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"Stolpersteine" gegen das Vergessen

Gunter Demnig hat gestern sieben Steinquader verlegt / Erinnerung an ermordete Juden

8.8.2006 - von Christine Tscherner, Allgemeine Zeitung


Künstler Gunter Demnig zeigt den "Stolperstein", der an Klara Hausmann erinnert.
Foto: hbz/Stefan Sämmer

BINGEN Sieben "Stolpersteine" verlegte der Künstler Gunter Demnig gestern in Bingen. Die kleinen Steinquader mit gravierter Messingplatte erinnern an ermordete Binger Juden, an persönliche Schicksale und die einst blühende jüdische Gemeinde in der Rhein-Nahe-Stadt.

"Denkmal von unten" heißt das Konzept. Dezentral und mit konkreten Namen an das Unrecht erinnern, das ist die Idee. Die Binger Geschwister Paul und Traudel Becker überzeugte das Stolperstein-Projekt des Kölners mehr als jedes Mahn-Monument. Sie wurden Sponsoren des "Klara Hausmann-Steins" vor dem Haus Schlossbergstraße 42.

"Wir haben 1942 hier mit den Hausmanns zusammen gewohnt." Dr. Paul Becker erinnert sich noch gut an den schwer krebskranken Julius und seine Frau, die Krankenschwester Klara Hausmann. "Es schepperte und polterte, als fünf uniformierte Männer die Wohnung der Hausmanns stürmten und alles Porzellan und Glas zerschlugen." Paul und Traudel schrieben ihre Erinnerungen aus der schrecklichen "Reichskristallnacht" an den Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

Das Weinkommissionsgeschäft Gross und Hausmann in der Gaustraße war jedem Binger ein Begriff. "Wir durften die Hausmanns nicht mehr auf der Straße grüßen, das war schlimm." Heimlich versteckten die Beckers Lebensmittel vor der Hausmann-Wohnung - ein neugieriger Nazi-Parteigänger aus dem Dachgeschoss hätte offene Hilfe sofort gemeldet. Obwohl schwer von seiner Krankheit gezeichnet, ließen die Nationalsozialisten den deportierten Julius Hausmann heimkehren und von seiner Frau Klara pflegen. Wenige Tage nach dem Tod des Mannes zog Klara Hausmann nach Darmstadt, um als Krankenschwester anderen Juden zu helfen. Seit ihrer Deportation von dort nach Auschwitz gilt die damals 53-Jährige als verschollen.

Ihr in Messing geschlagener Name soll gegen das Vergessen arbeiten. Die unaufdringliche Metallplatte auf dem Gehsteig lädt zum Gespräch ein, hält zum Erinnern an. Rund 20 Interessierte verfolgten die Verlegung der Stolpersteine in Bingen. "Besonders freue ich mich über die Gruppe junger Pfadfinder aus Waldalgesheim", hob Beate Goetze, stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises, hervor.

Fünf weitere Steine zementierte Gunter Demnig gestern in der Schmittstraße 49 (früher Hausnummer 85) für die Geschwister Rosa, Emma, Adele, Henny und Hugo Marcus in den Asphalt. Für den Ida Dehmel-Stein an der Ecke Basilikastraße/Kaufhausgasse übernahm der Schweizer Vincent Frank-Steiner, der Urenkel des Binger Bürgers Isaac Ebertsheim ("Dr. Rüböl"), die Patenschaft. Im vergangenen Jahr wurde die ersten beiden Binger Stolpersteine in der Schmittstraße verlegt. Alice und Emanuel Rosenthal lebten dort. Sie wurden wie 149 weitere Binger Juden Opfer des Holocaust. Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen versucht die Familien-Geschichten der Binger Juden sowie ihre kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Leben der Stadt nachzuzeichnen. Er hat bereits umfangreiches Material gesammelt und zahlreiche persönliche Kontakte mit den Nachfahren geknüpft.


© Jüdische Gemeinde Mainz