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"Menschen starben wie die Fliegen"


Anita Lasker-Wallfisch schilderte in nüchternen Worten ihre erschreckenden Erlebnisse, das Studentenorchester der Musikhochschule Rheinland-Pfalz spielte Werke in Auschwitz ermordeter Komponisten.
Fotomontage: Ochßner

Anita Lasker-Wallfisch Gast in Wormser Synagoge/Gedenktag zur Auschwitz-Befreiung

03.02.2006 - Von Ulrike Schäfer, Wormser Zeitung

"Ihr sollt die Wahrheit erben" heißt das Buch von Anita Lasker-Wallfisch, und diese Erbschaft wiegt schwer. Zum Gedenktags zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 war die Autorin, die heute als Cellistin im Londoner Chamber Orchestra spielt, in der Synagoge zu Gast.

Als die Überlebende in geradezu nüchternen Worten ihre entsetzlichen Erlebnisse schilderte, da liefen bei vielen Zuhörern die Tränen. Entsetzen, Mitgefühl, Scham mischten sich mit Bewunderung für diese Frau, die durch die Hölle gegangen war und doch nicht Hass, sondern Hoffnung vermittelte.

Anita Lasker-Wallfisch wuchs als jüngste von drei Schwestern in einer harmonischen, Musik liebenden Familie in Breslau auf. Trotz zunehmender Einschränkungen für die Juden nach der Machtergreifung sei ihr Vater Optimist gewesen. Er habe fast bis zum Schluss damit gerechnet, dass der Wahnsinn bald aufhören werde. Die älteste Tochter konnte er noch in Sicherheit bringen, doch ehe er die beiden jüngeren Mädchen außer Landes schaffen konnte, wurde er selbst am 9. April 42 mit seiner Frau abgeholt. Wenig später gab es einen ebenso bewegenden Abschied von der 82-jährigen Großmutter. Renate und Anita fanden Unterkunft in einem Waisenhaus und arbeiteten in einer Papierfabrik. Weil sie französischen Zivilarbeitern durch gefälschte Papiere zur Flucht verhalfen, wurden sie zu Gefängnis verurteilt. "Ich war sicher, dass ich es in dieser stinkenden Zelle niemals aushalten könnte", sagte Lasker-Wallfisch, "doch später dachte ich daran zurück wie an einen Ferienort".

Denn sie kam nach Auschwitz: "Es war eine Falle, die man nur durch den Schornstein verlassen konnte". Mit wenigen, konzentrierten Worten gab sie ein packendes Bild des Lagerlebens, das von stundenlangen Appellen, Kälte, Hunger, Seuchen, Entmenschlichung gekennzeichnet war. Sie gehörte zu den wenigen, die überlebten, weil sie als Cellistin im berühmten Mädchenorchester von Alma Rosé spielen durfte.

Doch Auschwitz war nicht die Endstation. In Bergen-Belsen schlief die knapp 19-Jährige mit 3000 Leidensgenossen in Zelten auf nacktem Boden, es gab so wenig zu essen, dass die Menschen "wie die Fliegen starben". Die überlebenden, völlig entkräfteten Menschen mussten die Leichen selbst wegschleppen und begraben. Am Nachmittag des 15. April hörten die Gefangenen endlich Panzer rollen und die englischen Soldaten: "Don´t worry, you are free".

Sterben in Auschwitz mussten die Komponisten Viktor Ullmann und Hans Krása, die noch in Theresienstadt mit anderen Häftlingen ein reiches kulturelles Leben entfacht hatten. Drei ihrer Stücke spielten Fernanda Vieira (Viola), Maria Ilske, Katharina Zahn, Dorottya Ujlaky (Violine) und Jawor Domischljarski (Violoncello) vom Studentenorchester der Musikhochschule Rheinland-Pfalz unter Leitung von Professor Klaus Marx, Florian Rosskopp sang Lieder nach Texten von Arthur Rimbaud.


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