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Am 27. Januar 1945 – Vor 60 Jahren wurde Auschwitz befreit

Lesen Sie hier eine Auswahl an Medienbeiträgen zum Jahrestag 2005.

Befreiung

Er stand alleine und blickte auf: Eine kalte, weite Landschaft lag um ihn herum –

Leer.

Das Tor steht offen. Niemand kommt hindurch. Es gibt hier niemanden.

Leer.

Planet Auschwitz – Der Feuerball, in den er eingetaucht wurde – er liegt jetzt verloschen, kalt, und er steht darauf – allein. Nur er alleine – ein Überrest.

Der Boden erstreckt sich vor ihm, als wäre er mit erkalteter Lava bedeckt – tot. Es gibt hier keine lebende, atmende Seele mehr. Gott hat dieses Land verflucht; sogar der Teufel hat sich davongemacht.

Weit und breit reihen sich die Blöcke aneinander – tote steinerne Terrassen. Inmitten der Blöcke, unter den Haufen der Skelette, die sich über dem Boden türmen, bewegt sich hin und wieder ein vergessenes Opfer; langsam, taub und sprachlos, es bewegt seinen Oberkörper, rutscht zwischen den Leichen umher – ein lebendiger Überrest einer Welt, die hier in vergangenen Tagen existiert hat.

Eine ruhelose Welt!

Jetzt bedeckt eine leblose Leere diesen Ort, so als ob das Meer mitten in seinem Wüten gefroren wäre.

Alle Tore, alle Lager in Auschwitz stehen weit geöffnet. Niemand tritt durch sie hinein; niemand tritt durch sie hinaus. Es gibt hier niemanden mehr. Die weiße Landschaft liegt verängstigt in den offenen Durchgangstoren.

Er wünschte, er könnte es hinausschreien: Befreiung! Wir sind befreit worden...

Wo ist die Befreiung?

Wie die Reste einer Arche eines ausgegrabenen Tores, wo man nicht weiß, welche ihrer beiden Seiten als Eingang und als Ausgang diente –

genauso ist es auch hier, man weiß nicht, auf welcher Seite des offenen Tores die Befreiung liegt. Hier bist du, stehst hier, am Fuße des Berges aus Asche, als ob du zum Ursprung deiner Liebsten und Nächsten zurückgekehrt wärst. Hinter dir liegt Auschwitz – tot, verängstigt, verlassen.

Versuche erst gar nicht, hier jemanden zu finden, weil du hier niemanden finden wirst. Ganz sicher nicht. Sie alle, sie sind alle hier! Hier, auf dem Berg von Asche! Hier hast du sie gefunden. Tag und Nacht ging deine Seele hinaus zu ihnen; sie waren deine einzige Hoffnung. Sie wurden dir entrissen – und hier, wieder einmal, stehst du an ihrer Seite. Du stehst ihnen in Augenhöhe gegenüber – hier sind sie alle, jeder einzelne von ihnen. Du hast sie gefunden, weil du befreit wurdest.

Wo ist diese Befreiung? – Auf welcher Seite des offenen Tores?

Das Krematorium ist zerstört. Beängstigend. Die eisernen Tore des Ofens stehen weit offen und sie sind kalt. Die lange Schaufel lehnt verträumt an der Ecke des schwarzen Loches des Krematoriums. Vor nicht langer Zeit wütete alles hier in der kochenden Brühe von Auschwitz. Wie ein Ozean, der sich zu gigantischen sturmumtobten Höhen auftürmt, so brachen über dich Tag und Nacht turmhohe Wellen der Angst herein. Jetzt liegt alles still. Die lange eiserne Ofen-Schaufel, die wie die eines Bäckers verwendet wurde, lehnt idyllisch an der Ecke des Ofens. Die Tore des Ofens und des Krematoriums – sie sind nichts weiter als stilles, erkaltetes Eisen.

Die Böen des Windes verfangen sich in den Reihen des Stacheldrahtes. Die gleichen Reihen von Draht, die elektrisch geladen waren. Jetzt berührst du sie mit deinen Händen – auf beiden Seiten. Sie halten nicht länger jemanden gefangen oder befreien jemanden. Es gibt weder ein Innen noch ein Außen. Sie sind jetzt alle hier – inmitten des Berges aus Asche.

- Meine Geliebten! Wir sind befreit worden! - -

Er warf sich auf sie. Er umarmte sie. Er drückte sie an sein Herz. Er lag ausgestreckt auf dem Berg und seine Arme versanken tief in der Asche.

Meine Geliebten! Wir sind befreit worden! -

Hinter ihm lag Auschwitz – so still wie ein Stein. Er schrie. Er hörte eine Stimme und schreckte davor zurück, sich umzudrehen: Es war seine eigene Stimme, die ihr Echo aus weit abgelegenen Lagern zurück warf.

Er erhob sich von der Asche; seine Augen blickten umher: Er war die einzige einsame Person an diesem Ort, der seine Stimme so erheben konnte, dass sie ein Echo warf. Er wusste: Der Planet Auschwitz war innerhalb seiner Augen erfroren, bevor er sich in Stein verwandelt hatte. Und er war der einzige an diesem gesamten Ort, dem es gestattet war, jene Augen mit sich hinaus zu nehmen.

Die Tore des Lagers standen offen.

Er verließ diesen Ort.

--- und mit ihm gingen die stillen Blöcke von Auschwitz und die Haufen der Skelette, die sie enthielten, gemeinsam mit den herunter gekommenen Appellplätzen und den diese umgebenden mit Stacheldraht bewehrten Mauern -

Und der Berg aus Asche geht vor ihm und zeigt ihm seinen Weg.

Er ging - -

Und mit ihm ging das Umland von Auschwitz und das Echo seines Schwures schallte von allen Seiten zurück:

- Auf Deiner Asche, die ich mit meinen Armen umschließe, schwöre ich, Deine Stimme zu sein – Deine wie auch die des stillen untergegangenen Lagers. Ich werde nicht ruhen, Deine Geschichte zu erzählen, bis der letzte Atem meinen Körper verlassen hat, so helfe mir Gott. Amen.

Er verließ diesen Ort-

Alleine.

Aus : "Kochav ha-efer" ("Stern der Asche"), Tarmil, Verteidigungsministerium, 1966 (in Hebräisch), Seiten 102-106

Der Schriftsteller Yehiel Dinur (1917-2001), der unter dem Pseudonym K. Zetnik ("Konzentrationslager-Insasse") schrieb, und ein Überlebender von Auschwitz, war einer der ersten israelischen Autoren, der über den Holocaust schrieb. Er glaubte daran, dass seine Aufgabe nach dem Krieg darin bestand, zukünftigen Generationen über die Schrecken zu berichten, die er miterlebte und eine Stimme für die Millionen von Opfern zu sein.

Er wanderte nach Israel aus und sagte als Zeuge beim Eichmann-Prozess im Jahre 1961 aus. Eine ganze Generation von Israelis erfuhr praktisch aus seinen Büchern vom Holocaust: "Salamandra" (1946); "Haus der Puppen" (1953); "Die Uhr: Geschichten aus der Zeit des Holocaust" (1960); "Piepel" (1961); "Stern der Asche" (1966); sowie "Phoenix über dem Gallil" (1966).

Ein Tag des Zuhörens - und der Gesten

Bundespräsident Köhler schweigt in Auschwitz / Überlebende stellen sich der Vergangenheit


Eine Gruppe orthodoxer Juden auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.
Foto: dpa

28.01.2005 - AUSCHWITZ Es ist das erste Mal, dass Horst Köhler nach Auschwitz kommt. Wenige Tage vor seiner wichtigen Israelreise nimmt der Bundespräsident an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung durch die Rote Armee teil.

