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Seltener Besuch in ewiger Ruhestätte

Raymond Wolff und seine Spurensuche auf dem Mommenheimer Judenfriedhof / Infos für Schüler


Raymond Wolff (r.) erläutert den Kasteler Schülern die Grundzüge eines jüdischen Friedhofs am Beispiel des Gräberfeldes in Mommenheim.
Foto: hbz/Stefan Sämmer

11.05.2006 - Von Christian Albers, Allgemeine Zeitung

MOMMENMHEIM Als die letzten ortsansässigen Juden in der Nazi-Zeit aus der Gemeinde flohen, fürchteten sie, ihr am Ortsausgang Richtung Selzen gelegener Friedhof würde dem Erdboden gleichgemacht. Um zu retten, was zu retten war, verkauften sie ihn an den Besitzer des umliegenden Landes: Die Familie Uhl hütete das Gräberfeld und schenkte es vor rund zehn Jahren an die Jüdische Gemeinde Mainz zurück.

Jetzt besucht Raymond Wolff (59), Enkel einer jüdischen Familie aus Mommenheim, den frisch gemähten Rasen - gemeinsam mit Schülern der Gustav-Stresemann-Schule in Mainz-Kastel, die er in der Projektwoche "Kinder im Nationalsozialismus" auf den Spuren seiner Familie durch Rheinhessen führt. Auf vielen der knapp 20 Grabsteine ist sein Familienname zu lesen. "Etwa im Jahre 1750 haben sich meine Vorfahren hier niedergelassen", erzählt er. "Und Mitte des 19. Jahrhunderts lebten 40 bis 60 Wolffs in Mommenheim - allerdings waren nur die Hälfte davon Juden."

Links ein Weinberg, rechts ein gut bestellter Garten mit Erdbeer- und Gemüsebeeten: Das Land rund um den eingezäunten, unscheinbaren Gottesacker gehört immer noch der Familie von Alfred Uhl (81). Der erinnert sich noch an die Reichspogromnacht und die Zeit danach: "Viele Leute sind total ausgerastet und haben die Grabsteine umgestoßen." Später richteten die Uhls die Denkmäler wieder auf. "Laut Vereinbarung hätten wir die Gräber nur bis Ende der Sechziger erhalten müssen", erzählt seine Frau Irene. "Danach hätten wir sie abreißen können - was für uns aber nicht in Frage kam."

Unterhaltsam und humorvoll erklärt Raymond Wolff den Schülern, was einen Judenfriedhof ausmacht: "Bei uns bleiben die Menschen für immer liegen - anders als auf christlichen Friedhöfen." Denn für die Juden sei es wichtig, dass die Gebeine bis zum jüngsten Tag komplett blieben. "Weil sie dann wieder auferstehen, glauben die Juden."

Einige Schüler hätten kleine Steine und Zettelchen an den Gräbern erwartet. "Zettel steckt man nur an die Gräber ganz besonders mächtiger Rabbis", erklärt Wolff, "weil manche glauben, die könnten Wünsche erfüllen." Und Steine lege man auf Gräber, wie es Christen mit Blumen tun. "Es gibt verschiedene Theorien, woher diese Tradition kommt." Am besten gefalle ihm diese: "Auf der 40 Jahre dauernden Reise ins gelobte Land starben ja auch viele Menschen und wurden in der Wüste beerdigt. Deren Gräber hat man mit Steinen beschwert, damit der Wind sie nicht wieder frei weht." Doch hier liegen keine Steine: Die Gräber stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg - so gut wie nie kommt Besuch.

Wolffs Großeltern sind nicht hier beerdigt: "Mein Opa zog lange vor dem Krieg nach Nackenheim und betrieb dort ein Weingeschäft." Etabliert und angesehen sei er gewesen - deshalb sei er auch nicht wie Raymond Wolffs Eltern in die USA ausgewandert: "Er glaubte, er habe so viel Geld an die Kirche gespendet, dass ihm niemand etwas tun würde", sagt er mit geradezu erschütternder Leichtigkeit. "Und das, obwohl er bereits im Konzentrationslager in Osthofen gewesen war. Ein schwerer Irrtum: Am Ende wurden meine Großeltern ermordet."

Trotzdem ist dieser Besuch für ihn, der in den USA aufgewachsen ist und in Berlin lebt, eine willkommene Gelegenheit, auf den Spuren seiner Ahnen zu wandeln: "Sonst komme ich ja gar nicht hierher - ohne Führerschein."


© Jüdische Gemeinde Mainz