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Ein Tag des Zuhörens - und der GestenBundespräsident Köhler schweigt in Auschwitz / Überlebende stellen sich der Vergangenheit
28.01.2005 - AUSCHWITZ Es ist das erste Mal, dass Horst Köhler nach Auschwitz kommt. Wenige Tage vor seiner wichtigen Israelreise nimmt der Bundespräsident an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung durch die Rote Armee teil. Korrespondentenbericht von Norbert Klaschka und Eva Krafczyk Ein deutscher Gast ist dabei immer in einer besonderen Rolle, kommt er doch aus dem Land der Täter. Diesem Besuch misst die Mannschaft um Köhler eine ganz besondere Bedeutung bei - es dürfte wohl das letzte Mal sein, dass ein deutsches Staatsoberhaupt noch mit einer so großen Zahl von Überlebenden zusammentrifft. Bei den Feierlichkeiten ist Köhler ein Gast unter vielen. Ans Rednerpult tritt er nicht. "Das ist ein Tag, an dem der Bundespräsident schweigt. Es geht um das Unsagbare. Das ist ein Tag des Zuhörens", heißt es in seiner Umgebung. Wesentlich sei seine Anwesenheit. "Diese Geste ist sehr viel wichtiger." Im Krematorium des Stammlagers steht Köhler stumm und ergriffen im Gedenken an die Ermordeten. Als der Rundgang schon beendet ist und das Protokoll zur Eile drängt, gibt er einer Bitte der Überlebenden nach. Sie führen ihn in den Block 5. Dort finden sich die Habseligkeiten, die die SS-Schergen ihren Opfern abgenommen haben - von den Buchhaltern des Grauens sorgfältig sortiert: Brillen, Bürsten, Geschirr, Prothesen und Koffer, auf denen noch die Namen der Opfer stehen. In Auschwitz geht es Köhler um die Gesten. An seiner Seite sind Überlebende, unter ihnen Noach Flug, der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Zu den Gesten, die nicht direkt mit dem Jahrestag zu tun, aber dennoch eine hohe symbolische Bedeutung haben, gehört, dass inzwischen die Entschädigungszahlungen an die polnischen Zwangs- und Sklavenarbeiter nahezu abgeschlossen sind. Auch 60 Jahre nachdem sowjetische Soldaten die Lagertore von Auschwitz-Birkenau öffneten und 7000 noch lebende Häftlinge befreiten, wussten bei der Gedenkfeier die Politiker aus 46 Staaten, die rund tausend Überlebenden und knapp 10000 Besucher keine Antwort auf die Frage, wie es in Europa zum fabrikmäßigen Massenmord an sechs Millionen Juden kommen konnte. "Wir werden immer wieder die gleiche Frage stellen - wie konnte das geschehen?", sagte der russische Präsident Wladimir Putin. Der Pfeifton eines ankommenden Zuges hatte zu Beginn der Gedenkfeier daran erinnert, dass die Rampe in Birkenau für weit mehr als eine Million Menschen die letzte Station ihres Lebens war. Kerzen brannten entlang der Rampe, an der die SS über Leben und Tod der Neuankömmlinge entschied, die aus ganz Europa in Viehwaggons in das besetzte Polen deportiert wurden. Ehemalige Häftlinge mit Halstüchern in den blau-weißen Lagerstreifen und politische Ehrengäste froren bei Minusgraden und im Schneegestöber an dem Ort, den der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski als größten Friedhof Europas beschrieb, einen Friedhof ohne Gräber, der die Asche von Menschen aus 25 Staaten enthält. Die klagenden Töne des "El Maale Rachamim", des Totengebetes für die Opfer des Holocaust, hallten über die weite Fläche von Birkenau. Die Mahnung "Nie wieder Auschwitz" ist auch 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft aktuell, doch gerade die Zeitzeugen zeigten sich desillusioniert. "Unser aller Wunsch, dass dies niemals wieder geschehen soll, hat sich nicht erfüllt", sagte Simone Veil, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die als 17-Jährige Auschwitz überlebte. Auch nach Auschwitz sei Völkermord möglich gewesen. |