Korrespondentenbericht von Norbert Klaschka und Eva Krafczyk

Ein deutscher Gast ist dabei immer in einer besonderen Rolle, kommt er doch aus dem Land der Täter. Diesem Besuch misst die Mannschaft um Köhler eine ganz besondere Bedeutung bei - es dürfte wohl das letzte Mal sein, dass ein deutsches Staatsoberhaupt noch mit einer so großen Zahl von Überlebenden zusammentrifft. Bei den Feierlichkeiten ist Köhler ein Gast unter vielen. Ans Rednerpult tritt er nicht. "Das ist ein Tag, an dem der Bundespräsident schweigt. Es geht um das Unsagbare. Das ist ein Tag des Zuhörens", heißt es in seiner Umgebung. Wesentlich sei seine Anwesenheit. "Diese Geste ist sehr viel wichtiger."

Im Krematorium des Stammlagers steht Köhler stumm und ergriffen im Gedenken an die Ermordeten. Als der Rundgang schon beendet ist und das Protokoll zur Eile drängt, gibt er einer Bitte der Überlebenden nach. Sie führen ihn in den Block 5. Dort finden sich die Habseligkeiten, die die SS-Schergen ihren Opfern abgenommen haben - von den Buchhaltern des Grauens sorgfältig sortiert: Brillen, Bürsten, Geschirr, Prothesen und Koffer, auf denen noch die Namen der Opfer stehen.

In Auschwitz geht es Köhler um die Gesten. An seiner Seite sind Überlebende, unter ihnen Noach Flug, der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Zu den Gesten, die nicht direkt mit dem Jahrestag zu tun, aber dennoch eine hohe symbolische Bedeutung haben, gehört, dass inzwischen die Entschädigungszahlungen an die polnischen Zwangs- und Sklavenarbeiter nahezu abgeschlossen sind.

Auch 60 Jahre nachdem sowjetische Soldaten die Lagertore von Auschwitz-Birkenau öffneten und 7000 noch lebende Häftlinge befreiten, wussten bei der Gedenkfeier die Politiker aus 46 Staaten, die rund tausend Überlebenden und knapp 10000 Besucher keine Antwort auf die Frage, wie es in Europa zum fabrikmäßigen Massenmord an sechs Millionen Juden kommen konnte. "Wir werden immer wieder die gleiche Frage stellen - wie konnte das geschehen?", sagte der russische Präsident Wladimir Putin.

Der Pfeifton eines ankommenden Zuges hatte zu Beginn der Gedenkfeier daran erinnert, dass die Rampe in Birkenau für weit mehr als eine Million Menschen die letzte Station ihres Lebens war. Kerzen brannten entlang der Rampe, an der die SS über Leben und Tod der Neuankömmlinge entschied, die aus ganz Europa in Viehwaggons in das besetzte Polen deportiert wurden.

Ehemalige Häftlinge mit Halstüchern in den blau-weißen Lagerstreifen und politische Ehrengäste froren bei Minusgraden und im Schneegestöber an dem Ort, den der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski als größten Friedhof Europas beschrieb, einen Friedhof ohne Gräber, der die Asche von Menschen aus 25 Staaten enthält. Die klagenden Töne des "El Maale Rachamim", des Totengebetes für die Opfer des Holocaust, hallten über die weite Fläche von Birkenau.

Die Mahnung "Nie wieder Auschwitz" ist auch 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft aktuell, doch gerade die Zeitzeugen zeigten sich desillusioniert. "Unser aller Wunsch, dass dies niemals wieder geschehen soll, hat sich nicht erfüllt", sagte Simone Veil, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die als 17-Jährige Auschwitz überlebte. Auch nach Auschwitz sei Völkermord möglich gewesen.

"Antisemitismus ist das Barometer"


Im Sitzen, aber mit gewaltiger Stimme redete Professor Leo Trepp gestern den Deutschen ins Gewissen, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten.
Foto: hbz/Michael Bahr

Der in Mainz geborene Rabbiner Leo Trepp ruft im Landtag zu Widerstand gegen Rechts auf

28.01.2005 - Von Steffen Weyer

MAINZ Nein, der 27. Januar ist für Leo Trepp kein Tag der Befreiung. Nicht, dass die Rote Armee vor 60 Jahren "die traurigen Überbleibsel von Auschwitz" vor der Vernichtungsmaschinerie gerettet hat, sei das Wesentliche dieses Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus. "Es ist ein Tag, an dem Deutschland sagte: Wir nehmen die Verantwortung auf uns", sagte der Rabbiner und Honorarprofessor der Uni Mainz gestern in der Gedenkstunde im rheinland-pfälzischen Landtag.

Trepps Gang ist unsicher, doch seine Worte sind gewaltig. Der heute 91-Jährige, der in Mainz geboren wurde und 1938 nach der Reichspogromnacht vor den Nazis in die USA floh, rief die Deutschen auf, zu Vorkämpfern gegen den "Virus" Antisemitismus zu werden: "Es ist ein Virus, der zuerst die Opfer verschlingt und dann die Träger" - eine menschenfeindliche Ideologie, die womöglich noch lebe. "Es ist eine Gefahr, wenn in Sachsen die Rechten fast so viele Stimmen bekommen wie die Sozialdemokratische Partei", schrieb Trepp angesichts des NPD-Wahlerfolgs Politikern wie Wählern ins Stammbuch. Auch dürfe das Wahlergebnis nicht mit sozialen Missständen erklärt werden. "Der Antisemitismus ist nur das Barometer, wieweit eine Gesellschaft ihre moralische Verpflichtung verloren hat." Er führe zur Zerstörung der Kultur.

Trepp weiß, von was er spricht. Seine Mutter und Verwandte kamen in Auschwitz um, er selbst saß im KZ Sachsenhausen ein. "Man charakterisierte die Juden als eine absolut verdorbene Rasse, die gegen das deutsche Volk, seine Einheit und Sicherheit kämpfe", schilderte Trepp den Hass. Gegen die Vorwürfe hätten sie sich nicht wehren können: "Man konnte ihnen immer entgegenhalten: `Dies sagt Ihr, aber was Ihr wirklich denkt und plant, sagt Ihr eben nicht.`"

Leo Trepp forderte die Lehrer auf, Unterricht zur Schoa "so zu halten, dass die Schüler sich nicht gelangweilt abwenden, sondern merken: `Das hat mit mir zu tun.`" Die Abgeordneten applaudierten minutenlang im Stehen. Ministerpräsident Beck (SPD) erklärte, jeder Schüler müsse eine Gedenkstätte für NS-Gewaltopfer besuchen. Landtagspräsident Grimm (SPD) sagte, ein Verbot der NPD werde den Rechtsextremismus nicht beseitigen. Es brauche Zivilcourage.

Die Erinnerung lässt Jerzy Kowalewski nicht mehr los


Ein Blick auf schneebedeckte Gleise, die zu den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz führten.
Mehr als 20 Prozent der Opfer des Holocaust wurden in dem zwischen den polnischen Städten Krakau und Kattowitz gelegenen Lager ermordet.
Am 27. Januar 1945 wurde das Lager von sowjetischen Truppen befreit.
Trotz der schlimmen Erinnerungen, die ehemalige Insassen an diesen Ort haben, kehren einige immer wieder zurück und erzählen jungen Menschen von ihren Erlebnissen.
Damit wollen sie verhindern, dass Auschwitz in Vergessenheit gerät.
Fotos: dpa

Ehemaliger Auschwitz-Häftling: "Wenn ich das hier sehe, beginnt der Albtraum von Neuem" / Das Todeslager als Mahnmal

Vom 28.01.2005 - AUSCHWITZ Das Gesicht von Jerzy Kowalewski ist von Falten und Linien durchzogen. Der 79-jährige Rentner aus Warschau kann verschmitzt lachen, aber nun blicken seine blaugrauen Augen ernst, fast abwesend auf die dunkelroten Backsteinbauten jenseits des Stacheldrahtes. "Jedes Mal, wenn ich das hier sehe, beginnt der Albtraum von Neuem", sagt Kowalewski und starrt auf das schmiedeeiserne geschwungene Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". Das Tor von Auschwitz.

