "Alles selbst ausgesucht und von meinen zahlreichen Auslandsreisen mitgebracht", erzählt Schneider und führt uns zur gemütlichen Sitzecke. Ins Auge sticht ein deckenhohes Glasregal, bestückt mit transparenten Glasgegenständen in Grün und Blau, Hanuka-Leuchtern sowie den zwei Sabbat-Kerzenständern. Daneben schmücken bunte Aquarelle aus den 1920ern die Essecke. Die größte Besonderheit ist aber eine maurisch anmutende Sitzecke, die sich offen anschließt.

Sofort fallen die filigran blau-grün gemusterten Fliesen an der Wand ins Auge. "Ich habe sie persönlich bei einem Armenier in Jerusalem ausgesucht. Es gibt dort nur noch fünf dieser christlichen Künstler, die Fliesen in so feiner Handarbeit bemalen können", verrät er stolz. Wandteller aus Marokko, Stühle und Tischchen aus Damaskus und zeitgenössische Kunst aus Frankfurt runden die gelungene Stil-Kombination ab. "Die drei speziell zwischen den Fliesen eingepassten Spiegel stammen übrigens aus Wiesbaden", ergänzt Schneider lachend seine Kurzbeschreibung zur Herkunft der Einrichtungsgegenstände. Bei einer Tasse Tee lassen wir uns zum eigentlichen Gespräch über seine neue Funktion als Vorsitzender des Aktiven Museums Spiegelgasse nieder.

"Ich hätte mir genauso gut vorstellen können, den Vorsitz des Museums in die Hände eines Nichtjuden zu legen. Wir haben so viele aktive nichtjüdische Mitglieder. Schließlich ist die Intention des Museums, sich historisch zu erinnern und sich gesellschaftlich zu verantworten." Dann sei die Wahl aber auf ihn gefallen. "Mit der Übernahme des Vorsitzes Ende Juni löse ich nicht wirklich die bisherige Vorsitzende ab", betont Karlheinz Schneider. Denn der sehr engagierten Dorothee Lottmann-Kaeseler, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins wie er selbst, obliege weiterhin die Geschäftsführung. Bereits unter ihrer Amtstätigkeit sei die Idee gewachsen, Vorsitz und Geschäftsführung des Museums zu trennen.

"Um mehr Transparenz zu schaffen", erklärt Schneider die Aufteilung der Führungsaufgaben. Transparenz, ein Wort, das für Schneider wichtig ist, so wichtig, dass er es auch lebt: Überall in seinem Zuhause ist durchsichtiges Glas zu finden. Auch von der Decke hängen Glaskugelreihen, überwiegend in Grün und in Blau, seinen Lieblingsfarben. Und durch die unverhängten Fenster gewähren einen klaren Blick nach draußen. "Und nach drinnen", erinnert Schneider sich lachend an eine Begebenheit in seiner vorigen Wiesbadener Wohnung: "Nachbarn haben mich damals angesprochen; sie fühlten sich gestört, weil wir keine Gardinen hatten. Aber ernsthaft: Transparenz bedeutet für mich nicht nur Durchschaubarkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, sondern auch Schwung. Nur mit Schwung kann man immer wieder Energie entwickeln und andere mitreißen." Und diesen Schwung verkörpert der in Trier geborene "Deutsche und Jude, nicht Jude in Deutschland", wie Schneider mehrfach betont.

Selbst in seinem Privatleben füllt er den Transparenzgedanken mit Taten aus. "Meine erste Frau und ich haben unsere beiden Kinder zwar bewusst jüdisch, aber nicht tief religiös erzogen. Wir haben ihnen auch andere Religionen und Kulturen vorgestellt. Die jüdischen Feste haben wir schon gefeiert, mit Kerzen, Wein und Geschichten. Aber wir wählten eher Erzählungen aus der Geschichte statt aus der Bibel. Es gab keinen moralischen Zwang, sondern die Kinder sollten sich später aussuchen können, was ihnen richtig und angemessen erscheint. Unser Sohn hat sich im Gegensatz zu unserer Tochter für eine relativ religiöse jüdische Glaubensrichtung entschieden."