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"Antisemitismus ist das Barometer"
Der in Mainz geborene Rabbiner Leo Trepp ruft im Landtag zu Widerstand gegen Rechts auf 28.01.2005 - Von Steffen Weyer MAINZ Nein, der 27. Januar ist für Leo Trepp kein Tag der Befreiung. Nicht, dass die Rote Armee vor 60 Jahren "die traurigen Überbleibsel von Auschwitz" vor der Vernichtungsmaschinerie gerettet hat, sei das Wesentliche dieses Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus. "Es ist ein Tag, an dem Deutschland sagte: Wir nehmen die Verantwortung auf uns", sagte der Rabbiner und Honorarprofessor der Uni Mainz gestern in der Gedenkstunde im rheinland-pfälzischen Landtag. Trepps Gang ist unsicher, doch seine Worte sind gewaltig. Der heute 91-Jährige, der in Mainz geboren wurde und 1938 nach der Reichspogromnacht vor den Nazis in die USA floh, rief die Deutschen auf, zu Vorkämpfern gegen den "Virus" Antisemitismus zu werden: "Es ist ein Virus, der zuerst die Opfer verschlingt und dann die Träger" - eine menschenfeindliche Ideologie, die womöglich noch lebe. "Es ist eine Gefahr, wenn in Sachsen die Rechten fast so viele Stimmen bekommen wie die Sozialdemokratische Partei", schrieb Trepp angesichts des NPD-Wahlerfolgs Politikern wie Wählern ins Stammbuch. Auch dürfe das Wahlergebnis nicht mit sozialen Missständen erklärt werden. "Der Antisemitismus ist nur das Barometer, wieweit eine Gesellschaft ihre moralische Verpflichtung verloren hat." Er führe zur Zerstörung der Kultur. Trepp weiß, von was er spricht. Seine Mutter und Verwandte kamen in Auschwitz um, er selbst saß im KZ Sachsenhausen ein. "Man charakterisierte die Juden als eine absolut verdorbene Rasse, die gegen das deutsche Volk, seine Einheit und Sicherheit kämpfe", schilderte Trepp den Hass. Gegen die Vorwürfe hätten sie sich nicht wehren können: "Man konnte ihnen immer entgegenhalten: `Dies sagt Ihr, aber was Ihr wirklich denkt und plant, sagt Ihr eben nicht.`" Leo Trepp forderte die Lehrer auf, Unterricht zur Schoa "so zu halten, dass die Schüler sich nicht gelangweilt abwenden, sondern merken: `Das hat mit mir zu tun.`" Die Abgeordneten applaudierten minutenlang im Stehen. Ministerpräsident Beck (SPD) erklärte, jeder Schüler müsse eine Gedenkstätte für NS-Gewaltopfer besuchen. Landtagspräsident Grimm (SPD) sagte, ein Verbot der NPD werde den Rechtsextremismus nicht beseitigen. Es brauche Zivilcourage. |
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Die Erinnerung lässt Jerzy Kowalewski nicht mehr los
Ehemaliger Auschwitz-Häftling: "Wenn ich das hier sehe,
beginnt der Albtraum von Neuem" / Das Todeslager als Mahnmal Vom 28.01.2005 - AUSCHWITZ Das Gesicht von Jerzy Kowalewski ist von Falten und Linien durchzogen. Der 79-jährige Rentner aus Warschau kann verschmitzt lachen, aber nun blicken seine blaugrauen Augen ernst, fast abwesend auf die dunkelroten Backsteinbauten jenseits des Stacheldrahtes. "Jedes Mal, wenn ich das hier sehe, beginnt der Albtraum von Neuem", sagt Kowalewski und starrt auf das schmiedeeiserne geschwungene Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". Das Tor von Auschwitz. Korrespondentenbericht von Eva Krafczyk Das Tor, das zynische Motto, die Baracken kennen die Jugendlichen, die mit ihrem Lehrer in einer kleinen Gruppe zusammenstehen und mit gemischten Gefühlen auf den Rundgang durch das einstige Todeslager warten, aus ihren Geschichtsbüchern. Doch für Kowalewski ist hier ein Stück des eigenen Lebens begraben, und nicht nur die in den Unterarm tätowierte Häftlingsnummer erinnert ihn daran. "Wenn ich hierher zurückkehre, dann habe ich den Geruch