Korrespondentenbericht von Eva Krafczyk

Das Tor, das zynische Motto, die Baracken kennen die Jugendlichen, die mit ihrem Lehrer in einer kleinen Gruppe zusammenstehen und mit gemischten Gefühlen auf den Rundgang durch das einstige Todeslager warten, aus ihren Geschichtsbüchern. Doch für Kowalewski ist hier ein Stück des eigenen Lebens begraben, und nicht nur die in den Unterarm tätowierte Häftlingsnummer erinnert ihn daran. "Wenn ich hierher zurückkehre, dann habe ich den Geruch brennender Leichen in der Nase", sagt er leise, atmet tief durch, und wendet sich dann an die 15- bis 16-jährigen, die mit dem Zeitzeugen das Lager besichtigen.

Dem rüstigen Rentner ist nicht mehr anzusehen, dass er nach der Befreiung von Auschwitz zwei Jahre lang in Krankenhäusern behandelt werden musste, bis sein geschwächter Körper wieder zu Kräften kam. Bis auf die Tätowierung sind keine körperlichen Spuren sichtbar, die seelischen Narben aber werden deutlich, wenn er über Hunger und Erniedrigung spricht, über die Menschenverachtung und Brutalität der Wachen, den Kampf ums Überleben, um ein Stück Brot, die medizinischen Experimente, die an ihm durchgeführt wurden, damals, in Block 20 von Auschwitz. "Ich habe nie geahnt, wie viel der Mensch aushalten kann", sagt er mit rauer Stimme. "Wenn ich daran denke, meine ich manchmal, dass die gut dran waren, die gleich ins Gas kamen - wenigstens mussten sie nicht mehr so viel Fürchterliches erleiden."

"Von allen Häftlingen aus meinem Block bin ich der einzige, der überlebt hat", erzählt Kowalewski. Gegen Ende des Krieges versuchten die Deutschen, die Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten und die Zeugen zu beseitigen. Ihre menschlichen Versuchsobjekte wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Dass Kowalewski überlebte, verdankt er einigen jüdischen Häftlingen, die ihn in ihre Baracke schmuggelten. Seine Retter wurden ermordet, Teil der grauenvollen Statistik von rund 1,3 Millionen Opfern im größten der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Opfer des Holocaust wurde allein in Auschwitz-Birkenau umgebracht.

Ein Blick in Jerzy Kowalewskis Augen zeigt, dass er nun wieder in der Vergangenheit angelangt ist, der Hölle, die die Nationalsozialisten ihren Opfern vor 60 Jahren bereiteten. Jede Rückkehr, jede Konfrontation mit seinen Albträumen schmerzt. "Aber ich muss es doch tun. Das bin ich meinen ermordeten Freunden schuldig."

Auch Dawid Efrati aus Israel kommt immer wieder nach Auschwitz zurück, etwa um junge Juden auf dem "Marsch der Lebenden" zu begleiten. "Damals im Lager haben wir das einander versprochen", sagt der 77-jährige. "Wer überlebt, muss die Erinnerung wach halten an das, was hier passiert ist."

Efrati überlebte das Warschauer Getto - damals dachte er, es könne nicht mehr schlimmer kommen als in dem "jüdischen Wohnbezirk", hinter dessen Mauern Menschen auf der Straße verhungerten, Krankheiten in den völlig überfüllten Wohnungen sich in Windeseile verbreiteten, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch diejenigen, die den Transport in den Viehwaggons überlebten und an der berüchtigten Rampe von Birkenau aus den Zügen geprügelt wurden, mussten lernen, dass es noch eine Steigerung des Schrecklichen gab.

Aus den Berichten von Häftlingen ist überliefert, wie SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch, der Lagerkommandant von Auschwitz, Neuankömmlinge begrüßte: "Seht Ihr den Kamin da drüben! Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein." In der Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen Todeslagers konfrontiert dieses Zitat von einer Wand noch heute die Besucher.

Auschwitz, das Stammlager, wirkt auf den ersten Blick noch immer wie ein Kasernengelände, wären da nicht die hölzernen Wachtürme, die Schilder am Stacheldrahtverhau mit der Aufschrift "Halt - Stoj", dem Verweis auf elektrischen Draht und Wachposten, die nach Überqueren einer unsichtbaren Linie im kurz geschorenen Gras zu schießen drohen. Die Wege zwischen den Baracken aus kaiserlich-österreichischer Zeit im alten Galizien sind noch immer militärisch-schnurgerade. Selbst der Kieselbelag scheint einer präzise festgelegten Form zu gehorchen und die Pappeln wachsen schnurgerade entlang der Lagerallee, wie in Habachtstellung.

Dass sie eigentlich Schlimmeres erwartet hätten, ist auch den Jugendlichen der Schulklasse anzusehen, die vor dem Lagertor für Fotos posieren. "Haben wir doch alles in der Schule gelernt", meint der 17-jährige Markus aus Wolfsburg. "Natürlich darf man das nicht vergessen, aber es ist schon so lange her - selbst unsere Großeltern haben damit nichts mehr zu tun", überlegt die 16 Jahre alte Anja. "Warum sollen wir uns also schuldig fühlen?"

Es ist ein bisschen Trotz und viel Hilflosigkeit gerade bei den jungen Deutschen zu hören, die bei Klassenfahrten nach Polen in Auschwitz Halt machen. Sie wollen sich nicht Betroffenheit verordnen lassen, und sie wollen "einfach normal" leben, ohne für die Vergangenheit verantwortlich gemacht zu werden.

Doch Auschwitz ist ein Ort, an dem die Vergangenheit alle einholt und konfrontiert. Die bekannten Fakten und Zahlen werden zu den Schicksalen einzelner Menschen, die aus ganz Europa hierher deportiert wurden. Ein vereintes Europa des Todes wird deutlich in den Baracken, in denen gesammelt wurde, was von den Menschen übrig blieb, die vor mehr als 60 Jahren ermordet wurden, deren Asche in einem idyllisch wirkenden Teich auf dem Lagergelände von Birkenau, knapp drei Kilometer von Auschwitz entfernt, versenkt wurde.

Da sind die Koffer, mit Kreide markiert. Namen und Adressen, manche schon ganz verwischt, andere offensichtlich sorgfältig gekennzeichnet, damit sie bestimmt nicht verloren gehen. Doch verloren waren nur die Besitzer, aus Berlin und Dresden, aus Prag und Paris, Amsterdam und Rom, aus den polnischen Stetln, in denen Juden seit 700 Jahren eine sichere Zuflucht vor Verfolgung gefunden zu haben glaubten.

So systematisch wie die Nationalsozialisten den Massenmord organisierten, so systematisch gingen sie auch mit der Habe ihrer Opfer um, den bescheidenen Besitztümern, die im jahrelangen Leidensweg durch Gettos und Deportationen gerettet wurden und ein Stück Hoffnung waren, dass die Fahrt im Viehtransporter doch in einem Arbeitslager enden und das Überleben retten würden. In den Ausstellungsräumen von Auschwitz sind sie übrig geblieben - die Schuhe, die Brillen, die Haare, die angeblich aus Gründen der Hygiene geschoren wurden. Ob üppige Locken oder ein dünner Zopf - sie haben die 60 Jahre seit dem Holocaust überdauert, stumme und eindringliche Zeugen, die noch zur Erinnerung mahnen werden, wenn auch die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben.

Kowalewski redet nicht viel in den Ausstellungsräumen, und er will auch keine Schuldgefühle wecken. "Warum sollte ich die jungen Deutschen hassen? Nicht sie haben das getan." Die Jugendlichen können sich vor den Eindrucken ohnehin nicht verschließen. Immer leiser wird die Gruppe, während sie im so genannten Todestrakt in die winzigen Zellen der Todeskandidaten blickt, deren Fenster vernagelt wurden - kein Sonnenstrahl sollte ein Stückchen Hoffnung geben vor der Hinrichtung an der "Schwarzen Wand" zwischen zwei Barackenblöcken. Wie fast immer brennen vor der Wand Kerzen, haben Besucher Blumen niedergelegt.

