Über jüdische Gelehrsamkeit
Einblicke in der Reihe "Jüdisches Lehrhaus"
23.04.2005 - Von Ulrike Schäfer, Wormser Zeitung
Raschi, der große Gelehrte, ist in diesem Jahr
in aller Munde - was aber hat es mit der berühmten jüdischen
Gelehrsamkeit auf sich? Einen höchst eindrucksvollen Einblick gaben
Stella Schindler-Siegreich und Dr. Josef Mattes von Warmaisa in der Auftaktveranstaltung
zur Seminarreihe "Jüdisches Lehrhaus".
Lernen ist nach Auffassung der Juden eine lebenslange
Verpflichtung, erläuterte Schindler-Siegreich. "Schärfe
das Wort Gottes deinen Kindern ein", heißt es bereits sinngemäß
in der Thora. Und so wurden Jungen schon früh in der hebräischen
Sprache unterrichtet. Wenn die Schreibtafel dann mit den 22 Buchstaben
vollgeschrieben war, wurde sie mit Honig bestrichen und durfte abgeschleckt
werden - lernen ist süß. Dass die Lehrer manchmal auch zur
Rute griffen, ist allerdings ebenfalls überliefert. Bis etwa zum
13. Lebensjahr, bis zur ihrer feierlichen Bar Mizwa in der Synagoge, wurden
die Knaben aufs Lesen und Diskutieren der Heiligen Schrift vorbereitet.
Eigens für die vielen Lernbegierigen hatte Stella
Schindler-Siegreich eine Thorarolle mit prächtigem Mantel und Schild
aus dem Thoraschrein heben lassen und erläuterte, mit welcher Verehrung
mit diesem Schrift gewordenen Wort Gottes umgegangen wird. In der Raschi-Jeschiwa
konnte die Gruppe dann einen Blick in den Talmud tun, die Sammlung der
mündlichen Überlieferung, die auch heute noch zusammen mit dem
Raschi-Kommentar gedruckt wird. Die Hochblüte der askenasischen Gelehrsamkeit
endete mit dem 14. Jahrhundert.
Im zweiten Teil des Abends berichtete Dr. Josef Mattes
über die jüdische Bildung in der Zeit der Aufklärung und
nach der Gleichstellung der Juden in napoleonischer Zeit. Aus einer Verordnung
des Großherzogs aus dem Jahr 1823 war zu erfahren, dass nun auch
für Kinder "mosaischen Glaubens" die allgemeine Schulpflicht
eingeführt wurde. Die Juden durften zwar eigene Schulen unterhalten,
mussten aber ihre Stundentafeln den Volksschulen anpassen. Später
gingen die Kinder auf staatliche Schulen, bis es ihnen im Dritten Reich
verboten wurde. Während die Jungen stets Zugang zu weiterführenden
Schulen hatten, wurden die Mädchen Mitte des 19. Jahrhunderts in
der Privatschule des Ehepaars Adler unterrichtet. Später gingen sie
in bis zur Mittleren Reife aufs Eleonorengymnasium und stellten dort einen
hohen Anteil. 1907 wechselte Dora Selig aufs altsprachliche Gymnasium,
um als erstes jüdisches Mädchen in Worms Abitur zu machen.
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