brennender Leichen in der Nase", sagt er leise, atmet tief durch, und wendet sich dann an die 15- bis 16-jährigen, die mit dem Zeitzeugen das Lager besichtigen. Dem rüstigen Rentner ist nicht mehr anzusehen, dass er nach der Befreiung von Auschwitz zwei Jahre lang in Krankenhäusern behandelt werden musste, bis sein geschwächter Körper wieder zu Kräften kam. Bis auf die Tätowierung sind keine körperlichen Spuren sichtbar, die seelischen Narben aber werden deutlich, wenn er über Hunger und Erniedrigung spricht, über die Menschenverachtung und Brutalität der Wachen, den Kampf ums Überleben, um ein Stück Brot, die medizinischen Experimente, die an ihm durchgeführt wurden, damals, in Block 20 von Auschwitz. "Ich habe nie geahnt, wie viel der Mensch aushalten kann", sagt er mit rauer Stimme. "Wenn ich daran denke, meine ich manchmal, dass die gut dran waren, die gleich ins Gas kamen - wenigstens mussten sie nicht mehr so viel Fürchterliches erleiden." "Von allen Häftlingen aus meinem Block bin ich der einzige, der überlebt hat", erzählt Kowalewski. Gegen Ende des Krieges versuchten die Deutschen, die Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten und die Zeugen zu beseitigen. Ihre menschlichen Versuchsobjekte wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Dass Kowalewski überlebte, verdankt er einigen jüdischen Häftlingen, die ihn in ihre Baracke schmuggelten. Seine Retter wurden ermordet, Teil der grauenvollen Statistik von rund 1,3 Millionen Opfern im größten der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Opfer des Holocaust wurde allein in Auschwitz-Birkenau umgebracht. Ein Blick in Jerzy Kowalewskis Augen zeigt, dass er nun wieder in der Vergangenheit angelangt ist, der Hölle, die die Nationalsozialisten ihren Opfern vor 60 Jahren bereiteten. Jede Rückkehr, jede Konfrontation mit seinen Albträumen schmerzt. "Aber ich muss es doch tun. Das bin ich meinen ermordeten Freunden schuldig." Auch Dawid Efrati aus Israel kommt immer wieder nach Auschwitz zurück, etwa um junge Juden auf dem "Marsch der Lebenden" zu begleiten. "Damals im Lager haben wir das einander versprochen", sagt der 77-jährige. "Wer überlebt, muss die Erinnerung wach halten an das, was hier passiert ist." Efrati überlebte das Warschauer Getto - damals dachte er, es könne nicht mehr schlimmer kommen als in dem "jüdischen Wohnbezirk", hinter dessen Mauern Menschen auf der Straße verhungerten, Krankheiten in den völlig überfüllten Wohnungen sich in Windeseile verbreiteten, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch diejenigen, die den Transport in den Viehwaggons überlebten und an der berüchtigten Rampe von Birkenau aus den Zügen geprügelt wurden, mussten lernen, dass es noch eine Steigerung des Schrecklichen gab. Aus den Berichten von Häftlingen ist überliefert, wie SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch, der Lagerkommandant von Auschwitz, Neuankömmlinge begrüßte: "Seht Ihr den Kamin da drüben! Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein." In der Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen Todeslagers konfrontiert dieses Zitat von einer Wand noch heute die Besucher. Auschwitz, das Stammlager, wirkt auf den ersten Blick noch immer wie ein Kasernengelände, wären da nicht die hölzernen Wachtürme, die Schilder am Stacheldrahtverhau mit der Aufschrift "Halt - Stoj", dem Verweis auf elektrischen Draht und Wachposten, die nach Überqueren einer unsichtbaren Linie im kurz geschorenen Gras zu schießen drohen. Die Wege zwischen den Baracken aus kaiserlich-österreichischer Zeit im alten Galizien sind noch immer militärisch-schnurgerade. Selbst der Kieselbelag scheint einer präzise