Wenn in Auschwitz die Ausstellungen in den Baracken einen Eindruck vom Ausmaß des Massenmords geben, so ist es in Birkenau das schiere Ausmaß des Lagergeländes. Nur die Baracken des so genannten Frauenlagers stehen noch, die Ruinen der Krematorien, das Lagertor, der Schienenstrang zur Rampe, an der die Häftlingstransporte endeten. Hier war die SS Herr über Leben und Tod. Wer jung, gesund und kräftig wirkte, wurde zur Zwangsarbeit bestimmt, hatte eine Chance zum Überleben - manchmal nur Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate.

Szymon Eilbert ist mit jüdischen Jugendlichen aus Mexiko zurück nach Polen gereist. "Ich habe in einer Nacht 29 Verwandte verloren, meine gesamte unmittelbare Familie", sagt er und blickt auf die Bahngleise. Er überlebte den Holocaust im Lager Mauthausen. Nur einmal kehrte er ins heimische Ciechanow in Zentralpolen zurück. "Ich fühlte, es war meine Pflicht... ich war der Einzige, der übrig geblieben ist. Ich habe in Ciechanow den Kaddisch (das jüdische Totengebet) für meine Familie gesprochen. Aber ich hatte doch niemanden mehr, warum sollte ich in Polen bleiben?"

Der 80-jährige mit dem gebräunten Teint und dem gepflegten weißen Schnauzbart hat zu viele schlimme Erinnerungen in Europa, aber auch er will nicht zulassen, dass Auschwitz vergessen wird. "Nur noch ein paar Jahre, dann gibt es uns Überlebende nicht mehr. Deshalb müssen wir den jungen Menschen davon erzählen, egal, wie hart es für uns ist."

Wladyslaw Bartoszewski, der ehemalige polnische Außenminister und ehemalige Auschwitz-Häftling, hat einmal gesagt, ganz frei von Auschwitz könne er nie wieder werden. Auch für Eilbert wird jede Reise zurück nach Auschwitz eine Reise in eine fast zu übermächtige Vergangenheit. Trotzdem versucht er behutsam ein junges Mädchen zu trösten, das mit verweinten Augen an der Metalltür eines der Öfen der Krematorien von Birkenau lehnt. An der Silberkette um ihren Hals hängt ein Davidstern. "Meine Familie ist in den dreißiger Jahren von Polen nach Mexiko ausgewandert", sagt sie leise. "Sonst wären sie vielleicht auch hier getötet worden."

Ein Junge hat sich den Gebetsschal um die Schultern gelegt und steht an der Rampe, betet. Andere stehen fassungslos am Stacheldrahtzaun, blicken auf das weite, flache Land, die Bauernhöfe in der Entfernung. Die Landschaft rund um Birkenau ist so friedlich, ein so frappierender Kontrast zu der Tragödie jenseits des Lagerzauns. Doch die Toten von Auschwitz, deren genaue Zahl wohl niemals feststehen wird, finden hier nicht ihre letzte Ruhe. Die Asche der Ermordeten, auf dem Gelände verscharrt, dringt auch nach Jahrzehnten an die Oberfläche, kleine graue Partikel im Gras und in der dunkleren Erde.

Polen, das Land mit der größten jüdischen Diaspora Europas, wurde von den deutschen Besatzern in den größten jüdischen Friedhof der Welt verwandelt. "Als meine Großmutter 75 wurde, war das eine große Familienfeier mit 120 Verwandten," sagt Eilbert. "All die Onkel und Tanten, Geschwister, Cousins, Cousinen..... An meinem 75. Geburtstag waren nur noch meine Frau und ich übrig."

Erklärung der deutschen Bischöfe
aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz
am 27. Januar 2005

I.

Am 27. Januar 1945 wurden die Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. 60 Jahre danach erinnern wir uns an die Geschehnisse, die sich mit dem Namen Auschwitz verbinden. In diesem Gedenken finden sich unzählige Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen. Dies zeigt, wie sehr das Grauen von Auschwitz auch in unserer Zeit noch präsent ist, wie tief die Verletzungen sind, die es im Verhältnis der Völker und der Menschen hervorgerufen hat, mehr noch: wie sehr Auschwitz das Bild des Menschen von sich selbst zutiefst erschüttert hat. Die Erinnerung der Deutschen an die Verbrechen in den Vernichtungslagern wird und muss sich immer von der Erinnerung anderer Völker und Gruppen, zumal der der Opfer, unterscheiden. Und doch ist es ein Hoffnungszeichen für Gegenwart und Zukunft, wenn es heute immer öfter – und nicht zuletzt am Ort der Untaten selbst – möglich ist, dass sich Polen und Deutsche, Juden und Christen im gemeinsamen Gedenken begegnen.

Wie kein anderer Ort steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums. Auch Hunderttausende Sinti und Roma wurden Opfer des massenhaften Mordens im Zeichen des nationalsozialistischen Rassenwahns. Auschwitz – das bedeutet auch die Vernichtung menschlichen Lebens durch pseudowissenschaftliche medizinische Versuche und die mörderische Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener. Viele Tausend Soldaten der Roten Armee wurden gezwungen, als Zwangsarbeiter das Lager Auschwitz-Birkenau zu errichten, und dabei systematisch zu Tode gebracht. Allen diesen Opfern, auch den christlichen Glaubenszeugen, gilt unser Gedenken.

Nicht zuletzt nimmt Auschwitz in der polnischen Leidensgeschichte einen herausragenden Platz ein. Im besetzten Polen wurden das gesamte polnische Judentum und ein großer Teil der polnischen Intelligenz ermordet. Gerade angesichts jüngst wieder aufgebrochener Kontroversen zwischen Deutschen und Polen über noch unbewältigte Kriegsfolgen muss daran nachdrücklich erinnert werden.

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz schließen wir in unser Gedenken die ungezählten alliierten Soldaten ein, die für die Befreiung Europas vom verbrecherischen System des Nationalsozialismus ihr Leben gelassen haben. Wir erinnern heute besonders an die getöteten Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte. Es war die Rote Armee, die die noch lebenden Opfer der Lager in Auschwitz befreite. Wir verkennen nicht die furchtbaren Folgen, die die Eroberung weiter Teile Deutschlands durch die Rote Armee für die dortige Bevölkerung mit sich brachte. Von ihrer Führung ermutigt, für die ungeheueren Verbrechen der Deutschen an der russischen Bevölkerung Rache zu nehmen, standen sowjetische Soldaten nicht nur im gerechten Kampf gegen Hitler, sondern auch im Dienst der Verbrechen Stalins. Das erlittene Leid, das als Rache für die deutschen Verbrechen auf die deutsche Bevölkerung zurückschlug, darf uns jedoch nicht dafür blind machen, dass ohne den ungeheuren Blutzoll, den vor allem die russischen, weißrussischen und ukrainischen Soldaten entrichtet haben, das Morden in Auschwitz nicht beendet worden wäre.

II.

Eingerichtet im April 1940 als Konzentrationslager für zumeist polnische Häftlinge, war Auschwitz – um über 40 Nebenlager erweitert und nach und nach mit Gaskammern ausgestattet – zwischen 1942 und Ende 1944 das größte Zentrum für die systematische, industriell betriebene Massenvernichtung menschlichen Lebens. Die Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager im besetzten Polen dienten als Instrument für die von der deutschen Staatsführung so genannte "Endlösung der Judenfrage". Wenngleich hier auch viele Tausend nichtjüdische Opfer umgebracht wurden, steht der deutsche Name für das polnische Städtchen Oswiecim deshalb wie kein anderer für den größten Genozid in der Geschichte der Menschheit: die Vernichtung von rund sechs Millionen Juden.

