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Sprint in Schutzkeller

In Partnerstadt Haifa schlagen Katjuscha-Raketen ein

12.8.2006 - von Bernd Funke, Allgemeine Zeitung


Ein Arzt vom "Roten Davidstern" beruhigt am Freitag in Haifa nach einem Raketeneinschlag einen weinenden Jungen.
Foto: dpa

Freitag, 11. August, 10 Uhr. Ein schrecklich "normaler" Morgen in der Mainzer Partnerstadt Haifa. Rafi Shatil will in einem Supermarkt Lebensmittel für den Schabbat einkaufen, als die Alarmsirenen aufheulen. "Wir Israelis sind schnell", sagt der 68-Jährige mit einem Anflug von Galgenhumor. Drei Mal hastet er allein an diesem Vormittag in einen der zahllosen Luftschutzräume. Bis zum Mittag schlagen 16 Katjuscha-Raketen der Hisbollah in Haifa und in der nächsten Umgebung ein.

"Meine Frau und meine Tochter sind sehr ängstlich", sagt Rafi Shatil, dessen Enkel Fallschirmspringer ist und derzeit ebenso gegen die Hisbollah im Libanon kämpft wie Shatils zwei Söhne. Der Mann, dessen Großvater Julius Rothschild, einst Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Mainz, auf dem Jüdischen Friedhof in Mainz beerdigt ist: "Es ist keine gute Zeit für Israel." Gerade hat er im Rundfunk gehört, dass Syrien seine Armee mobilisiert hat: "Das ist sehr schlimm, wir brauchen andere Hilfe als die Unifil-Soldaten, die Benjamin Netanjahu nicht zu Unrecht als `Schokoladenarmee` bezeichnet." Rafik Shatil hat gelernt, mit der Angst umzugehen. Söhne und Enkel melden sich, soweit es die Kampfhandlungen zulassen, bei ihm der SMS. Ein Ende des Raketenterrors sieht Shatil nicht, denn Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah hat die in Haifa lebenden Araber zum Verlassen der Hafenstadt aufgefordert und damit indirekt mit verstärkten Raketenangriffen gedroht.

Rami Birnhack (57), der seit mehr als zwanzig Jahren engste freundschaftliche Beziehungen zu Mainz unterhält, berichtet: "Vor allem die untere Stadt, wo die ärmeren Leute leben, leidet." Je höher die Bevölkerungsdichte, desto stärker der Beschuss, vermutet Birnhack, der selbst auf dem nicht so dicht besiedelten Carmel lebt. Gleich neben einer von der Stadt Mainz vor zehn Jahren gespendeten Luftschutzsirene.

Seine 80-jährige Mutter Arina, dank ihrer Aufnahme in die berühmte "Schindler-Liste" eine der Überlebenden der Judenverfolgung im Dritten Reich, stellt angesichts der neuerlichen Lebensgefahr, in der sie schwebt, lapidar fest: "Seit 60 Jahren will man mich ermorden." Rami Birnhack pflichtet ihr bei: "Man will uns vernichten. Das ist wieder einmal die Situation."

Dr. Robert Raphael Karpel, lange Jahre Stadtarchitekt von Haifa, heute Berater des Oberbürgermeisters und Betreuer der Städtepartnerschaft mit Mainz, hat erst am Dienstag nur hundert Meter von seiner Wohnung entfernt Raketenbeschuss erlebt. Riesiger ökologischer Schaden sei inzwischen entstanden, nachdem im Norden der Stadt 5000 Hektar mühsam gepflanzter Wald abbrannten. Der Tourismus sei völlig zum Erliegen gekommen. Aber, so Karpel: "Mit der Terrororganisation Hisbollah darf es keine Kompromisse geben. Hier zählt nur ein Sieg mit Knockout."

Haifas Partnerstädte Düsseldorf und Bremen organisieren für dieses Wochenende Solidaritätsveranstaltungen für die Freunde in Haifa. Und Rafi Shatil bereitet seinen nächsten Mainz-Besuch vor. Im September begleitet er Autohändler zur Messe nach Frankfurt. Haifa lebt in Angst, aber verfällt nicht in Bewegungslosigkeit.


© Jüdische Gemeinde Mainz