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"Verzweifelte und vorwurfsvolle Blicke"

Zeitzeugin erinnert sich an Deportation von Sophie Oppenheimer und der Familie Wertheim

16.8.2006 - von Beate Schwenk, Allgemeine Zeitung

INGELHEIM An sechs Stellen im Stadtgebiet sind Stolpersteine verlegt worden. Mit der Aktion soll an die letzten Ingelheimer Juden erinnert werden, die 1942 deportiert wurden.

Bis September 1942 lebte die Ingelheimer Jüdin Sophie Oppenheimer in der Heimesgasse 6. Während die 67-Jährige vier Zimmer im Vorderhaus bewohnte, lebte ihre Tochter Anna Friederike Wertheim mit Ehemann Josef und Tochter Renate in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Hinterhaus. Alle vier wurden am 20. September 1942 von den Nazis abgeholt. Auf dem Marktplatz in Ober-Ingelheim mussten sie einen Lastwagen besteigen, der sie nach Theresienstadt bringen sollte. Eine ehemalige Mitschülerin von Renates Mutter erinnerte sich noch Jahrzehnte später an den Tag der Deportation. Auf dem Lastwagen habe sie ihre frühere Schulkameradin Anna Wertheim und deren Mutter Sophie Oppenheimer gesehen. "Die verzweifelten und vorwurfsvollen Blicke" seien ihr nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Immer wieder habe sie diese vor Augen gehabt. Ihre Schulkameradin hat die Zeitzeugin nie wieder gesehen. Anna Friederike Wertheim und ihr Mann Josef starben im Konzentrationslager und wurden 1942 für tot erklärt. Sophie Oppenheimer wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und gilt seitdem als vermisst. Verschollen ist auch Renate Wertheim, die zum Zeitpunkt der Deportation gerade einmal sieben Jahre alt war. Renates Bruder Herbert hat die Abholung durch die Nazis nicht mehr erlebt. Er starb bereits 1939. Vermutlich war sein Tod eine Spätfolge der Pogromnacht 1938. In jener eisigen Novembernacht musste die Familie Wertheim im Freien übernachten, weil ihr Haus von Schlägertrupps kurz und klein geschlagen worden war. Herberts Vater Josef wurde in der Pogromnacht brutal zusammengeschlagen und verlor dabei seine Zähne. Dieser Vorfall soll letztlich der Grund dafür gewesen sein, dass Josef Wertheim später keine Ausreisegenehmigung in die USA bekam. Wegen der fehlenden Zähne galt er als "krank". Auch Sophie Oppenheimer wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zum Opfer antisemitischer Übergriffe. Das Textilgeschäft, das sie nach dem Tod ihres Mannes unter schwierigsten Bedingungen weiter führte, wurde von Angehörigen der Ingelheimer SA demoliert. Vor der Pogromnacht hatte das Geschäft in der Heimesgasse Manufakturwaren aller Art angeboten. Von Kleidern über Stoffe bis hin zu Bettzeug, Kurzwaren oder Daunen hatte das Textilgeschäft von Siegmund und Sophie Oppenheimer alles im Angebot. Am 1. April 1933 trat der Kaufmann Josef Wertheim als Gesellschafter in das Handelsgeschäft seiner Schwiegereltern ein. In einem Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe stehen als Inhaber des Manufakturgeschäfts Oppenheimer in der Heimesgasse 6 "Siegmund Oppenheimer und Josef Wertheim, Juden".


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