Kein Wiedersehen mehr mit den "Heimesgässlern"
Johanna Mayer wird 1942 deportiert und kehrt trotz hoffnungsvollen Abschieds
von ihren Nachbarn nicht mehr in ihre Wohnung zurück
18.8.2006 - von Beate Schwenk, Allgemeine Zeitung
INGELHEIM An sechs Stellen im Stadtgebiet sind Stolpersteine
verlegt worden. Mit der Aktion soll an die letzten Ingelheimer Juden erinnert
werden, die 1942 deportiert wurden.
Es war am 20. September 1942 um die Mittagszeit, als
auf dem Ober-Ingelheimer Marktplatz plötzlich ein Lastwagen der Gebrüder
Hamm aus Mainz vorfuhr. Aus mehreren Häusern werden jüdische
Bewohner abgeholt und auf den Lastwagen geschafft. Auch Johanna Mayer
wird aus ihrer Wohnung im ersten Stock in der Heimesgasse 14 abgeführt.
Die Wohnung wird später von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo)
versiegelt. Zusammen mit Johanna Mayer werden an jenem Sonntagmittag weitere
16 Ingelheimer Juden von den Nazis abtransportiert.
In einem Schreiben der Ingelheimer Stadtverwaltung vom
21. September 1942 sind die Namen der letzten 17 aus Ingelheim deportierten
Juden aufgelistet. An fünfter Stelle auf der Liste steht der Name
Johanna Sara Mayer, geborene Kapp. Von den 17 deportierten Juden haben
nur zwei überlebt: Gustav Nussbaum und seine Frau Berta, die in der
Mainzer Straße wohnten. Die übrigen 15 starben im KZ oder wurden
für tot erklärt.
Die zum Zeitpunkt der Deportation 58-jährige Johanna
Mayer hatte bereits 1914 ihren Ehemann verloren. Der Ober-Ingelheimer
Metzger Hugo Mayer starb mit 41 Jahren durch Freitod. Beerdigt wurde er
auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße, wo auch
sein Vater Heinrich Mayer begraben liegt. Im Alter von 31 Jahren hatte
Hugo Mayer die Metzgerei seines Vaters übernommen. Auch dessen Vater
Joseph Mayer und Heinrichs älterer Bruder Nathan waren Metzger und
betrieben ein Geschäft in der Altegasse.
1877 ließ Heinrich Mayer eine eigene Metzgerei
in der Heimesgasse 14 bauen, die er 1904 an seinen Sohn Hugo weitergab.
Dieser war - wie viele andere Juden zu jener Zeit auch - in Ingelheimer
Vereinen aktiv. So war er "Pumper" in der Freiwilligen Feuerwehr
Ober-Ingelheim und Mitglied im Gesangverein "Germania". Nach
seinem Tod übernahm seine Witwe Johanna Mayer den Familienbetrieb
in der Heimesgasse. Mit der Hilfe zweier Metzger aus Großwinternheim
und Ockenheim führte sie die Metzgerei in der Heimesgasse fort. Von
Zeitzeugen ist überliefert, dass es in der Metzgerei Hugo Mayer die
besten Rindswürste gegeben haben soll. Alteingesessene Ingelheimer
seien als Kinder immer zu Metzger Mayer geschickt worden, um "Juddewörschtjer"
einzukaufen. Nach dem Tod ihres Mannes lebte Johanna Mayer allein in einer
Drei-Zimmer-Wohnung in ihrem Haus in der Heimesgasse 14. Im Erdgeschoss
des Vorderhauses wohnte in dieser Zeit eine nichtjüdische Familie
zur Miete. Aus dem Haus wurde Johanna Mayer am 20. September 1942 von
den Nationalsozialisten abgeholt und zum Lastwagen gebracht. Von der Ladefläche
herunter soll sie gerufen haben: "Ihr Heimesgässler, wir sehen
uns wieder!"
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