festgelegten Form zu gehorchen und die Pappeln wachsen schnurgerade entlang der Lagerallee, wie in Habachtstellung. Dass sie eigentlich Schlimmeres erwartet hätten, ist auch den Jugendlichen der Schulklasse anzusehen, die vor dem Lagertor für Fotos posieren. "Haben wir doch alles in der Schule gelernt", meint der 17-jährige Markus aus Wolfsburg. "Natürlich darf man das nicht vergessen, aber es ist schon so lange her - selbst unsere Großeltern haben damit nichts mehr zu tun", überlegt die 16 Jahre alte Anja. "Warum sollen wir uns also schuldig fühlen?" Es ist ein bisschen Trotz und viel Hilflosigkeit gerade bei den jungen Deutschen zu hören, die bei Klassenfahrten nach Polen in Auschwitz Halt machen. Sie wollen sich nicht Betroffenheit verordnen lassen, und sie wollen "einfach normal" leben, ohne für die Vergangenheit verantwortlich gemacht zu werden. Doch Auschwitz ist ein Ort, an dem die Vergangenheit alle einholt und konfrontiert. Die bekannten Fakten und Zahlen werden zu den Schicksalen einzelner Menschen, die aus ganz Europa hierher deportiert wurden. Ein vereintes Europa des Todes wird deutlich in den Baracken, in denen gesammelt wurde, was von den Menschen übrig blieb, die vor mehr als 60 Jahren ermordet wurden, deren Asche in einem idyllisch wirkenden Teich auf dem Lagergelände von Birkenau, knapp drei Kilometer von Auschwitz entfernt, versenkt wurde. Da sind die Koffer, mit Kreide markiert. Namen und Adressen, manche schon ganz verwischt, andere offensichtlich sorgfältig gekennzeichnet, damit sie bestimmt nicht verloren gehen. Doch verloren waren nur die Besitzer, aus Berlin und Dresden, aus Prag und Paris, Amsterdam und Rom, aus den polnischen Stetln, in denen Juden seit 700 Jahren eine sichere Zuflucht vor Verfolgung gefunden zu haben glaubten. So systematisch wie die Nationalsozialisten den Massenmord organisierten, so systematisch gingen sie auch mit der Habe ihrer Opfer um, den bescheidenen Besitztümern, die im jahrelangen Leidensweg durch Gettos und Deportationen gerettet wurden und ein Stück Hoffnung waren, dass die Fahrt im Viehtransporter doch in einem Arbeitslager enden und das Überleben retten würden. In den Ausstellungsräumen von Auschwitz sind sie übrig geblieben - die Schuhe, die Brillen, die Haare, die angeblich aus Gründen der Hygiene geschoren wurden. Ob üppige Locken oder ein dünner Zopf - sie haben die 60 Jahre seit dem Holocaust überdauert, stumme und eindringliche Zeugen, die noch zur Erinnerung mahnen werden, wenn auch die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben. Kowalewski redet nicht viel in den Ausstellungsräumen, und er will auch keine Schuldgefühle wecken. "Warum sollte ich die jungen Deutschen hassen? Nicht sie haben das getan." Die Jugendlichen können sich vor den Eindrucken ohnehin nicht verschließen. Immer leiser wird die Gruppe, während sie im so genannten Todestrakt in die winzigen Zellen der Todeskandidaten blickt, deren Fenster vernagelt wurden - kein Sonnenstrahl sollte ein Stückchen Hoffnung geben vor der Hinrichtung an der "Schwarzen Wand" zwischen zwei Barackenblöcken. Wie fast immer brennen vor der Wand Kerzen, haben Besucher Blumen niedergelegt. Wenn in Auschwitz die Ausstellungen in den Baracken einen Eindruck vom Ausmaß des Massenmords geben, so ist es in Birkenau das schiere Ausmaß des Lagergeländes. Nur die Baracken des so genannten Frauenlagers stehen noch, die Ruinen der Krematorien, das Lagertor, der Schienenstrang zur Rampe, an der die Häftlingstransporte endeten. Hier war die SS Herr über Leben und Tod. Wer jung, gesund und kräftig wirkte, wurde zur Zwangsarbeit bestimmt, hatte eine Chance zum Überleben - manchmal