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Mainzerisch ist ihr noch vertraut

Jüdin Nanni Mayer lebt heute in New York


Der ehemalige Kulturdezernent Dr.
Anton Maria Keim begrüßte Nanni Mayer auch bei ihrem zweiten Mainz-Besuch. Fünf Tage bleibt die 89-Jährige in ihrer Geburtsstadt.
Foto: hbz/Jörg Henkel

15.6.2006 - von Carola Krug-Haselbach, Allgemeine Zeitung

Die kleine, alte Dame bewegt sich tapfer durch die die Sommerhitze reflektierenden Straßen. Mit freundlicher Bestimmtheit geht sie ihren Weg, auch wenn manch Unbill ihr begegnen mag, denn Nanni Mayer ist nicht irgendeine Passantin. Die seit vielen Jahrzehnten in New York lebende Jüdin verbrachte Kindheit und Jugend in der Hindenburgstraße. Nun ist sie bereits zum zweiten Mal auf Einladung der Stadt gekommen.

1992 war sie erstmalig das Wagnis eingegangen, die Stätten ihres Heranwachsens aufzusuchen. Da zählte sie 75 Jahre. 1991 gelang es dem damaligen Kulturdezernenten Dr. Anton Maria Keim in den von ihm initiierten Begegnungswochen, in aller Welt verstreuten jüdischen Mainzern ihre frühere Heimatstadt wieder näher zu bringen. Bereits 1962, als Mitglied im Vorbereitungskomitee zur 2000-Jahr-Feier, hatte Keim dieses Ansinnen. Ein nicht einfaches Unterfangen; meldeten sich doch im ersten Jahr nur sechs Personen aus Israel.

Heute wie vor 15 Jahren besucht Nanni Mayer das Frauenlob-Gymnasium, den Ort ihrer Schulmädchenzeit, und ist begeistert, welch interessierte Fragen die Kinder stellen. Und auch im zu Nanni Mayers Ehren ausgerichteten Rathaus-Empfang lichtet Keim den Vorhang vor einem zarten Hoffnungsschimmer: "Wir erleben in dieser Zeit eine neue Unbefangenheit gegenüber jüdischem Leben in Deutschland." Etwa 1 200 Mitglieder zähle die jüdische Gemeinde in Mainz, so Keim. Auf die Wiedererrichtung ihrer Synagoge warten jedoch nicht nur sie, sondern auch Nanni Mayer hofft, zumindest noch die freudige Nachricht über deren Erbauung in Empfang nehmen zu können.

Von Söhnen, Schwiegertöchtern, Nichte und anderen Verwandten wohl umgeben, stellt sich die 89-Jährige dem persönlichen Drama der Erinnerung. Fünf Tage hält sie sich in der Stadt auf, die ihr während der prägendsten Lebenszeit ein Zuhause war, bevor sie sie durch Schikanen, Leid und Vertreibung verlor. Und vielleicht hat Nanni Mayer etwas wiedergefunden an diesem heißen Junitag: einen vertrauten Blickwinkel, den Klang des Mainzerischen, der ihrer Sprache immer noch eigen ist. Oder ein Stückchen inneren Frieden und Versöhnung - weil sie so mutig war, zu kommen. Gleich zwei Mal. Obwohl sie eigentlich nie mehr deutschen Boden betreten wollte.


© Jüdische Gemeinde Mainz