Nach Amerika kamen sie nicht
Familie Kahn-Loeb wurde 1942 deportiert
12.8.2006 - Allgemeine Zeitung
pea. INGELHEIM Vier "Stolpersteine" liegen
vor dem Grundstück Am Plenzer 20 in Ober-Ingelheim. Sie erinnern
an das Schicksal der jüdischen Familie Kahn-Loeb, die von hier aus
1942 nach Theresienstadt deportiert wurde.
Am Sonntag, 20. September 1942, wurden Emilie Kahn, ihre
Tochter Erna Friederike Loeb, deren Ehemann Ernst und der 15-jährige
Enkel Günter von den Nationalsozialisten abgeholt. Laut einer Liste
der "Geheimen Staatspolizei Darmstadt" erfolgte am 30. September
eine "Wohnsitzverlegung nach dem Gen. Gouvernement". Das bedeutete
für die Ingelheimer Juden die Deportation nach Polen. Genau ein Jahr
später wurden alle vier offiziell für tot erklärt.
Anscheinend war der Familie schon vorher mitgeteilt worden,
dass sie nach Theresienstadt deportiert werden sollte. Erna Loeb, geborene
Kahn, jedenfalls soll wiederholt geäußert haben, dass sie Angst
habe zu frieren, wenn sie nach Theresienstadt komme. Daher habe sie viele
warme Sachen, auch Hosen, nähen lassen.
Familie Kahn zählte vor dem Krieg zu den angesehensten
Ingelheimer Familien. Maximilian Kahn betrieb eine Weinhandlung in der
Bahnhofstraße 41. Zum Familienbesitz gehörte auch ein Gebäude
zwischen dem Oberen Zwerchweg und der Schulstraße.
Die Weinhandlung florierte, so dass Maximilian Kahn und
seine Frau Emilie nach dem Ersten Weltkrieg in Ober-Ingelheim die meisten
Steuern zahlten. 1924 heiratete ihre älteste Tochter Erna Friederike
den 32-jährigen Ernst Loeb, Sohn eines Weinhändlers aus Bayern.
Am 24. Mai 1927 wurde Sohn Günter geboren.
Zunächst lebte die Familie Loeb in der Bahnhofstraße
41. 1937 wurde das Anwesen verkauft, und die Loebs zogen zusammen mit
der inzwischen verwitweten Emilie Kahn in den Oberen Zwerchweg 24. Bald
darauf beantragte Ernst Loeb für sich und seine Familie eine Ausreisegenehmigung
in die USA. Der Antrag stand unter der Nummer 30005 auf der Warteliste.
Die Pogromnacht 1938 war dann der erste dramatische Einschnitt für
die jüdische Familie. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde
ihre Wohnungseinrichtung demoliert, viele Gegenstände wurden gestohlen.
Zu der erhofften Ausreise kam es für die Familie
nicht mehr. Vor der Deportation wechselten die Loebs noch ein letztes
Mal ihren Wohnsitz. Gemeinsam mit Emilie Kahn zogen sie in ihr Anwesen
in der damaligen Schulstraße 14. Das Haus, in dem die vier Menschen
ihre letzten Tage in Ingelheim verbrachten, steht schon lange nicht mehr.
Das Grundstück liegt heute Am Plenzer 20
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