nur Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate. Szymon Eilbert ist mit jüdischen Jugendlichen aus Mexiko zurück nach Polen gereist. "Ich habe in einer Nacht 29 Verwandte verloren, meine gesamte unmittelbare Familie", sagt er und blickt auf die Bahngleise. Er überlebte den Holocaust im Lager Mauthausen. Nur einmal kehrte er ins heimische Ciechanow in Zentralpolen zurück. "Ich fühlte, es war meine Pflicht... ich war der Einzige, der übrig geblieben ist. Ich habe in Ciechanow den Kaddisch (das jüdische Totengebet) für meine Familie gesprochen. Aber ich hatte doch niemanden mehr, warum sollte ich in Polen bleiben?" Der 80-jährige mit dem gebräunten Teint und dem gepflegten weißen Schnauzbart hat zu viele schlimme Erinnerungen in Europa, aber auch er will nicht zulassen, dass Auschwitz vergessen wird. "Nur noch ein paar Jahre, dann gibt es uns Überlebende nicht mehr. Deshalb müssen wir den jungen Menschen davon erzählen, egal, wie hart es für uns ist." Wladyslaw Bartoszewski, der ehemalige polnische Außenminister und ehemalige Auschwitz-Häftling, hat einmal gesagt, ganz frei von Auschwitz könne er nie wieder werden. Auch für Eilbert wird jede Reise zurück nach Auschwitz eine Reise in eine fast zu übermächtige Vergangenheit. Trotzdem versucht er behutsam ein junges Mädchen zu trösten, das mit verweinten Augen an der Metalltür eines der Öfen der Krematorien von Birkenau lehnt. An der Silberkette um ihren Hals hängt ein Davidstern. "Meine Familie ist in den dreißiger Jahren von Polen nach Mexiko ausgewandert", sagt sie leise. "Sonst wären sie vielleicht auch hier getötet worden." Ein Junge hat sich den Gebetsschal um die Schultern gelegt und steht an der Rampe, betet. Andere stehen fassungslos am Stacheldrahtzaun, blicken auf das weite, flache Land, die Bauernhöfe in der Entfernung. Die Landschaft rund um Birkenau ist so friedlich, ein so frappierender Kontrast zu der Tragödie jenseits des Lagerzauns. Doch die Toten von Auschwitz, deren genaue Zahl wohl niemals feststehen wird, finden hier nicht ihre letzte Ruhe. Die Asche der Ermordeten, auf dem Gelände verscharrt, dringt auch nach Jahrzehnten an die Oberfläche, kleine graue Partikel im Gras und in der dunkleren Erde. Polen, das Land mit der größten jüdischen Diaspora Europas, wurde von den deutschen Besatzern in den größten jüdischen Friedhof der Welt verwandelt. "Als meine Großmutter 75 wurde, war das eine große Familienfeier mit 120 Verwandten," sagt Eilbert. "All die Onkel und Tanten, Geschwister, Cousins, Cousinen..... An meinem 75. Geburtstag waren nur noch meine Frau und ich übrig." |
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Erklärung der deutschen Bischöfe
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Auschwitz - das System des TodesVor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager befreit - bei den Überlebenden sind die Wunden nie geheilt / Erinnerungen an Birkenau 24.01.2005 - Korrespondentenbericht von Eva Krafczyk und Caroline Bock AUSCHWITZ/BERLIN Wie kein anderes Wort steht Auschwitz als Symbol für den nationalsozialistischen Massenmord. Denn das Lager Auschwitz, das am 27. Januar vor 60 Jahren von sowjetischen Truppen befreit wurde, war mehr als nur ein Ort des Mordes vor allem an den europäischen Juden. Es war ein perfekt aufgebautes System des Todes. Sie hat es nicht vergessen, ihr Leben lang nicht. "Die Ankunft in Birkenau war wie ein schrecklicher Traum", erzählt Maria König (83). Sie und ihr 82 Jahre alter Mann Adam gehören zu den rund 1000 Menschen in Deutschland, die noch von den Schrecken von Auschwitz-Birkenau berichten können. Statt zu emigrieren, haben sie sich dafür entschieden, nach dem