In Auschwitz ist unsere Zivilisation in furchtbarer Weise mit dem Abgrund ihrer eigenen Möglichkeiten konfrontiert worden. Der Schrecken über das Ausmaß des Bösen, das in Auschwitz begangen wurde, hält uns bis heute gefangen. Noch immer haben wir für dieses Verbrechen, das die hebräische Sprache als "Schoa" bezeichnet, kein angemessenes deutsches Wort gefunden. Dem bekannten Ausspruch, nach Auschwitz könne es keine Dichtung mehr geben, liegt die Erfahrung dieser Unfähigkeit zugrunde, mit den Mitteln der Sprache das Geschehen von Auschwitz und dessen andauernde Folgen für das Selbstverständnis des Menschen, für Zivilisation und Gesellschaft angemessen zu fassen. Gerade die Opfer selbst aber haben sich immer wieder auf die Suche nach einer Sprache begeben, die diesem Menschheitsverbrechen Ausdruck verleihen könnte. Manche von denen, die nur knapp der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen sind – wie der Wiener Psychologe Viktor E. Frankel und die Schriftsteller Elie Wiesel, Primo Levi, Paul Celan, Imre Kertesz, Louis Begley und Cordelia Edvardson – haben durch ihre Werke den Nachgeborenen den Blick in die Abgründe menschlicher Existenz und zugleich Möglichkeiten der Auseinandersetzung eröffnet. Einige von ihnen sind daran persönlich zerbrochen. Das Zeugnis der Opfer kann uns helfen, den Schock zu ertragen, dass wir auch bei den Tätern in das Antlitz von Menschen blicken.

III.

Unser Volk hat lange gebraucht, um sich der Verantwortung für das monströse Verbrechen zu stellen, das von Deutschen und im deutschen Namen begangen wurde. Bis heute sind Mechanismen der Verdrängung wirksam. Zweifellos ist es richtig, die Vorstellung einer Kollektivschuld abzulehnen. Wahr ist aber auch, dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren. Schuld tragen nicht allein die Täter vor Ort und die politische Führung. In verschiedenem Grad haben auch die Mitläufer und alle diejenigen, die weggesehen haben, Mitschuld auf sich geladen. Dabei wissen wir sehr wohl, welchem Druck die Bevölkerung damals ausgesetzt war, wir kennen das Ausmaß staatlicher Desinformation und die Wirksamkeit der Methoden von Einschüchterung und Verängstigung. Überheblichkeit im Urteil ist uns deshalb nicht gestattet. Dennoch bleibt unserem Volk das Eingeständnis zugemutet, dass Auschwitz auch deshalb möglich wurde, weil zu wenige den Mut zum Widerstand hatten.

Die Frage von Mitverantwortung stellt sich auch unserer Kirche. Wir sind gehalten, uns über eine lange Tradition des Antijudaismus unter den Christen und in unserer Kirche Rechenschaft abzulegen. So hat das vatikanische Dokument Wir erinnern im März 1998 die Frage aufgeworfen, "ob die Verfolgung der Juden nicht doch auch von antijüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen lebendig waren". Das Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche, vor aller Welt am 12. März 2000 von Papst Johannes Paul II. ausgesprochen, enthält auch das "Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel": "Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Verheißungen begangen haben". Während seiner anschließenden Pilgerreise nach Israel hat der Papst in der Gedenkstätte Yad Vashem dieses Bekenntnis vertieft und es symbolkräftig an der Klagemauer hinterlegt.

Dieser Akt von Papst Johannes Paul II. ist zu einer Quelle der Erneuerung geworden. Entschlossen schreitet der Papst im Bemühen um eine Verbesserung des Verhältnisses zum Judentum voran und ermutigt die ganze Kirche, gemeinsame Wege mit unseren "älteren Brüdern im Glauben" zu finden. So danken wir allen, die sich, oft mit großem Einsatz, für den Dialog zwischen Judentum und Christentum engagieren.

IV.

Die Ernsthaftigkeit unseres Gedenkens an Auschwitz erweist sich nicht zuletzt an unserem Interesse an den Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. Bis an ihr Lebensende bleiben sie von der Erfahrung der Vernichtungslager geprägt. Fast durchweg in hohem Alter, haben sie ein Recht darauf, in ihren letzten Lebensjahren menschliche Begleitung zu finden, die den Schmerz nicht betäubt, aber human zu ertragen hilft.

Die Erinnerung an Auschwitz lässt uns auch fragen, wie nachhaltig Deutschland und Europa aus dieser alle Maße übersteigenden Katastrophe gelernt haben. Immer wieder flackert der Antisemitismus auf. Auch in unserem Land scheint er zu erstarken, jedenfalls wird er wieder sichtbarer. So liegt weiterhin ein langer Weg der Läuterung und der Auseinandersetzung vor uns. Wir sind dankbar, dass in den letzten Jahren viele Juden den Mut aufgebracht haben, nach Deutschland zu kommen. Als Christen leitet uns dabei auch die Hoffnung, dass die Begegnung im Glauben uns allesamt – Christen wie Juden – bereichert und uns dem gemeinsam verehrten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs näher bringt.

Mainz, den 24. Januar 2005

Auschwitz - das System des Todes

Vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager befreit - bei den Überlebenden sind die Wunden nie geheilt / Erinnerungen an Birkenau

24.01.2005 - Korrespondentenbericht von Eva Krafczyk und Caroline Bock

AUSCHWITZ/BERLIN Wie kein anderes Wort steht Auschwitz als Symbol für den nationalsozialistischen Massenmord. Denn das Lager Auschwitz, das am 27. Januar vor 60 Jahren von sowjetischen Truppen befreit wurde, war mehr als nur ein Ort des Mordes vor allem an den europäischen Juden. Es war ein perfekt aufgebautes System des Todes.

Sie hat es nicht vergessen, ihr Leben lang nicht. "Die Ankunft in Birkenau war wie ein schrecklicher Traum", erzählt Maria König (83). Sie und ihr 82 Jahre alter Mann Adam gehören zu den rund 1000 Menschen in Deutschland, die noch von den Schrecken von Auschwitz-Birkenau berichten können. Statt zu emigrieren, haben sie sich dafür entschieden, nach dem Krieg im Land der Täter zu bleiben. Dort ist die Erinnerung an die Symbolstätte des Holocausts, wo mindestens eine Million Menschen ermordet wurden, noch immer wach.

Zum 60. Jahrestag der Befreiung durch sowjetische Truppen fliegt Bundespräsident Horst Köhler nach Polen. Das jüdische Ehepaar König wird wahrscheinlich dabei sein. Eine solche Geste war nicht immer selbstverständlich: Erst seit 1996 ist der 27. Januar ein Gedenktag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte sich dafür eingesetzt. Die Erinnerung an die Judenvernichtung und die sechs Millionen Toten war in Deutschland über Jahrzehnte Stoff von Kontroversen. Beispielhaft ist die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman am Brandenburger Tor in Berlin, das im Mai fertig sein soll.

Von einem "Schlussstrich" bei der Aufarbeitung, wie ihn rechte Stimmen fordern, ist - zumindest öffentlich - nichts zu spüren. Jeder Schüler in Deutschland lernt, wie der Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager abgelaufen ist. Dabei legen viele Pädagogen Wert darauf, den anonymen, unvorstellbaren Zahlen ein Gesicht zu geben. Dazu sprechen Überlebende wie die Königs aus Berlin mit Jugendlichen. Maria König ist manchmal überrascht, wie "feinfühlig und differenziert" die Schüler sie dabei fragen.

Die gebürtige Polin, die 1944 nach Birkenau kam, verspürt keinen Hass auf die Deutschen. Sie habe sich immer nur gefragt: "Warum tun sie das?" Auch Adam König, der sechs Jahre KZ und einen der berüchtigten "Todesmärsche" überstand, ist gegen eine pauschale Verurteilung. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende kehrte das Ehepaar zu einem Besuch nach Auschwitz zurück. "Das hat schon Wunden aufgerissen", sagt Adam König. An seinem politischen Engagement hat es nichts geändert.

