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Bei Familie Eisemann gab es fast alles

Besitzer des Kolonialwarengeschäftes in der Stiegelgasse 51 wurden deportiert

15.8.2006 - von Beate Schwenk, Allgemeine Zeitung

INGELHEIM An sechs Stellen im Stadtgebiet sind Stolpersteine verlegt worden. Mit der Aktion soll an die letzten Ingelheimer Juden erinnert werden, die 1942 deportiert wurden.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gab es in der Stiegelgasse 51 ein kleines Kolonialwarengeschäft. In dem rund 30 Quadratmeter großen Laden konnte man von Hering über Zucker und Margarine bis zu Kernseife, Wurzelbürsten oder Tabak eigentlich alles kaufen. Die Inhaber des Geschäfts waren jüdische Bürger. Zunächst wurde der Laden von Josef und Emma Eisemann betrieben. Später übernahm der älteste der vier Söhne das Kolonialwarengeschäft.

Der am 17. Dezember 1890 geborene Marius Eisemann hatte die Höhere Bürgerschule in Ober-Ingelheim besucht und zählte zusammen mit zwei anderen jüdischen Schülern zum Abgangsjahrgang 1905. Nach seiner Hochzeit führte Marius Eisemann zusammen mit seiner Gattin Thekla das elterliche Kolonialwarengeschäft weiter. Allerdings unter zunehmend schwierigen Bedingungen. Seit 1933 waren von den Nationalsozialisten eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet worden, die die vollständige Vernichtung des jüdischen Wirtschaftslebens bezweckten. Immer mehr Verbote und Restriktionen machten den jüdischen Bürgern auch in Ingelheim das Leben schwer. Die Bevölkerung wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Und Anschläge auf jüdische Läden und Wohnhäuser häuften sich.

Allein in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1933 wurden drei jüdische Familien zur Zielscheibe antisemitischer Anschläge. Auch die Wohnung von Marius und Thekla Eisemann wurde vermutlich mit Pistolen beschossen. Im Herbst 1935 beschloss der Ober-Ingelheimer Gemeinderat "Abwehrmaßnahmen gegen den jüdischen Einfluss in Ober-Ingelheim". Gewerbetreibenden wurde es untersagt, mit Juden Geschäfte zu machen. Überdies drohte man "Volksgenossen, die noch bei Juden kaufen", an, dass dies "unter Nennung der Namen in der Zeitung bekannt gemacht" würde.

Unter solchen Bedingungen ließ sich der Betrieb jüdischer Unternehmen und Geschäfte kaum noch aufrechterhalten. Viele Ingelheimer Juden kämpften um ihre Existenz. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden dann systematisch Geschäfte, Wohnungen und die Synagoge in Ober-Ingelheim dem Erdboden gleich gemacht. Ein Funkspruch des Kreisamtes, der am 10. November in Ingelheim einging, forderte ganz offen dazu auf, "Aktionen gegen Juden nicht zu behindern".

Auch die Wohnung und das Geschäft des Ehepaars Eisemann fiel dem Pöbel zum Opfer. Am 20. September 1942 wurden die Eisemanns dann von den Nationalsozialisten abtransportiert. Über Mainz wurden sie zunächst nach Darmstadt gebracht. Von hier aus erfolgte dann die so genannte "Wohnsitzverlegung nach dem Generalgouvernement" - die Deportation nach Polen. Marius Eisemann wurde zum 31. Dezember 1942 vom Ingelheimer Amtsgericht für tot erklärt. Seine Ehefrau Thekla ist seit der Deportation vermisst.


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