Mit Ehrenkreuz dekoriert
Trotz seines Einsatzes an der Front wurde Gustav Nussbaum deportiert
17.8.2006 - von Beate Schwenk, Allgemeine Zeitung
INGELHEIM An sechs Stellen im Stadtgebiet sind Stolpersteine
verlegt worden. Mit der Aktion soll an die letzten Ingelheimer Juden erinnert
werden, die 1942 deportiert wurden.
Der jüdische Kaufmann Gustav Nussbaum und seine
zweite Ehefrau Berta sind die einzigen der 17 am 20. September 1942 deportierten
Ingelheimer Juden, die den Naziterror überlebten. Alle anderen -
darunter auch ihre 22-jährige Tochter Lotte - wurden im Konzentrationslager
ermordet oder gelten bis heute als vermisst.
Gustav Nussbaum war in erster Ehe mit Rosa Stern verheiratet.
Deren Vater, Leopold Stern, betrieb ein "Ellenwarengeschäft"
in Nieder-Ingelheim. In seinem Laden in der Mainzer Straße handelte
er mit Damen- und Herrenoberwäsche, Stoffen, Bettfedern und Manufakturen
aller Art. Sogar für Hustensaft warb das Geschäft in einer Anzeige
im "Rheinhessischen Beobachter". Nach der Hochzeit mit Rosa
Stern stieg Gustav Nussbaum in das Geschäft seines Schwiegervaters
ein. Am 25. Oktober 1911 - kurz vor ihrem 39. Geburtstag - starb seine
Frau Rosa. Beerdigt wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in der "Hugo-Loersch-Straße",
einer von vier jüdischen Grabstätten auf Ingelheimer Gemarkung.
Die anderen befanden sich in der Rotweinstraße, im Außenbereich
"Holzweg"(Großwinternheim) sowie im Saalgebiet. Letztere
wurde allerdings 1935 unter den Nationalsozialisten geschlossen.
Nach dem frühen Tod seiner Frau Rosa blieb Gustav
Nussbaum mit den beiden zehn- und elfjährigen Kindern Elisabeth und
Oskar zurück. Während des Ersten Weltkrieges war er als Frontkämpfer
im Einsatz. Als Anerkennung dafür wurde ihm (und anderen Juden) am
30. März 1935 "im Namen des Führers und Reichskanzlers
Adolf Hitler" das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen.
Gustav Nussbaum war Mitglied in der TG Nieder-Ingelheim
und fungierte anlässlich des 46. Rheinhessischen Gauturnfestes als
Vorsitzender im Finanzausschuss. Außerdem war er Schriftführer
bei der Gemeinderatswahl 1922. Nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau
Berta, geborene Neumann, lebte die Familie mit der gemeinsamen Tochter
Lotte in einer Sechs-Zimmer-Wohnung in ihrem Haus in der Mainzer Straße
78. Anfang der 30er Jahre liefen die Geschäfte in der kleinen "Ellenwarenhandlung"
immer schlechter, Hetzkampagnen und Boykottaufrufe der Nazis zeigten ihre
Wirkung. Im November 1933 gab Gustav Nussbaum in der "Ingelheimer
Zeitung" eine auffallend große Anzeige auf. Angesichts der
sich zuspitzenden Lage wollte der Kaufmann seine Waren preiswert abstoßen.
Eines der ältesten jüdischen Geschäfte Ingelheims war am
Ende.
Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Gustav Nussbaum,
wie andere Ingelheimer Juden auch, von den Nazis festgenommen. Bei ihm
waren 3620 Reichsmark "sichergestellt" worden. Zwei Wochen später
erging eine Anweisung, wonach ihm das Geld zurückbezahlt werden sollte.
Am 20. September 1942 wurden Gustav Nussbaum, seine Ehefrau Berta und
die damals 22-jährige Tochter Lotte in ihrem Haus in der Mainzer
Straße 78 von den Nationalsozialisten abgeholt. Während Lotte
in Auschwitz ermordet wurde, kamen ihre Eltern über das KZ Theresienstadt
in die Schweiz.
Nach dem Krieg lebten sie dann in Paris bei Gustav Nussbaums
Tochter aus erster Ehe. Gustav starb 1950 in Paris, wo er auch beerdigt
ist. Wann Berta Nussbaum gestorben ist, ist nicht bekannt.
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