Krieg im Land der Täter zu bleiben. Dort ist die Erinnerung an die Symbolstätte des Holocausts, wo mindestens eine Million Menschen ermordet wurden, noch immer wach. Zum 60. Jahrestag der Befreiung durch sowjetische Truppen fliegt Bundespräsident Horst Köhler nach Polen. Das jüdische Ehepaar König wird wahrscheinlich dabei sein. Eine solche Geste war nicht immer selbstverständlich: Erst seit 1996 ist der 27. Januar ein Gedenktag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte sich dafür eingesetzt. Die Erinnerung an die Judenvernichtung und die sechs Millionen Toten war in Deutschland über Jahrzehnte Stoff von Kontroversen. Beispielhaft ist die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman am Brandenburger Tor in Berlin, das im Mai fertig sein soll. Von einem "Schlussstrich" bei der Aufarbeitung, wie ihn rechte Stimmen fordern, ist - zumindest öffentlich - nichts zu spüren. Jeder Schüler in Deutschland lernt, wie der Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager abgelaufen ist. Dabei legen viele Pädagogen Wert darauf, den anonymen, unvorstellbaren Zahlen ein Gesicht zu geben. Dazu sprechen Überlebende wie die Königs aus Berlin mit Jugendlichen. Maria König ist manchmal überrascht, wie "feinfühlig und differenziert" die Schüler sie dabei fragen. Die gebürtige Polin, die 1944 nach Birkenau kam, verspürt keinen Hass auf die Deutschen. Sie habe sich immer nur gefragt: "Warum tun sie das?" Auch Adam König, der sechs Jahre KZ und einen der berüchtigten "Todesmärsche" überstand, ist gegen eine pauschale Verurteilung. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende kehrte das Ehepaar zu einem Besuch nach Auschwitz zurück. "Das hat schon Wunden aufgerissen", sagt Adam König. An seinem politischen Engagement hat es nichts geändert. Nur noch 20000 Zeugen Organisiert sind viele Überlebende seit 1952 im Internationalen Auschwitz Komitee. Zunächst ging es um die Suche nach Vermissten, um Entschädigungsfragen und darum, das Lager als Erinnerungsort zu erhalten. Heute widmet sich das Komitee mit seinen 1000 großteils ehrenamtlichen Mitarbeitern Jugendprojekten und dem Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. In Auschwitz - zwischen Kattowitz und Krakau - treffen Überlebende mit Jugendlichen aus Europa zusammen. Mal sind die Schilderungen der Augenzeugen eher nüchtern, mal sehr emotional, mal zynisch, erzählt Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees. Zwischen Mitte 70 und Mitte 80 sind die Überlebenden jetzt alt, 20000 leben in der Welt verstreut. Im Alter wird bei vielen das Erlebte wieder gegenwärtig, sagt Heubner. "Plötzlich sind die Erinnerungen ganz, ganz nah." Dass Jugendliche in der Schule mit Informationen über den Holocaust überschwemmt werden, hält der Historiker für eine Legende. Er hat beobachtet, was für ein wichtiges und einprägsames Erlebnis ein Besuch von Auschwitz und Birkenau für viele Jungen und Mädchen sein kann. Seit anderthalb Jahren hat Heubner ein Büro in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendler-Block. Für ihn ist es richtig, dass das Komitee nach Jahren im Ausland nun in der deutschen Hauptstadt sitzt. "In Berlin wurde Auschwitz geplant und beschlossen", sagt Heubner. Auf der Einladung zu einer Gedenkfeier am 25. Januar im Deutschen Theater mit Bundeskanzler Gerhard Schröder steht dann auch beziehungsreich: "Berlin - Auschwitz - Berlin". Das Lager Auschwitz am Rand der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim war das größte im System der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, gefolgt von Majdanek bei Lublin. Das besetzte Polen wurde zum Ort des Massenmords - außer Auschwitz und