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Letzte Ruhe für Holocaust-Opfer

Charlotte Opfermann in Mainz beigesetzt

6.05.2006 - Allgemeine Zeitung

kew. MAINZ Sie galt als menschenfreundlich, trotz ihrer Lebensgeschichte. Ihre Warmherzigkeit habe stets eine große Nähe zu Anderen geschaffen. Vor allem auch zu jungen Leuten, die sie mit ihren bewegenden Erlebnissen in ihren Bann zu ziehen wusste. Mit diesen Worten wurde gestern die tote Schriftstellerin Charlotte Opfermann während einer Trauerfeier im Mainzer Hauptfriedhof gewürdigt.

Am 1. April 1925 als Lotte Guthmann in Wiesbaden geboren, erlebte die Tochter eines jüdischen Anwalts den Holocaust im Deutschen Reich. Sie verlor ihren Vater und ihren Bruder, während sie selbst im Arbeitslager in Theresienstadt jeden Tag um ihr Leben fürchten musste. Doch Lotte Guthmann überlebte. Sie wanderte 1946 in die USA aus und heiratete einen Mainzer Emigranten. Bei Besuchen und Vortragsreisen machte sie ihre Bücher und Erlebnisse ihrer alten Heimat zugänglich. In ihren Erzählungen verarbeitete sie die Erinnerungen an den Holocaust, wie in "The Art of Darkness", woraus während der Trauerfeier ein Auszug gelesen wurde. Etwa 60 Gäste füllten die Kapelle am Hauptfriedhof, um von einer besonderen Frau Abschied zu nehmen. Die Urne der Schriftstellerin wurde auf deren Wunsch im Familiengrab Opfermann beigesetzt.


Das Grabmal auf dem Mainzer Hauptfriedhof: Hier wird das Holocaust-Opfer Charlotte Guthmann-Opfermann am Freitag zur letzten Ruhe gebettet.
Foto: Sascha Kopp

Eine beeindruckende Frau: Charlotte Opfermann verstand es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Foto: Archiv/Windolf

Charlotte als 17-jähriges Mädchen - kurz bevor sie ins Konzentrations- lager Theresienstadt verschleppt wurde. Foto: privat

In die geliebte, gehasste Heimat

Holocaust-Opfer findet auf Mainzer Hauptfriedhof seine letzte Ruhe

4.05.2006 - Von Kirsten Strasser, Allgemeine Zeitung

MAINZ Es ist eine Rückkehr in die geliebte, gehasste Heimat, die Erfüllung eines letzten Wunsches. Die Urne der Holocaust-Überlebenden Charlotte Guthmann-Opfermann, die am 22. November 2004 in Houston/Texas starb, wird in Mainz beigesetzt - im Grab ihrer Schwiegereltern.

"Wenn du mal nicht mehr lebst", sagte einmal ein guter Freund zu ihr, "wenn du mal nicht mehr lebst, wirst du bei Theresienstadt beerdigt. Das willst du im Grunde doch." Charlotte Guthmann-Opfermann widersprach damals nicht. Vielleicht, weil dieser Satz Sinn machte. Weil ein Teil von ihr doch schon gestorben war, damals in Theresienstadt. Mit den anderen Opfern des Holocaust.

Doch als ihr Ende dann nahte, entschied sie sich anders. Kurz vor ihrem Tod im November 2004 sagte sie ihren Töchtern, dass sie im Grab der Opfermanns bestattet werden wolle - dem Familiengrab ihres Ex-Mannes. Dieser letzte Wunsch wird ihr jetzt bald erfüllt. Am Freitag, 5. Mai, wird die Urne der Verstorbenen auf dem Mainzer Hauptfriedhof beigesetzt.

Warum? Das mag man sich fragen. Ihr Verhältnis zur deutschen Heimat - Charlotte Guthmann-Opfermann wurde 1925 in Wiesbaden geboren - war zwiespältig, von Hassliebe geprägt. Und: Die Mainzer Familie Opfermann war katholisch, Charlotte war Jüdin; fast alle ihre Angehörigen wurden von den Nazis umgebracht. Und doch ist ihr Schicksal mit dem der Opfermanns eng verwoben - und das nicht nur, weil Charlotte als junge Frau einen Sohn der Opfermanns heiratete. Beide Familien eint, dass sie unter Hitlers Terror litten.

Charlotte Guthmann-Opfermanns Schicksal ist vielen hier bekannt. Obwohl sie ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Amerika auswanderte und dort bis zu ihrem Tod lebte, besuchte sie Deutschland und insbesondere die Rhein-Main-Region regelmäßig. Zeitlebens war sie um Verständnis und Verständigung bemüht, hielt Vorträge, diskutierte mit Schulklassen, las aus ihren Büchern. Sie erzählte immer wieder ihre Überlebensgeschichte - zumindest das, was erzählbar war. Manches Grauen war unaussprechlich.

Charlotte, genannt Lotte, wuchs in Wiesbaden als Tochter eines hoch geachteten jüdischen Anwalts auf. Ihre Wurzeln hatte sie auch im rheinhessischen Dörfchen Eich. Das galt als eines der ersten als "judenrein", nachdem man Charlottes Großvater hinausgeprügelt hatte. Der alte Mann starb später in einem Konzentrationslager. Genauso wie Charlottes Vater, ermordet in Auschwitz, und ihr Bruder Paul, ermordet in Mauthausen.

Charlotte überlebte das KZ Theresienstadt. Sie betrat die Hölle mit 17 und kam mit 20 wieder heraus. Um sie herum sei "ein ewiges Sterben" gewesen, sagte sie später einmal; immer wieder wachte das junge Mädchen neben Toten auf. Auch die "Befreiung" durch die Russen überlebte sie. "Die vergewaltigten uns ausgemergelte Jammergestalten."

1946 verließ die junge Frau Deutschland, ein paar Jahre später heiratete sie ihren Jugendfreund aus Mainz: Heinz Rudolf Opfermann. Der nannte sich in der neuen Heimat Amerika William Henry Opfermann und wollte von der Vergangenheit nichts mehr wissen. Seiner Frau erlaubte der ehemalige Wehrmachtsoldat nicht, über das Erlebte, Erlittene zu sprechen - auch nicht mit den Töchtern. Daran sei letztlich die Ehe zerbrochen, sagte Charlotte Opfermann-Guthmann einmal - viel später, als sie ihr Schweigen längst gebrochen hatte.


© Jüdische Gemeinde Mainz