Nur noch 20000 Zeugen Organisiert sind viele Überlebende seit 1952 im Internationalen Auschwitz Komitee. Zunächst ging es um die Suche nach Vermissten, um Entschädigungsfragen und darum, das Lager als Erinnerungsort zu erhalten. Heute widmet sich das Komitee mit seinen 1000 großteils ehrenamtlichen Mitarbeitern Jugendprojekten und dem Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. In Auschwitz - zwischen Kattowitz und Krakau - treffen Überlebende mit Jugendlichen aus Europa zusammen. Mal sind die Schilderungen der Augenzeugen eher nüchtern, mal sehr emotional, mal zynisch, erzählt Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees.

Zwischen Mitte 70 und Mitte 80 sind die Überlebenden jetzt alt, 20000 leben in der Welt verstreut. Im Alter wird bei vielen das Erlebte wieder gegenwärtig, sagt Heubner. "Plötzlich sind die Erinnerungen ganz, ganz nah." Dass Jugendliche in der Schule mit Informationen über den Holocaust überschwemmt werden, hält der Historiker für eine Legende. Er hat beobachtet, was für ein wichtiges und einprägsames Erlebnis ein Besuch von Auschwitz und Birkenau für viele Jungen und Mädchen sein kann.

Seit anderthalb Jahren hat Heubner ein Büro in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendler-Block. Für ihn ist es richtig, dass das Komitee nach Jahren im Ausland nun in der deutschen Hauptstadt sitzt. "In Berlin wurde Auschwitz geplant und beschlossen", sagt Heubner. Auf der Einladung zu einer Gedenkfeier am 25. Januar im Deutschen Theater mit Bundeskanzler Gerhard Schröder steht dann auch beziehungsreich: "Berlin - Auschwitz - Berlin".

Das Lager Auschwitz am Rand der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim war das größte im System der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, gefolgt von Majdanek bei Lublin. Das besetzte Polen wurde zum Ort des Massenmords - außer Auschwitz und Majdanek errichteten die Nationalsozialisten hier auch die Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor. Doch Auschwitz war das Lager, in dem die meisten Menschen ermordet wurden - nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 1,1 und 1,5 Millionen.

Die meisten der Opfer, etwa 90 Prozent, waren Juden aus Polen, den von Deutschland besetzten Ländern Europas und aus Deutschland selbst. Zu den anderen Opfergruppen zählten vor allem Polen, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Homosexuelle, Widerstandskämpfer, überzeugte Christen und politische Gefangene aus ganz Europa.

Die ersten Gefangenen trafen im Juni 1940 in Auschwitz ein - damals noch im so genannten Stammlager, in dem die meisten Häftlinge Polen waren. Im März 1941 befahl SS-Reichsführer Heinrich Himmler den Bau eines zweiten Lagers im etwa drei Kilometer entfernten Birkenau. Auf dem zum Sperrgebiet erklärten Gelände wurde das eigentliche Vernichtungslager errichtet, im nahe gelegenen Monowitz das so genannte Lager Auschwitz III, dem 45 Nebenlager organisatorisch zugerechnet wurden. In diesem Lager wurden die Häftlinge als Zwangsarbeiter für die deutsche Industrie ausgebeutet.

Bei der Ankunft in Birkenau wurden die Häftlinge gezwungen, in aller Eile die Viehwaggons zu verlassen und sich in Reihen aufstellen. SS-Offiziere "selektierten" die Häftlinge noch an der Bahnrampe - wer als arbeitsfähig galt, kam zunächst in das so genannte Quarantänelager, dann in eines der Arbeitslager, wo die Häftlinge registriert wurden und ihnen eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert wurde.

Kinder, Alte und andere als nicht arbeitsfähig geltende Häftlinge wurden in der Regel noch am Tag ihrer Ankunft in den als Duschräume getarnten Gaskammern von Birkenau mit dem Giftgas Zyklon B ermordet. Ein Sonderkommando von Häftlingen musste die Leichen in den Krematorien oder auf freier Fläche verbrennen. Die zur sofortigen Ermordung bestimmten Häftlinge wurden nicht registriert - dies macht genaue Angaben über die Opferzahlen so schwierig.

Widerstand ohne ErfolgTrotz eines Systems von Bespitzelung und ständiger Überwachung organisierte sich auch in Auschwitz Widerstand von Häftlingen. Am 7. Oktober 1944 unternahm das Sonderkommando einen Aufstand und konnte eines der Krematorien mit Hilfe von Sprengstoff, den weibliche Häftlinge aus einer Fabrik eingeschmuggelt hatten, teilweise zerstören. Die anschließende Flucht von rund 250 Häftlingen scheiterte, alle Gefangenen wurden gefasst und getötet. Vier Frauen, die bei der Vorbereitung des Aufstands geholfen hatten, wurden nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers am 6. Januar 1945 hingerichtet.

Unmittelbar nach dem Aufstand befahl Himmler den Abriss der Krematorien und ein Ende der Vergasungen. Die deutsche Niederlage war absehbar, nun sollten die Spuren der Verbrechen beseitigt werden. In den so genannten Todesmärschen in Richtung Westen wurden 58000 Gefangene aus dem Lager getrieben. Die meisten von ihnen starben. Als Soldaten der Roten Armee am Nachmittag des 27. Januar 1945 das Lager Birkenau befreiten, fanden sie die Leichen von 600 Gefangenen, die nur wenige Stunden zuvor ermordet wurden. Doch 7650 krank und erschöpft zurückgelassene Gefangene konnten gerettet werden.

Die Antwort auf Auschwitz

von Sever Plotzker, Yediot Aharonot, 23.1.05

Es waren die Soldaten der 107. Infanterie-Division der 60. Armee der Roten Armee, unter der Kommandantur von General Konjew, die am Mittag des 27. Januar 1945 durch die Tore auf das Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kamen.

Sie fanden dort nur 7000 menschliche Reste, letzte Überlebende von dem, was vier Jahre lang eine Fabrik des größten Massensterbens der Geschichte war. Eine Million und 200.000 Juden wurden zur Wegkreuzung von Auschwitz-Birkenau geschickt, durchliefen die Selektion und wurden in den meisten Fällen sofort in die Gaskammern geschickt – der technologische Beitrag der Deutschen zur Massenvernichtung. Ihre Leichen wurden verbrannt; die Wenigen, die für die Zwangsarbeit für tauglich erklärt wurden, verhungerten, erfroren, starben durch Folter und letztendlich auf dem Todesmarsch.

„Ein Ort“, so schreibt Prof. Raoul Hillberg, „wurde zum Symbol des Holocausts an den Juden in Europa: Auschwitz“. Dieses Lager war dazu bestimmt, die „Endlösung“ des „Judenproblems“ in Europa durchzuführen: sie alle zu ermorden. Männer und Frauen, Alte und kleine Kinder, Gesunde und Kranke, Kommunisten und Revisionisten, Bärtige und Rasierte. Aus dem Westen, dem Osten, aus dem Balkan - jeder, den die deutsche Rassenlehre als „jüdisch“ definierte, war zum Tode verurteilt, auf dem Weg in die Gaskammer. Der nationalsozialistische Hass gegen Juden sorgte für den Brennstoff der Verbrennungsöfen von Auschwitz-Birkenau, bis zum letzten Moment.

Erst als sie die sowjetische Armee von Nahem sahen, legten die Nazis die Todesindustrie in Auschwitz-Birkenau still. Das Team des Lagers erhielt aus Berlin die Anweisung, jeden Beweis, leblos oder noch am Leben, zu vernichten. Die Gaskammern und Brennöfen wurden abgebaut und gesprengt und ihre Betreiber ermordet. Die Lager, in denen die Kleidung der Toten und deren persönliche Habe aufbewahrt wurde, gingen zusammen mit Bergen von Dokumenten in Flammen auf.

