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Heimat der Vorfahren erkundet


Die israelische Reisegruppe mit Stadtführerin Stella Schindler-Siegreich.
Ochßner

Israelische Journalisten erkunden jüdisches Worms

01.02.2006 - Bürstädter Zeitung

uls. WORMS Vor einer Woche habe sie noch im Meer in Tel Aviv gebadet, erzählt die junge Reisejournalistin aus Israel. Jetzt hat sie fröstelnd den dicken Strickschal über Mund und Wangen gezogen. "Warum werden solche Reisen denn im Winter veranstaltet?", fragt denn auch Stadtführerin Stella Schindler-Siegreich, die mit Bernd Leitner, dem Leiter der Touristinfo, selbst eine halbe Stunde lang in der Kälte auf die Gruppe gewartet hatte. "Ganz einfach", erfährt sie, "wenn wir bei unserer Rückkehr unsere Eindrücke gleich zu Papier bringen, können noch für diesen Sommer Reisen nach Deutschland gebucht werden".

Sechs israelische Journalisten machten unter dem Motto: "Germany for Jewish Travellers" in Worms Station. Ein Luxus, den die Israelis zu schätzen wissen, ist die Führung in hebräischer Sprache. Die deutsche Begleitung muss freilich besonders die Ohren spitzen und erhascht beim Gang durch den Synagogenhof immerhin so bekannte Wörter wie "Örgler und Nörgler" und "Wiedergutmachung", aber auch "Knesset", was in diesem Fall aber nicht das israelische Parlament meint, sondern schlichtweg die Versammlung, ein Synonym also für Synagoge.

Die jungen Leute halten das Innere des Gotteshauses von oben bis unten mit Filmkamera und Fotoapparat fest, während die Älteren der Stadtführerin lauschen. Lange verharrt die Gruppe vor der Tafel mit den Namen der ermordeten jüdischen Wormser. Neugierig sehen sie sich wenig später in der Jeschiwa um und lachen, als sie hören, dass manche Orthodoxe glauben, Raschi habe tatsächlich auf dem steinernen Stuhl gesessen. Staunend blicken sie ins derzeit wasserlose Becken der Mikwe.

"Mir gefällt es hier sehr gut, weil alles so überschaubar ist und hübsch beieinander liegt", sagt eine der Journalistinnen. Nach ihrer Militärzeit habe sie über das Leben in der Armee geschrieben, danach Journalistik studiert. Die Fahrt nach Deutschland sei ein Bonus, weil sie so gut abgeschnitten habe, erzählt sie stolz. Eine ganz andere Beziehung zu Deutschland hat einer der älteren Teilnehmer. "Meine Großmutter stammt aus Lörrach", verrät er. "Sie floh 1932 nach Israel."

Im jüdischen Museum bleibt Stella Schindler-Siegreich vor den Tafeln stehen, die die eingeschlagenen Schaufenster und die brennende Synagoge in der Reichskristallnacht zeigen sowie das Schild: "Juden sind hier nicht erwünscht". "Wir haben sehr viel über die Zeit zwischen 1939 und 1945 gehört", nimmt der Israeli den Faden wieder auf, "aber wir wissen wenig, wie man heute in Deutschland mit dem Thema umgeht". Er finde es gut, dass die Synagoge wieder aufgebaut worden sei. "Aber was tut man, um die Shoah im Gedächtnis zu halten?" Seinen Kollegen überrascht vor allem, wie lebendig die jüdische Vergangenheit erhalten sei. Dieser Eindruck wird verstärkt auf dem Heiligen Sand, wo die Führerin die Geschichte von Meir von Rothenburg und Salomon ben Wimpfen erzählt und das Rabbinertal zeigt. Als die Besucher Worms in Richtung Heidelberg verlassen, sagen sie ein deutsches Wort: "Danke!"


© Jüdische Gemeinde Mainz