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Aufklärung tut Not


pkoenigsberger@vrm.de

Peter Königsberger zu Gedenken

18.04.2005 - Allgemeine Zeitung

Noch ein paar Jahre und es wird keine Zeitzeugen mehr für das geben, was die Nazis während ihrer Schreckensherrschaft angerichtet haben. Dann wird niemand mehr aufstehen und davon berichten können, was sich hinter den nackten Zahlen über die Opfer in Auschwitz, Majdanek, Bergen-Belsen, Sobibor, Treblinka, Sachsenhausen und Dachau an täglicher Angst, Not und Pein versteckt. Weil das so ist, werden die Gedenkveranstaltungen wie die gestern überall in Deutschland ein unverzichtbarer Bestandteil der bundesdeutschen Wirklichkeit bleiben müssen. Doch damit ist es nicht genug. So eindringlich, gut, richtig und vor allem aufrichtig die Mahnungen und Bekenntnisse der Redner von Paul Spiegel bis Joschka Fischer auch sind, im Alltag ist das allzu oft schnell vergessen. Deshalb tut geduldige Aufklärung Not, vor allem in den Schulen. "Nie wieder", scheint eine selbstverständliche Forderung zu sein, sie spricht sich schnell und oft all zu glatt aus. Doch "nie wieder" kann nur funktionieren, wenn das Wissen um das, was von 1933 bis 1945 in Deutschland und in Europa geschah, Allgemeingut wird, wenn ohne Wenn und Aber jedem Bürger klar wird, dass dies auch seine Verantwortung vor der Geschichte ist. Wäre das so, würden ernst zu nehmende Wissenschaftler nicht 15 Prozent der deutschen Bevölkerung für aktive Rechtsradikale oder zumindest Sympathisanten braunen Gedankenguts halten. Antisemitismus und Rechtsradikalismus ist indes kein deutsches Phänomen, wie die Schmierereien gestern an einer Synagoge in Genf zeigen. Doch nirgendwo und zu keiner Zeit mündete solche Gesinnung in fabrikmäßigen Mord an sechs Millionen Menschen. Deutschland ist heute ein geachtetes Mitglied der Völkerfamilie, eben weil es sich in den vergangenen 60 Jahren konsequent zu seiner Vergangenheit bekannt hat. Das ehrliche und aufrichtige Erinnern ist also ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Identität. Das sollten wir auch ohne Gedenktage wie den gestrigen nie vergessen.


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