Majdanek errichteten die Nationalsozialisten hier auch die Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor. Doch Auschwitz war das Lager, in dem die meisten Menschen ermordet wurden - nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 1,1 und 1,5 Millionen. Die meisten der Opfer, etwa 90 Prozent, waren Juden aus Polen, den von Deutschland besetzten Ländern Europas und aus Deutschland selbst. Zu den anderen Opfergruppen zählten vor allem Polen, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Homosexuelle, Widerstandskämpfer, überzeugte Christen und politische Gefangene aus ganz Europa. Die ersten Gefangenen trafen im Juni 1940 in Auschwitz ein - damals noch im so genannten Stammlager, in dem die meisten Häftlinge Polen waren. Im März 1941 befahl SS-Reichsführer Heinrich Himmler den Bau eines zweiten Lagers im etwa drei Kilometer entfernten Birkenau. Auf dem zum Sperrgebiet erklärten Gelände wurde das eigentliche Vernichtungslager errichtet, im nahe gelegenen Monowitz das so genannte Lager Auschwitz III, dem 45 Nebenlager organisatorisch zugerechnet wurden. In diesem Lager wurden die Häftlinge als Zwangsarbeiter für die deutsche Industrie ausgebeutet. Bei der Ankunft in Birkenau wurden die Häftlinge gezwungen, in aller Eile die Viehwaggons zu verlassen und sich in Reihen aufstellen. SS-Offiziere "selektierten" die Häftlinge noch an der Bahnrampe - wer als arbeitsfähig galt, kam zunächst in das so genannte Quarantänelager, dann in eines der Arbeitslager, wo die Häftlinge registriert wurden und ihnen eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert wurde. Kinder, Alte und andere als nicht arbeitsfähig geltende Häftlinge wurden in der Regel noch am Tag ihrer Ankunft in den als Duschräume getarnten Gaskammern von Birkenau mit dem Giftgas Zyklon B ermordet. Ein Sonderkommando von Häftlingen musste die Leichen in den Krematorien oder auf freier Fläche verbrennen. Die zur sofortigen Ermordung bestimmten Häftlinge wurden nicht registriert - dies macht genaue Angaben über die Opferzahlen so schwierig. Widerstand ohne ErfolgTrotz eines Systems von Bespitzelung und ständiger Überwachung organisierte sich auch in Auschwitz Widerstand von Häftlingen. Am 7. Oktober 1944 unternahm das Sonderkommando einen Aufstand und konnte eines der Krematorien mit Hilfe von Sprengstoff, den weibliche Häftlinge aus einer Fabrik eingeschmuggelt hatten, teilweise zerstören. Die anschließende Flucht von rund 250 Häftlingen scheiterte, alle Gefangenen wurden gefasst und getötet. Vier Frauen, die bei der Vorbereitung des Aufstands geholfen hatten, wurden nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers am 6. Januar 1945 hingerichtet. Unmittelbar nach dem Aufstand befahl Himmler den Abriss der Krematorien und ein Ende der Vergasungen. Die deutsche Niederlage war absehbar, nun sollten die Spuren der Verbrechen beseitigt werden. In den so genannten Todesmärschen in Richtung Westen wurden 58000 Gefangene aus dem Lager getrieben. Die meisten von ihnen starben. Als Soldaten der Roten Armee am Nachmittag des 27. Januar 1945 das Lager Birkenau befreiten, fanden sie die Leichen von 600 Gefangenen, die nur wenige Stunden zuvor ermordet wurden. Doch 7650 krank und erschöpft zurückgelassene Gefangene konnten gerettet werden. |