Der letzte der SS-Soldaten verließ das Lager am 24. Januar. Der Schriftsteller Primo Levi, Gefangener des Lagers, schrieb über diesen Tag in seinem Buch mit dem Titel „Ist das ein Mensch?“: 24. Januar. Freiheit... keine Deutschen mehr, keine Selektion mehr, keine Zwangsarbeit, keine Schläge, keine Appelle... aber niemand konnte die neue Situation genießen: auf jedem Schild war der Engel des Todes und der Zerstörung.“

Nach Auschwitz stellten die Schriftsteller und Philosophen ihre Arbeit ein. Es war unmöglich Dichtung zu schreiben oder Gedanken zu verfassen. Die menschlichen Grundordnungen hatten sich von Grund auf geändert. Sie irrten sich. Die Erinnerung an Auschwitz bleibt wie eine blutende Wunde auf dem Gewissen des christlichen Europas zurück. Doch sie hinderte seine Einwohner nicht daran, Zerstörtes wieder aufzubauen, Kinder in die Welt zu setzen, Theaterveranstaltungen zu genießen, ihr Brot zu verdienen, Dichtung zu lesen – und sogar Antisemiten zu sein. Die westliche Kultur sog „Auschwitz“ als einen von sich untrennbaren Teil in sich auf.

Bis heute wurde keine befriedigende Antwort auf die Frage gegeben „Wie konnte Auschwitz geschehen?“ und vielleicht gibt es keine Antwort: K. Zetnik, ein überlebender Schriftsteller, nannte die Vernichtungslager „andere Planeten“ und verschloss sie so dem menschlichen Verstand. „Wir sagen Auschwitz“, schreibt Prof. Israel Gutman, einer der führenden Erforscher des Holocaust in Israel und weltweit, selbst Überlebender von Auschwitz, „und meinen das Zentrum der Folterungen und des unfassbaren Schreckens, die Essenz des Bösen und des Grauens, das Menschen angetan wurde.“

Auschwitz wurde vor 60 Jahren befreit; erst jetzt hielt es die Organisation der Vereinten Nationen – „eine Organisation, die aus der Asche von Auschwitz hervorgegangen ist“, so UN-Generalsekretär Kofi Annan - für richtig, eine Sondersitzung der Vollversammlung anlässlich des Befreiungstages einzuberufen. Die Vollversammlung wird morgen (24.1.) zusammenkommen, um die Reden der Außenminister Israels, Deutschlands, Frankreichs, Argentiniens und führender Diplomaten zu hören.

Die Sondersitzung der UN-Vollversammlung zum Gedenken und die Gedenkveranstaltungen, die im Laufe der Woche auf dem Gelände des Lagers von Auschwitz-Birkenau stattfinden, haben pädagogische, moralische und globale Bedeutsamkeit. Doch wird man aus ihnen unsere, die Lehre der Juden, ziehen? Uns ist jeden Orts und jeder Zeit die Lehre eindeutig: nur der Rechtsstaat des jüdischen Volkes kann sicherstellen, dass es nicht zu einem zweiten „Auschwitz“ kommt. Nur die Existenz eines starken Staates Israel ermöglicht es den Juden, eigener Herr über ihr Schicksal, ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder zu sein. Nur in Israel werden die Juden vom Objekt zum Subjekt, von der Zerstreuung zu einer Nation, von Fremden zu Ortsansässigen, von Schutzjuden zu freien Menschen.

Der Staat Israel und nichts anderes ist die Antwort auf Auschwitz.
Das dürfen wir nie vergessen.

Der Mittelpunkt der Hölle


Der Weg in den Tod

19.01.2005 - Von dpa-Korrespondentin Eva Krafczyk

Vor 60 Jahren wurden die letzten Gefangenen von Auschwitz befreit
Die Erinnerung der Überlebenden ist wach

AUSCHWITZ Mehr als 20 Staats- und Regierungschefs und Delegationen aus 37 Staaten werden am 27. Januar an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz teilnehmen. Etwa 2000 überlebende Häftlinge und Veteranen der Roten Armee, die am 27. Januar 1945 die letzten in Auschwitz verbliebenen Gefangenen befreiten, werden die besonderen Ehrengäste sein.

Das Gesicht von Jerzy Kowalewski ist von Falten und Linien durchzogen. Der 79-jährige Rentner aus Warschau kann verschmitzt lachen, aber nun blicken seine blaugrauen Augen ernst, fast abwesend auf die dunkelroten Backsteinbauten jenseits des Stacheldrahtes. "Jedes Mal, wenn ich das hier sehe, beginnt der Albtraum von Neuem", sagt Kowalewski und starrt auf das geschwungene eiserne Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". Das Tor von Auschwitz.

Das Tor, das zynische Motto, die Baracken kennen die Jugendlichen, die mit ihrem Lehrer in einer kleinen Gruppe zusammenstehen und mit gemischten Gefühlen auf den Rundgang durch das einstige Todeslager warten, aus ihren Geschichtsbüchern. Doch für Kowalewski ist hier ein Stück des eigenen Lebens begraben, und nicht nur die in den Unterarm tätowierte Häftlingsnummer erinnert ihn daran. "Wenn ich hierher zurückkehre, dann habe ich den Geruch brennender Leichen in der Nase", sagt er leise, atmet tief durch, und wendet sich dann an die 15- bis 16-jährigen, die mit dem Zeitzeugen das Lager besichtigen.

Dem rüstigen Rentner ist nicht mehr anzusehen, dass er nach der Befreiung von Auschwitz zwei Jahre lang in Krankenhäusern behandelt werden musste, bis sein geschwächter Körper wieder zu Kräften kam. Bis auf die Tätowierung sind keine körperlichen Spuren sichtbar, die seelischen Narben aber werden deutlich, wenn er über Hunger und Erniedrigung spricht, über die Menschenverachtung und Brutalität der Wachen, den Kampf ums Überleben, um ein Stück Brot, die medizinischen Experimente, die an ihm durchgeführt wurden, damals, in Block 20 von Auschwitz. "Ich habe nie geahnt, wie viel der Mensch aushalten kann", sagt er mit rauer Stimme. "Wenn ich daran denke, meine ich manchmal, dass die gut dran waren, die gleich ins Gas kamen - wenigstens mussten sie nicht mehr so viel Fürchterliches erleiden."

"Von allen Häftlingen aus meinem Block bin ich der einzige, der überlebt hat", erzählt Kowalewski. Gegen Ende des Krieges versuchten die Deutschen, die Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten und die Zeugen zu beseitigen. Ihre menschlichen Versuchsobjekte wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Dass Kowalewski überlebte, verdankt er einigen jüdischen Häftlingen, die ihn in ihre Baracke schmuggelten. Seine Retter wurden ermordet, Teil der grauenvollen Statistik von rund 1,3 Millionen Opfern im größten der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Opfer des Holocaust wurde allein in Auschwitz-Birkenau umgebracht.

Ein Blick in Jerzy Kowalewskis Augen zeigt, dass er nun wieder in der Vergangenheit angelangt ist, der Hölle, die die Nationalsozialisten ihren Opfern vor 60 Jahren bereiteten. Jede Rückkehr, jede Konfrontation mit seinen Albträumen schmerzt. "Aber ich muss es doch tun. Das bin ich meinen ermordeten Freunden schuldig."

Steigerung des Schrecklichen

Auch Dawid Efrati aus Israel kommt immer wieder nach Auschwitz zurück, etwa um junge Juden auf dem "Marsch der Lebenden" zu begleiten. "Damals im Lager haben wir das einander versprochen", sagt der 77-jährige. "Wer überlebt, muss die Erinnerung wach halten an das, was hier passiert ist."

Efrati überlebte das Warschauer Getto - damals dachte er, es könne nicht mehr schlimmer kommen als in dem "jüdischen Wohnbezirk", hinter dessen Mauern Menschen auf der Straße verhungerten, Krankheiten in den völlig überfüllten Wohnungen sich in Windeseile verbreiteten, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch diejenigen, die den Transport in den Viehwaggons überlebten und an der berüchtigten Rampe von Birkenau aus den Zügen geprügelt wurden, mussten lernen, dass es noch eine Steigerung des Schrecklichen gab.

Aus den Berichten von Häftlingen ist überliefert, wie SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch, der Lagerkommandant von Auschwitz, Neuankömmlinge begrüßte: "Seht Ihr den Kamin da drüben! Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein." In der Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen Todeslagers konfrontiert dieses Zitat von einer Wand noch heute die Besucher.

