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Mit Papierarbeiten religiöse Werte vermitteln

Yaacov Zinvirt ist der neue orthodoxe Rabbiner der Jüdischen Gemeinde
"Suche nach Wegen, um ins Herz zu kommen"

18.03.2006 - Von Bernd Funke, Allgemeine Zeitung

Dass ein orthodoxer Rabbiner nicht etwa ein frommes Buch, sondern ein Büchlein mit Bastelanleitungen für "Feste Israels in Papierarbeiten" vor sich liegen hat, hat zweierlei Gründe: Zum einen ist Rabbiner Yaacov Zinvirt höchstselbst der Verfasser eben jenes Bastelbuches, zum anderen ist auch dies ein Zeichen dafür, was ihn treibt. Zinvirt, seit wenigen Tagen erst Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Mainz, sucht den Weg zur Jugend.

Nein, ein Bild möchte er nicht von sich machen lassen - viel wichtiger als er selbst sei doch das Wort der Thora, bescheidet der 1962 in Jerusalem geborene Rabbiner den Fotografen. Der Mann des Wortes mit polnischen Wurzeln und einem berühmten Rabbiner in der Ahnenreihe definiert sich auch über seinen Familiennamen: "Zinvirt, das kommt aus dem Jiddischen und heißt so viel wie `zehn Worte` - und das bedeutet "zehn Gebote`", erklärt er. Nach seiner Schulausbildung, bei der die jüdische Religion einen wichtigen Teil ausmachte und dem Studium der Religionswissenschaften war Yaacov Zinvirt von 1986 bis 1990 in Berlin als Kantor tätig. Seit 1990 befasst er sich übrigens mit Basteltechniken, mit denen er religiöse Werte vermitteln will. Rabbiner ist Zinvirt, der bislang an der Universität Potsdam lehrte, seit 1999.

Auf seine jetzige Stelle hat sich der Verfasser des für Studenten gedachten Buches "Tor zum Talmud" und eines Bandes von Allegorien zu Raschi vor rund einem Jahr bereits beworben. Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, 1040 - 1105), war ein maßgeblicher Herausgeber und Kommentator der wichtigen jüdischen Religionsschrift Talmud im hohen Mittelalter. Der auf ihn zurückgehende Talmud-Kommentar gilt bis heute als einer der bedeutendsten und wird in den meisten Ausgaben mit abgedruckt. Für Mainz und Worms zuständig zu sein, die beiden Städte mit großer jüdischer Tradition, deren Namen mit Raschi ("Mein Lieblingskommentator") verbunden sind, bedeutet für Rabbiner Yaacov Zinvirt etwas ganz besonderes.

Zinvirt, selbst Vater einer zwölfjährigen Tochter und eines fast dreijährigen Sohnes, unterstreicht den hohen Stellenwert, den er der religiösen Ausbildung der Jugend beimisst: "Ich versuche, ihre Kräfte zu bündeln." Und er sieht große Chancen, denn "ein junger Mensch ist wie ein unbeschriebenes Blatt". Aber Zinvirt weiß auch: "Religiöse Inhalte beibringen ist die eine Sache, sie zu verinnerlichen die andere." Aber darauf kommt es ihm an. Denn: "Die Lehre hat Einfluss auf die Denkweise. Und nur durch das Einhalten der Gesetze und das Denken an Gott verbessern wir unsere Position." Also: "Man spricht nicht nur Gebete, sondern praktiziert auch - nur dann hat es Wert."

Er sei, so Yaacov Zinvirt, ein "orthodoxer Rabbiner, aber die moderne Problematik ist mir vertraut. Und ich versuche, in moderner Art zu erklären." Und der neue Mainzer Rabbiner gesteht: "Ich komme von einer anderen Denkweise und suche nach Wegen, um ins Herz zu kommen." Einer der Wege, die er sich wünscht, ist eine Art Kindergarten, damit die Jüngsten "ihre Identität schon früh entwickeln können".

Für die zahlreichen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion hat Rabbiner Zinvirt übrigens ein völlig neues Lernprogramm entwickelt, damit sie die Inhalte der hebräischen Gebete nachvollziehen können. Den "Neuen" der Gemeinde hat der Rabbiner auf den Weg gegeben: "Behalten Sie Ihre Kultur, aber verbinden Sie sie mit Glaubensinhalten."


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