Als neuer Vorsitzender des Aktiven Museums Spiegelgasse möchte der Professor bewirken, dass die Geschäftsbereiche des Museums nicht nur transparenter, sondern auch professionalisiert werden. Professionalisiert bedeute in diesem Zusammenhang für ihn, eine zeitgerechte Neubestimmung der Zielsetzung des Aktiven Museums zu erreichen. Im Falle des Gelingens, wünsche er sich einen wissenschaftlichen Beirat. "Dadurch bestünde eine bessere Grundlage zur Beschaffung von Drittmitteln", erklärt Schneider.

"Diese Mittel benötigen wir dringend, um über die echte Forschungsarbeit in den Arbeitsfeldern Zeitzeugen und Namentliches Gedenken hinaus, auch professionelle Forschungsarbeit in den anderen Arbeitsgebieten durchführen zu können. Die Arbeit im Verein ist derart umfangreich geworden, dass keiner der vielen ehrenamtlichen Mitglieder, übrigens fast alles Nichtjuden, sie mehr bewältigen kann. Zwar erhalten wir jährlich eine überaus großzügige finanzielle Unterstützung durch die Stadt Wiesbaden. Auch weitere Mittel aus Samstagsgespräch

Stiftungen im In- und Ausland und von Banken und der Fachhochschule Wiesbaden fließen uns zu. Dennoch reichen sie kaum aus, die bisherigen Arbeitsfelder mit Mitteln auszustatten."

Zu diesen Arbeitsfeldern, zu denen auch Ausstellungen und Veranstaltungen sowie Mitgliederbetreuung und Mitgliederwerbung gehören, sei nun außerdem die interkulturelle Bildungsarbeit hinzugekommen. Die liege ihm persönlich besonders am Herzen. Auch aus seiner Sicht sei es erforderlich, in der dritten Nachkriegsgeneration das Gedenken und das Erinnern anders zu gestalten. "Wie soll die heutige Darstellung eine Generation erreichen, die keine Schuld trägt und zu der viele aus anderen Kulturkreisen gehören, zum Beispiel Muslime?", fragt Schneider.

Auch im Bereich Archivverwaltung und Bibliothek seien aktuell Drittmittel für die Forschung nötig. "Dank der unendlichen Mühe von Dorothee Lottmann-Kaeseler haben wir die Bibliothek des Rabbiners Lazarus zurück nach Wiesbaden bekommen. Er hatte sie 1939 nach Israel mitgenommen. Seine Töchter haben uns die Bibliothek vermacht, ein unglaubliches historisches Vermächtnis", so Schneider.

Der Präsident der Fachhochschule Wiesbaden, Professor Klockner, Kurator im Verein, habe die gesamte Bibliothek in die Fachhochschule nicht nur räumlich aufgenommen, sondern sie werde auch dort verwaltet. Aber die hinzugekommene Bibliothek des Lazarus sei nicht nur umfangreich, sondern von besonderem symbolhaften Wert: "Ein Stück deutsches Judentum kommt zurück", ist Schneiders Begeisterung nicht zu übersehen. "Für deren Auswertung und Verwaltung brauchen wir Historiker, Philosophen und Theologen. Die kann man nur über Drittmittel finanzieren. Wir, das ist meine Vision, sollten als Scharnier wirken zwischen einem zivilbürgerlich orientierten Verein und der Wissenschaft. Dann würden wir etwas schaffen, was es bisher in unserer Bundesrepublik noch nicht so gibt."

Sein persönliches Aufgabengebiet liege in der Unterstützung der Mitwirkenden auf ihrem Tätigkeitsgebiet. So berate er beispielsweise bei Finanzierungsfragen von Projekten und koordiniere sehr viel. "Vor allem stelle ich Kontakte her und wirke in die politische Öffentlichkeit. Die Akquisition von Fördergeldern, für die ich mich schon immer engagiert habe, wird auch weiterhin im Vordergrund stehen. Im übrigen freuen wir uns über jedes Mitglied und jede Unterstützung. Jeder ist bei uns herzlich willkommen."


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