Essen gibt es erst ab Seite 33
Wiesbadens jüdische Gemeinde feiert mit vielen Gästen das
Passah-Fest
25.04.2005 - Von Stefan Weiller, Wiesbadener Tagblatt
Der Gottesdienst in der Synagoge war kurz. Doch die eigentliche
Zeremonie zum Passah-Fest sollte im Festsaal der jüdischen Gemeinde
in der Friedrichstraße erst noch beginnen. Allerlei Speisen und
reichlich Wein auf den Tischen verhießen den zahlreichen Gästen
einen genussreichen Abend. Aber wer sich sofort über das Essen hermachte,
hatte sich schon den ersten Fauxpas geleistet.
Zunächst müssen die Texte, Lieder und Gebete
aus der Pessach-Haggadah von Rabbiner und Gemeinde komplett vorgetragen
werden. Die Pessach-Haggadah ist eine Schrift, die an den Exodus, den
Auszug der Juden aus Ägypten erinnert. Nach jüdischem Verständnis
fand das Ereignis ungefähr 1300 Jahre vor christlicher Zeitrechnung
statt. Das Passah-Fest wird am Vorabend des 15. Nissan, dem jüdischen
Frühlingsmonat, begangen.
In diesem Jahr fallen Sabbat und Pessach, so die hebräische
Bezeichnung, zeitlich zusammen - eine organisatorische Herausforderung,
da am Sabbat nicht gearbeitet werden darf. Die Festvorbereitungen mussten
bereits am Freitag getroffen werden.
"Es geht darum, sich zu vergegenwärtigen, dass
wir errettet wurden", erklärt Jan Kandror. Vor zwölf Jahren
kam er aus Moskau nach Wiesbaden. Heute übersetzt er die Worte des
Rabbiners für die russischsprachigen Mitglieder der Gemeinde. Die
Haggadah liegt in verschiedenen Übersetzungen vor, so dass die Regeln
allen zugänglich sind. Trotzdem hält der eine oder andere Unwissende
das Matzenbrot schon in der Hand.
"Es dauert bis Seite 33, dann bekommen wir Essen",
mahnt Rabbiner Avrehmi Nusbaum zu Geduld und Aufmerksamkeit. Das erste
von insgesamt vier Gläsern Wein gab´s zur Freude aller schon
auf Seite 11. Jede Speise ist voller Symbolik. Es sind Erinnerungen an
das Gute und das Bittere. Das Gute wird durch das Mazza, ein ungesäuertes
Brot, repräsentiert. Das "Brot der Armen" ist schnell herzustellen
und ernährte das Volk Israel auf der Flucht vor der Knechtschaft
des Pharaos. An die schweren Zeiten erinnert ein bitteres Kraut: Moraur.
Heute ist es geriebener Meerrettich. Außerdem gibt es geriebenen
Apfel mit Zimt. Die rotbraune Farbe steht für den Lehm, den die Israeliten
als Zwangsarbeiter der Ägypter beim Pyramidenbau verwendeten.
Das bedeutende Fest feierte als letztes Abendmahl einst
auch Jesus Christus, dessen Leidensweg in der Zeit des Passah begann.
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