Home - Gemeinde - Aktuell - Geschichte - Rabbinat - Synagogenprojekt - Links - Gästebuch - Kontakt - Führung

 


Zu viele sahen weg


In der Hindenburgstraße, dort, wo einst die Synagoge stand, versammelten sich gestern Mainzer und gedachten der Pogromnacht von 1938.
Foto: Sascha Kopp

Gedenkfeier zur Pogromnacht von 1938

10.11.2005 - Allgemeine Zeitung

grü. Mit dem Psalm 29 "Gott ist mein Hirte" begann Rabbiner Avraham Nussbaum die Gedenkfeier an die Pogromnacht vor 67 Jahren am Mahnmal vor der ehemaligen Synagoge. Damals steckten die Nationalsozialisten die Synagogen an der Hindenburgstraße und am Flachsmarkt in Brand, nachdem sie die jüdischen Gotteshäuser geplündert hatten. Ebenso zerstört wurde die Gebetsstube in Bretzenheim. Insgesamt wurden in Mainz sechs Läden und 55 Wohnungen zerstört, das menschliche Leid war kaum zu fassen. "Zweifellos gab es auch Mainzer, die mit Entsetzen die grausamen Aktionen ablehnten und ihren jüdischen Nachbarn, Kollegen und Freunden halfen", sagte Oberbürgermeister Jens Beutel. "Doch viele, viel zu viele haben nicht zu ihnen gestanden, machten sogar mit oder sahen einfach weg", ergänzte Beutel. Er wünschte sich, dass neben den Lehrern im kommenden Jahr Schüler an dieser Gedenkfeier teilnehmen.

"Der Dom, die Christuskirche und die Synagoge hier an diesem Platz prägten das Stadtbild von Mainz vor der Pogromnacht 1938", erinnerte Stella Schindler-Siegreich, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Bis auf die Synagoge seien die Symbole wieder aufgebaut worden. Stadt und Land würden den Bau einer Synagoge unterstützen, dennoch sei der Bau bisher aus unterschiedlichen Gründen nicht geglückt. "Helfen Sie mit, die Lücke im Stadtbild zu schließen", forderte sie auf.

Mit einem Trauergesang des Rabbiners, in dem der Toten in den Konzentrationslagern und der anderen ermordeten Juden gedacht wurde, endete die Gedenkfeier. Anschließend kam Willy Kolter auf den Rabbiner zu und erzählte ihm, dass er damals sah, wie die Synagoge abbrannte, weil er ganz in der Nähe gewohnt hatte. "Die Feuerwehr wurde vom Löschen abgehalten, wir konnten nichts tun, da wir selbst eine jüdische Großmutter hatten." Noch gibt es Menschen wie ihn, die mit eigenen Augen gesehen haben, was die Nationalsozialisten anrichteten. Doch die Ereignisse liegen immer weiter zurück, "umso wichtiger wird es, mit dem gemeinsamen Gedenken zentraler Ereignisse unsere gemeinsame Geschichte lebendig zu halten", so OB Beutel.


© Jüdische Gemeinde Mainz