AZ-Portrait Flucht nach Kanada
Mainzer Kurt S. Karon feiert 100. Geburtstag
29.5.2006 - Allgemeine Zeitung
red. Kurt S. Karon, der am 29. Mai in seiner zweiten
Heimat Kanada seinen hundertsten Geburtstag feiert, wurde als Sohn von
Theodor Kronenberger und dessen Frau Amelie 1906 in Mainz geboren. Der
Vater war gemeinsam mit seinem Bruder, Kommerzienrat Ludwig Kronenberger,
Inhaber des gleichnamigen privaten Bankhauses auf der Großen Bleiche
35-37. Im Jahr 1926 zog sich Ludwig Kronenberger aus der Leitung der Bank
zurück und gab die Verantwortung an seinen Sohn Fritz, Kurts älteren
Vetter, weiter.
Kurt besuchte das Realgymnasium (heute Schlossgymnasium).
Er erinnert sich, dass in seiner Klasse sieben jüdische Mitschüler
waren, jedoch auch einige Jungen, die bereits damals dem rechtsextremen
"Deutschen Schutz- und Trutzbund" nahestanden. Das Verhältnis
zu den nichtjüdischen Mitschülern war jedoch im Allgemeinen
gut, und einige Freundschaften bestanden noch lange Jahre nach dem Krieg
weiter. Kurt betätigte sich in der Sportabteilung des Jüdischen
Jugendvereins. Außerdem war er aktives Mitglied der Mainzer Prinzengarde.
Die Familie gehörte der liberalen jüdischen Gemeinde an.
Nach Beendigung der Schule wandte auch Kurt sich dem
Bankfach zu und absolvierte einen Teil seiner Ausbildung in den USA. Als
er 1927 von dort zurückkehrte und in die Bank seines Vaters eintrat,
machte sich bei seinem Cousin Dr. Fritz Kronenberger bereits eine schwere
Krankheit, Multiple Sklerose, bemerkbar, der er wenige Jahre später
erlag. Deshalb entschlossen sich die Inhaber des Bankhauses zu einer Fusion
mit der Commerz- und Privatbank AG Berlin, die großes Interesse
daran hatte, ihren Wirkungsbereich in der Region Mainz zu vergrößern.
Die Fusion fand im Oktober 1928 statt. Kurt zog es in die Weltstadt Berlin,
wo er eine verantwortungsvolle Stelle bei der Commerz- und Privatbank
erhielt.
DiskriminierungIm Jahr 1935 entschloss er sich wegen
der zunehmenden Diskriminierung der deutschen Juden durch das nationalsozialistische
Regime zur Auswanderung. Über England, wo er heiratete (seine Frau
stammte aus Berlin), gelangte er schließlich nach Kanada. 1937 konnte
er glücklicherweise seine Eltern nachkommen lassen, so dass auch
sie überlebten. Auf Wunsch seiner Söhne, die in der Schule wegen
ihres deutschen Namens gehänselt wurden, änderte er in Kanada
seinen Familiennamen in Karon. Kurts Bruder, Dr. Paul Kronenberger, ging
1933 mit seiner Familie nach Bombay, wo er bis 1972 als Arzt an einer
Klinik tätig war. 1972 kehrte er nach Deutschland zurück und
übernahm eine Stelle im Kernforschungsinstitut Jülich. Bertel
Kronenberger, die Witwe von Kurts so früh verstorbenem Cousin Fritz,
die in Mainz geblieben war, wurde mit dem ersten großen Transport
im März 1942 nach Piaski in Polen deportiert und wenig später
im Vernichtungslager Belzec oder Sobibor ermordet. Sie war 42 Jahre alt.
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