"Warum sollen wir uns schuldig fühlen?"

Auschwitz, das Stammlager, wirkt auf den ersten Blick noch immer wie ein Kasernengelände, wären da nicht die hölzernen Wachtürme, die Schilder am Stacheldrahtverhau mit der Aufschrift "Halt - Stoj", dem Verweis auf elektrischen Draht und Wachposten, die nach Überqueren einer unsichtbaren Linie im kurz geschorenen Gras zu schießen drohen. Die Wege zwischen den Baracken aus kaiserlich-österreichischer Zeit im alten Galizien sind noch immer militärisch-schnurgerade. Selbst der Kieselbelag scheint einer präzise festgelegten Form zu gehorchen und die Pappeln wachsen schnurgerade entlang der Lagerallee, wie in Habachtstellung.

Dass sie eigentlich Schlimmeres erwartet hätten, ist auch den Jugendlichen der Schulklasse anzusehen, die vor dem Lagertor für Fotos posieren. "Haben wir doch alles in der Schule gelernt", meint der 17-jährige Markus aus Wolfsburg. "Natürlich darf man das nicht vergessen, aber es ist schon so lange her - selbst unsere Großeltern haben damit nichts mehr zu tun", überlegt die 16 Jahre alte Anja. "Warum sollen wir uns also schuldig fühlen?"
Es ist ein bisschen Trotz und viel Hilflosigkeit gerade bei den jungen Deutschen zu hören, die bei Klassenfahrten nach Polen in Auschwitz Halt machen. Sie wollen sich nicht Betroffenheit verordnen lassen, und sie wollen "einfach normal" leben, ohne für die Vergangenheit verantwortlich gemacht zu werden.

Doch Auschwitz ist ein Ort, an dem die Vergangenheit alle einholt und konfrontiert. Die bekannten Fakten und Zahlen werden zu den Schicksalen einzelner Menschen, die aus ganz Europa hierher deportiert wurden. Ein vereintes Europa des Todes wird deutlich in den Baracken, in denen gesammelt wurde, was von den Menschen übrig blieb, die vor mehr als 60 Jahren ermordet wurden, deren Asche in einem idyllisch wirkenden Teich auf dem Lagergelände von Birkenau, knapp drei Kilometer von Auschwitz entfernt, versenkt wurde.

Da sind die Koffer, mit Kreide markiert. Namen und Adressen, manche schon ganz verwischt, andere offensichtlich sorgfältig gekennzeichnet, damit sie bestimmt nicht verloren gehen. Doch verloren waren nur die Besitzer, aus Berlin und Dresden, aus Prag und Paris, Amsterdam und Rom, aus den polnischen Stetln, in denen Juden seit 700 Jahren eine sichere Zuflucht vor Verfolgung gefunden zu haben glaubten.

Kein Hass auf die jungen Deutschen

So systematisch wie die Nationalsozialisten den Massenmord organisierten, so systematisch gingen sie auch mit der Habe ihrer Opfer um, den bescheidenen Besitztümern, die im jahrelangen Leidensweg durch Gettos und Deportationen gerettet wurden und ein Stück Hoffnung waren, dass die Fahrt im Viehtransporter doch in einem Arbeitslager enden und das Überleben retten würden. In den Ausstellungsräumen von Auschwitz sind sie übrig geblieben - die Schuhe, die Brillen, die Haare, die angeblich aus Gründen der Hygiene geschoren wurden. Ob üppige Locken oder ein dünner Zopf - sie haben die 60 Jahre seit dem Holocaust überdauert, stumme und eindringliche Zeugen, die noch zur Erinnerung mahnen werden, wenn auch die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben.

Kowalewski redet nicht viel in den Ausstellungsräumen, und er will auch keine Schuldgefühle wecken. "Warum sollte ich die jungen Deutschen hassen? Nicht sie haben das getan." Die Jugendlichen können sich vor den Eindrucken ohnehin nicht verschließen. Immer leiser wird die Gruppe, während sie im so genannten Todestrakt in die winzigen Zellen der Todeskandidaten blickt, deren Fenster vernagelt wurden - kein Sonnenstrahl sollte ein Stückchen Hoffnung geben vor der Hinrichtung an der "Schwarzen Wand" zwischen zwei Barackenblöcken. Wie fast immer brennen vor der Wand Kerzen, haben Besucher Blumen niedergelegt.

"Ich habe in einer Nacht 29 Verwandte verloren"

Wenn in Auschwitz die Ausstellungen in den Baracken einen Eindruck vom Ausmaß des Massenmords geben, so ist es in Birkenau das schiere Ausmaß des Lagergeländes. Nur die Baracken des so genannten Frauenlagers stehen noch, die Ruinen der Krematorien, das Lagertor, der Schienenstrang zur Rampe, an der die Häftlingstransporte endeten. Hier war die SS Herr über Leben und Tod. Wer jung, gesund und kräftig wirkte, wurde zur Zwangsarbeit bestimmt, hatte eine Chance zum Überleben - manchmal nur Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate.

Szymon Eilbert ist mit jüdischen Jugendlichen aus Mexiko zurück nach Polen gereist. "Ich habe in einer Nacht 29 Verwandte verloren, meine gesamte unmittelbare Familie", sagt er und blickt auf die Bahngleise. Er überlebte den Holocaust im Lager Mauthausen. Nur einmal kehrte er ins heimische Ciechanow in Zentralpolen zurück. "Ich fühlte, es war meine Pflicht... ich war der Einzige, der übrig geblieben ist. Ich habe in Ciechanow den Kaddisch (das jüdische Totengebet) für meine Familie gesprochen. Aber ich hatte doch niemanden mehr, warum sollte ich in Polen bleiben?"

Der 80-jährige mit dem gebräunten Teint und dem gepflegten weißen Schnauzbart hat zu viele schlimme Erinnerungen in Europa, aber auch er will nicht zulassen, dass Auschwitz vergessen wird. "Nur noch ein paar Jahre, dann gibt es uns Überlebende nicht mehr. Deshalb müssen wir den jungen Menschen davon erzählen, egal, wie hart es für uns ist."

Wladyslaw Bartoszewski, der ehemalige polnische Außenminister und ehemalige Auschwitz-Häftling, hat einmal gesagt, ganz frei von Auschwitz könne er nie wieder werden. Auch für Eilbert wird jede Reise zurück nach Auschwitz eine Reise in eine fast zu übermächtige Vergangenheit. Trotzdem versucht er behutsam ein junges Mädchen zu trösten, das mit verweinten Augen an der Metalltür eines der Öfen der Krematorien von Birkenau lehnt. An der Silberkette um ihren Hals hängt ein Davidstern. "Meine Familie ist in den dreißiger Jahren von Polen nach Mexiko ausgewandert", sagt sie leise. "Sonst wären sie vielleicht auch hier getötet worden."

Die Landschaft wirkt so seltsam friedlich

Ein Junge hat sich den Gebetsschal um die Schultern gelegt und steht an der Rampe, betet. Andere stehen fassungslos am Stacheldrahtzaun, blicken auf das weite, flache Land, die Bauernhöfe in der Entfernung. Die Landschaft rund um Birkenau ist so friedlich, ein so frappierender Kontrast zu der Tragödie jenseits des Lagerzauns. Doch die Toten von Auschwitz, deren genaue Zahl wohl niemals feststehen wird, finden hier nicht ihre letzte Ruhe. Die Asche der Ermordeten, auf dem Gelände verscharrt, dringt auch nach Jahrzehnten an die Oberfläche, kleine graue Partikel im Gras und in der dunkleren Erde.

Polen, das Land mit der größten jüdischen Diaspora Europas, wurde von den deutschen Besatzern in den größten jüdischen Friedhof der Welt verwandelt. "Als meine Großmutter 75 wurde, war das eine große Familienfeier mit 120 Verwandten," sagt Eilbert. "All die Onkel und Tanten, Geschwister, Cousins, Cousinen..... An meinem 75. Geburtstag waren nur noch meine Frau und ich übrig."


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