Home - Gemeinde - Aktuell - Geschichte - Rabbinat - Synagogenprojekt - Links - Gästebuch - Kontakt - Führung

 


Ein Leben in vielen Farben


Stets wortgewaltig im Sinne des Glaubens und der christlich-jüdischen Verständigung: Monsignore Klaus Mayer erhält die Ehrenbürger-Urkunde von Oberbürgermeister Jens Beutel.
Foto: Sascha Kopp

Monsignore Mayer ist Ehrenbürger/Herzenswunsch: Aufbau der Synagoge

16.04.2005 - Von Monika Paul, Allgemeine Zeitung

Monsignore Klaus Mayer ist am Freitag die Ehrenbürgerwürde der Stadt Mainz verliehen worden. Beim Festakt im Rathaus stand - neben seinem Verdienst um die Ausstattung von St. Stephan mit den Chagall-Fenstern - sein Wirken für die christlich-jüdische Verständigung im Vordergrund.

"Von guten Mächten wunderbar umgeben" - im Ratssaal sang der Chor der Innenstadt-Gemeinde Bonhoeffers Liedzeilen. Sie könnten als Lebensmotto des 82-Jährigen stehen. "Sie haben Geschichte, die auch ein Teil der Geschichte unserer Stadt ist, an ihrem eigenen Leibe erfahren", erinnerte Oberbürgermeister Jens Beutel an die dunklen Jahre von Mayers Kindheit, 1923 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, 1933 zum katholischen Glauben konvertiert, später Priester, 1965 bis 1991 Pfarrer von St. Stephan.

Mainz habe dem umtriebigen Pfarrer unendlich zu danken, sagte Beutel. Dafür, dass Mayer Willigis` Grabeskirche nicht nur von Kriegszerstörungen befreit, sondern zu einer "Friedenskirche" mit "religiös-politischem Auftrag gemacht habe, zu einem Wallfahrtsort der Ökumene. Dies sei dank Mayers Werben um die Mitwirkung Marc Chagalls gelungen, der ab 1978 neun Fenster für das gotische Gotteshaus schuf.

Sowohl Beutel als auch Armin Korn, CDU-Fraktionschef, der im Namen des Stadtrates sprach, nannte Mayers Lebenswerk, das auf der Freundschaft zu Chagall fußte, eine "Fügung". Nicht nur Fügung, sondern auch höchst eigener Wille sei es aber gewesen, dass Mayer seine jüdischen Wurzeln nie vergessen habe. Die Ehrenbürgerwürde für Mayer sei ein Zeichen, dass Mainz 60 Jahre nach Kriegsende nicht den Schleier des Vergessens über die Nazi-Vergangenheit breite. Korn: "Es ist unerträglich, wenn versucht wird, unbestrittene Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg mit dem Holocaust gleichzusetzen."

Mit einem jüdischen Segen bedachte Stella Schindler-Siegreich, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, den Monsignore. Sein Großvater habe als einer ihrer Vorgänger den "strahlenden Augenblick" der Einweihung der Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße erlebt, aber auch ihren brennenden Untergang 1938. Mit den Chagall-Fenstern zeige Mayer die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen. "Sie stehen auch für das jüdische Mainz."

Mayer dankte verschmitzt für alles Gesagte, auch für den einstimmigen Ratsbeschluss ("Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte es eine Enthaltung gegeben."). Er verband seinen Dank, liebenswürdig wie fordernd, aber auch mit drei "Herzensangelegenheiten": der Restaurierung von St. Stephan, für die ebenfalls Generalvikar Giebelmann um Unterstützung bat, dem Aufbau der Synagoge ("Ohne sie ist der Wiederaufbau von Mainz nicht komplett"). Und dem Wunsch nach einer "Museumsinsel", indem der Eltzer Hof dem Landesmuseum zugeschlagen werde und dort eine moderne Ausstellungshalle entsteht ("Gebt dem Goldenen Ross Raum, damit es springen kann.") Wer keine Visionen habe, ändere nichts, so Mayer, und wendete das frei nach Marc Chagall Gesagte auch ins Private: Jeder sei aufgerufen, sich sein Leben in den ihm eigenen Farben zu malen.


Von der Synagoge zur Kirche

Im Leben von Klaus Mayer spiegelt sich auch Mainzer jüdische Geschichte

16.04.2005 - Von Monika Paul, Allgemeine Zeitung

Klaus Mayer wird am 24. Februar 1923 in Darmstadt als Sohn des jüdischen Kaufmanns Karl Mayer geboren. Er stammt aus einer alt eingesessenen Mainzer Familie. Großvater Bernhard Albert Mayer ist von 1908 bis 1941 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. In seine Amtszeit fällt der Bau der neuen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße, die dann in der Pogromnacht 1938 von Mainzer Mob in Brand gesteckt und zerstört wird. Klaus Mayers Vater flieht 1941 nach Argentinien. Dort lebt der Bruder des Pfarrers, Bernardo, noch heute - zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an seinen Bruder reiste er am Freitag extra nach Deutschland an.

Klaus Mayer bleibt in der Nazi-Zeit bei seiner Mutter, die ihre Söhne 1933 katholisch taufen lässt - als Zeichen christlich-jüdischer Verbundenheit, wie sie damals noch denkt. Der Übertritt gibt dem "Mischling 1. Grades", so der Nazi-Jargon, zunächst einen gewissen Schutz. Er geht ins Internat der Benediktiner in Ettal, macht nach Auflösung der Klosterschule unter vielen Schikanen das Abitur an der Adam-Karrillon-Schule (heute Rabanus Maurus-Gymnasium) in Mainz. Am 27. Februar 1945 verlieren die Mayers beim schweren Bombenangriff ihr Zuhause am Feldbergplatz. "Meine Mutter hat mich zwei Mal geboren", sagt Mayer heute, "1923 und später, als sie mich vor den Nazis gerettet hat - sie war eine sehr tapfere Frau."

Lebensbestimmend wird ab Kriegsende seine Entscheidung für ein Leben als katholischer Priester. 1945 tritt er ins Priesterseminar ein, 1965 bis zu seinem Ruhestand 1991 wirkt er als Pfarrer von St. Stephan. Er sorgt für die Restaurierung der kriegszerstörten Kirche, so wie einst sein Großvater am Bau der Hauptsynagoge beteiligt war, und sucht nach einem Symbol für christlich-jüdische Versöhnung.

Er findet es in einem Buch, das Chagall-Fenster in Jerusalem und Zürich zeigt. Am 10. April 1973 schreibt er dem Künstler erstmals nach Frankreich - es folgen viele weitere Briefe und Begegnungen, bis am 23. September 1978 das erste Chagall-Fenster in St. Stephan im Beisein von Chagalls Frau Vava eingeweiht wird. Insgesamt sind es dann neun, 13 weitere des Chagall-Schülers Charles Marq kommen hinzu. Mittlerweile haben mehr als 400000 Besucher Mayers Meditationen vor den Fenstern gelauscht, und er macht weiter, auch im Ruhestand. Seinen Nachfolgern in St. Stephan dankte er deshalb am Freitag mit einem Lächeln - "dafür dass ich weiter mitspielen darf". Und Annemarie Seelig, seit 41 Jahren seine "Hausdame", "dafür dass sie mich schon so lange erträgt".


© Jüdische Gemeinde Mainz