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Ein Stück Mittelalter zum Begehen


Der Wehrgang ist in exzellentem Zustand, der Turm jedoch müsste auf Vordermann gebracht werden - für geschätzte 220 000 Euro.
Foto: Uwe Feuerbach

Wehrgang der Stadtmauer am Raschitor und Turm sollen zugänglich gemacht werden

25.04.2005 - Von Johannes Götzen, Wormser Zeitung

Eng ist die stählerne Wendeltreppe im Scharfrichterturm und ganz offensichtlich nur ein Provisorium. Aber oben angekommen wird die Mühe des Aufstiegs belohnt: Der Wehrgang der Stadtmauer am Raschitor ist ein Erlebnis. Bislang allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten.

Der Wehrgang ist in exzellentem Zustand. Die Sandsteinplatten am Boden wirken wie gerade auf Vordermann gebracht, das gesamte Mauerwerk ist erkennbar gut in Schuss. Viel Mühe steckt darin, Karlheinz Matthieu vom Bauamt kann dies auch in Zahlen ausdrücken. Jahr für Jahr müssen zwischen 3000 und 6000 Euro für Sturmschäden am mit Ziegeln gedeckten Dach und am Mauerwerk aufgewendet werden.

Außerdem war im vergangenen Jahr mal wieder eine Generalreinigung notwendig wie sie alle fünf Jahre durchgeführt wird. Sage und schreibe 1,8 Tonnen Taubenkot mussten entfernt werden. Danach wurde der gesamte Wehrgang praktisch eingehüllt in feinen Maschendraht, um es dem Federvieh unmöglich zu machen, irgendwo ein Schlupfloch zu finden. Auch das hat natürlich einige tausend Euro verschlungen.

Weil all diese Kosten so oder so von der Stadt zu tragen sind, entstand die Idee, dieses Stück der Stadtmauer mitsamt dem Turm zu nutzen, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Oberbürgermeister Michael Kissel war jetzt mit den Baufachleuten vor Ort und zeigte sich beeindruckt. Ein Stückchen Mittelalter sei hier erlebbar.

Vor einer Nutzung freilich müsste insbesondere der Turm, der im Inneren bis auf wenige rohe Eichenbalken völlig leer und vergammelt ist, auf Vordermann gebracht werden. Mit 220000 Euro "für den einfachsten Ausbau" müsse hier gerechnet werden, schätzt Armin Kaiser vom Bauamt, und bei dieser Zahl zuckt OB Kissel als Finanzdezernent sofort zusammen. Es sei noch alles völlig offen, die Idee noch ganz am Anfang, betont er. Vier Ebenen könnten im Turm geschaffen werden, die zum Beispiel kulturellen Zwecken dienen könnten oder als Erweiterung fürs jüdische Museum im Raschihaus.

Das hört Dr. Gerold Bönnen, Leiter des Stadtarchivs, gern. Auch als Chef der Denkmalpflege sieht er die Ideen positiv. Zumal der Turm tatsächlich ein authentisches Stück Mittelalter darstelle, also rund 800 Jahre alt ist. Das Raschitor freilich ist dagegen ein Jungspund. Es entstand erst 1906, als die Altstadt neu konzipiert wurde und so auch die Karolingerstraße entstand. "Völlig geschichtslos", kommentiert der Archivar mit einem Augenzwinkern, aber exzellent ins historische Gemäuer eingefügt, wie er sofort hinzufügt. Insgesamt spricht Bönnen von einem "sehr gelungenen historischen Ensemble".

Durch das gerade mal 100 Jahre junge Raschi-Tor konnte der berühmte Rabbiner und Gelehrte, nach dem es benannt ist, nicht gegangen sein. Früher habe es aber eine Raschigasse gegeben, die mit der Neuordnung der Altstadt verschwand, erklärt Bönnen. Den Namen des noch heute verehrten Raschi wollte man allerdings nicht tilgen, deshalb bekam das Stadttor seinen Namen.


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