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Persönlicher Kontakt erleichtert Reise


Das ist der Grabstein von Rabbi Auerbach. Ein Nachfahr bat Dr. Fritz Reuter, diesen neuen Stein für ihn zu kaufen. Der alte war im Krieg zerstört worden. Besucher des Judenfriedhofs finden ihn im "Tal der Rabbiner".
Foto: Rolf Ochßner

Ehepaar Schlösser und Fritz Reuter haben viele Juden durch Worms geführt

13.01.2006 - von Katja Wojtynowski, Bürstädter Zeitung

WORMS Die Bande sind stark und reißen nicht ab. Regelmäßig kommen Nachkommen der Wormser Juden in die Stadt und begeben sich auf die Spuren ihrer Vorfahren. Annelore Schlösser und Fritz Reuter haben schon vielen Menschen bei ihren Nachforschungen geholfen.

Annelore Schlösser hat ein ganzes Paket voller Fotos. Die Bilder stammen aus den 70er, 80er und 90er Jahren und dokumentieren die vielen Besuche von Wormser Juden und deren Nachkommen in der Nibelungenstadt. Die Foto-Motive wiederholen sich: der alte und neue Judenfriedhof, die Synagoge, Annelore und Ehemann Dr. Karl Schlösser mit den Gästen aus Übersee.

"Ich kann das nicht mehr zählen, wie viele Menschen mein Mann und ich schon durch Worms geführt haben", sagt Annelore Schlösser. Sie und ihr vor drei Jahren verstorbener Mann haben intensiv über das Schicksal der Wormser Juden im Dritten Reich geforscht, vor drei Jahren erschien die Dokumentation "Die Wormser Juden 1933-1945" auf CD-ROM. Darin sind die Namen und Schicksale aller Juden verzeichnet, die zu dieser Zeit in Worms lebten.

"Mein Mann hat als Leiter der Wormser Volkshochschule einen Arbeitskreis eingerichtet, der sich diesem Thema widmete. 1964 fuhr die VHS zum ersten Mal nach Israel und knüpfte dort viele Kontakte zu ehemaligen Wormser Juden", berichtet die Historikerin. Im Zuge der Arbeit an der Dokumentation schrieb Annelore Schlösser die Holocaust-Überlebenden und ihre Nachkommen an. "Viele haben zurückgeschrieben und viele äußerten den Wunsch, Worms und uns zu besuchen", erinnert sie sich. Die Bekanntschaft mit ihnen habe vielen Juden die Reise nach Worms leichter gemacht, viele scheuten zunächst den Umgang mit den Deutschen.

Im Sommer hat sie eine neunköpfige Gruppe durch die Nibelungenstadt geführt. "Das war die Familie eines Wormser Juden, mit dem ich heute befreundet bin. Mit ihm und seinem Cousin schreibe ich E-Mails, und sie haben mich schon oft besucht", erklärt Annelore Schlösser. Besonders gerne erinnert sie sich an eine junge Amerikanerin, die Anfang der 80er Jahre plötzlich vor ihrer Tür stand. Das Stadtarchiv hatte sie zu den Schlössers geschickt. Annelore Schlösser zeigte ihr, was sie und ihr Mann über ihre Familie in Erfahrung gebracht hatten und führte sie durch Worms.

"Sie war eigentlich nur auf der Durchreise gewesen, aber als sie den Namen Worms auf einem Straßenschild las, fiel ihr ein, dass ihr Vater oft von Worms erzählt hatte", so die Historikerin. Schlösser ist überzeugt: "In den jüdischen Familien spielen die Vergangenheit und die Tradition eine sehr wichtige Rolle."

Auch der ehemalige Leiter des Stadtarchivs, Fritz Reuter, hat schon unzählige Menschen auf den Spuren ihrer Vorfahren durch Worms geführt. "Die Leute haben meine Bücher gelesen und sind dann auf mich zugekommen", erklärt er. An den Gräbern ihrer Vorfahren erzählten die Besucher oft, was sie und ihre Vorfahren während des Dritten Reiches erdulden mussten. "Einige reden da relativ nüchtern drüber - ich meine, nicht anklagend - andere leiden sehr unter den Erlebnissen", berichtet Reuter.

Meist seien es ältere Menschen, die nach Worms kommen. "Im letzten Viertel ihres Lebens wollen sie noch einmal zu ihren Wurzeln zurückkehren", erklärt der pensionierte Archivar. "Die Menschen hängen noch sehr an Worms - und diese Erinnerung wird im Alter stärker." Vor einigen Jahren hat Reuter im Auftrag eines heute in Israel lebenden Rabbiners einen Grabstein gekauft. "Der Grabstein seines Vorfahrs, eines Rabbis namens Auerbach, ist im Krieg zerstört worden", erzählt er. Um 1800 hat Auerbach in Worms gewirkt, jetzt erinnert ein neuer Grabstein im so genannten "Tal der Rabbiner" an ihn.


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