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Ein Becher Wein steht für den Propheten Elias


Auf traditionelle Weise werden (hier in Kiryat Gat in Israel) die Mazzen aus ungesäuertem Brot streng koscher nach den Reinheitsgeboten hergestellt.
Foto: dpa

Jüdische Gemeinde denkt an Pessach mit Gebet an Auszug aus Ägypten

13.4.2006 - Von Bernd Funke, Allgemeine Zeitung

In den jüdischen Familien und in der Jüdischen Gemeinde wird derzeit in Erinnerung an den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten Pessach gefeiert. Den Ausklang bildet das Totengedenken (Iskor) am 20. April.

Jeder Winkel in den Wohnungen muss geputzt werden. Zum Pessach-Fest darf nicht mehr ein Krümel gesäuerten Brotes zu finden sein. Was für die Wohnungen gilt, das gilt selbstverständlich auch für die Räume der Jüdischen Gemeinde. Küche, Vorratskammer und Speisesaal wurden gesäubert, alle Gegenstände, die für Essenszubereitung und das Pessach-Mahl benötigt werden, "gekaschert", das heißt, speziell für Pessach koscher gemacht.

Köchin Tatjana Steinberg, die in speziellen Kursen gelernt hat, was die jüdischen Reinheitsgebote verlangen, hat tagelang in der Küche gestanden, um das traditionelle Essen vorzubereiten. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich, verrät, was an den beiden ersten Pessach-Tagen, den so genannten Seder-Abenden, auf den Tisch im Kiddusch-Raum der Jüdischen Gemeinde kommt: "Hühnersuppe mit Mazzeknödeln, gefillter Fisch, gepökeltes Rindfleisch." Abende, die "sehr integrativ" seien. Wer die Glaubensinhalte des Pessach und seinen rituellen Ablauf kennt, der feiert zu Hause, denn Pessach ist ein Familienfest. Wer in der Gemeinde feiern will, ist nicht allein. An beiden Seder-Abenden kommen im Speisesaal der Jüdischen Gemeinde jeweils rund 70 Gemeindemitglieder zum gemeinsamen Beten und Essen zusammen.

Das Essen steht aber nicht im Vordergrund. Pessach erinnert vielmehr daran, dass vor mehr als 3200 Jahren im "Ährenmonat", der später den Namen "Nissan" erhielt, mit dem Auszug aus Ägypten die Freiheit des jüdischen Volkes begann. Und so wird Rabbiner Yaacov Zinvirt an den beiden Seder-Abenden in der Gemeinde die Rolle des Familienvaters nehmen und den tiefen Sinn des in der Thora meist genannten Festes erklären. Auch des Rabbiners Ehefrau und seine beiden Kinder werden mit am Tisch sitzen. Nach dem Besuch der Synagoge und noch vor dem traditionellen Essen wird der Rabbiner die Geschichte des Auszugs aus Ägypten aus der Pessach-Haggada vorlesen und erläutern. Junge Gemeindemitglieder werden ihren Rabbiner bei der Übersetzung ins Russische unterstützen.

Auf dem Tisch wird, ganz wie es Vorschrift ist, ein Teller mit drei zugedeckten Mazzen, in Israel hergestelltem ungesäuertem Brot, stehen. Auf der Seder-Platte liegen die traditionellen Speisen: "Maror", ein "Bitterkraut" (die Mainzer Gemeinde verwendet Petersilie), das daran erinnern soll, wie die Ägypter das Leben der jüdischen Sklaven verbitterten, "Charosset" (eine Mixtur aus Früchten, Rotwein und Gewürzen, deren lehmige Farbe die von den Israeliten in Ägypten hergestellten Ziegelsteine darstellen soll), "Seroah", ein Lammknochen in Erinnerung an das ursprüngliche Pessach-Opfer, ein Ei und "Karpas", Gartengemüse, über das der Segensspruch über die Früchte der Erde gesprochen wird. Daneben steht ein Schüsselchen mit Salzwasser, in das das "Maror" eingetaucht wird. Erinnerung an die salzigen Tränen der jüdischen Sklaven in Ägypten.

Und fehlen darf an diesem Abend auch nicht der mit Wein gefüllte Becher, aus dem niemand trinken wird. Es ist der Becher für den Propheten Elias. Ob die Kinder auch Ostereier suchen? Stella Schindler-Siegreich lacht: "Nein, aber sie werden den Afikoman suchen und bekommen, wenn sie ihn gefunden haben, koschere Schokolade." Bevor nämlich das Mahl beginnt, wird die mittlere Mazze gebrochen und eine Hälfte wird zurück in die Serviette gesteckt. Die andere Hälfte, der Afikoman, wird versteckt. Am Ende des Sedermahls bekommt das Kind, das den Afikoman findet, einen kleinen Preis. In Mainz ist man da kinderfreundlicher: Der Afikoman wird in viele Teile gebrochen, damit jedes Kind einen süßen Preis erhält.


© Jüdische Gemeinde Mainz