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Die Antwort auf Auschwitzvon Sever Plotzker, Yediot Aharonot, 23.1.05 Es waren die Soldaten der 107. Infanterie-Division der 60. Armee der Roten Armee, unter der Kommandantur von General Konjew, die am Mittag des 27. Januar 1945 durch die Tore auf das Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kamen. Sie fanden dort nur 7000 menschliche Reste, letzte Überlebende von dem, was vier Jahre lang eine Fabrik des größten Massensterbens der Geschichte war. Eine Million und 200.000 Juden wurden zur Wegkreuzung von Auschwitz-Birkenau geschickt, durchliefen die Selektion und wurden in den meisten Fällen sofort in die Gaskammern geschickt der technologische Beitrag der Deutschen zur Massenvernichtung. Ihre Leichen wurden verbrannt; die Wenigen, die für die Zwangsarbeit für tauglich erklärt wurden, verhungerten, erfroren, starben durch Folter und letztendlich auf dem Todesmarsch. Ein Ort, so schreibt Prof. Raoul Hillberg, wurde zum Symbol des Holocausts an den Juden in Europa: Auschwitz. Dieses Lager war dazu bestimmt, die Endlösung des Judenproblems in Europa durchzuführen: sie alle zu ermorden. Männer und Frauen, Alte und kleine Kinder, Gesunde und Kranke, Kommunisten und Revisionisten, Bärtige und Rasierte. Aus dem Westen, dem Osten, aus dem Balkan - jeder, den die deutsche Rassenlehre als jüdisch definierte, war zum Tode verurteilt, auf dem Weg in die Gaskammer. Der nationalsozialistische Hass gegen Juden sorgte für den Brennstoff der Verbrennungsöfen von Auschwitz-Birkenau, bis zum letzten Moment. Erst als sie die sowjetische Armee von Nahem sahen, legten die Nazis die Todesindustrie in Auschwitz-Birkenau still. Das Team des Lagers erhielt aus Berlin die Anweisung, jeden Beweis, leblos oder noch am Leben, zu vernichten. Die Gaskammern und Brennöfen wurden abgebaut und gesprengt und ihre Betreiber ermordet. Die Lager, in denen die Kleidung der Toten und deren persönliche Habe aufbewahrt wurde, gingen zusammen mit Bergen von Dokumenten in Flammen auf. Der letzte der SS-Soldaten verließ das Lager am 24. Januar. Der Schriftsteller Primo Levi, Gefangener des Lagers, schrieb über diesen Tag in seinem Buch mit dem Titel Ist das ein Mensch?: 24. Januar. Freiheit... keine Deutschen mehr, keine Selektion mehr, keine Zwangsarbeit, keine Schläge, keine Appelle... aber niemand konnte die neue Situation genießen: auf jedem Schild war der Engel des Todes und der Zerstörung. Nach Auschwitz stellten die Schriftsteller und Philosophen ihre Arbeit ein. Es war unmöglich Dichtung zu schreiben oder Gedanken zu verfassen. Die menschlichen Grundordnungen hatten sich von Grund auf geändert. Sie irrten sich. Die Erinnerung an Auschwitz bleibt wie eine blutende Wunde auf dem Gewissen des christlichen Europas zurück. Doch sie hinderte seine Einwohner nicht daran, Zerstörtes wieder aufzubauen, Kinder in die Welt zu setzen, Theaterveranstaltungen zu genießen, ihr Brot zu verdienen, Dichtung zu lesen und sogar Antisemiten zu sein. Die westliche Kultur sog Auschwitz als einen von sich untrennbaren Teil in sich auf. Bis heute wurde keine befriedigende Antwort auf die Frage gegeben Wie konnte Auschwitz geschehen? und vielleicht gibt es keine Antwort: K. Zetnik, ein überlebender Schriftsteller, nannte die Vernichtungslager andere Planeten und verschloss sie so dem menschlichen Verstand. Wir sagen Auschwitz, schreibt Prof. Israel Gutman, einer der führenden Erforscher des Holocaust in Israel und weltweit, selbst Überlebender von Auschwitz, und meinen das Zentrum der Folterungen und des unfassbaren Schreckens, die Essenz des Bösen und des Grauens, das Menschen angetan wurde. Auschwitz wurde vor 60 Jahren befreit; erst jetzt hielt es die Organisation der Vereinten Nationen eine Organisation, die aus der Asche von Auschwitz hervorgegangen ist, so UN-Generalsekretär Kofi Annan - für richtig, eine Sondersitzung der Vollversammlung anlässlich des Befreiungstages einzuberufen. Die Vollversammlung wird morgen (24.1.) zusammenkommen, um die Reden der Außenminister Israels, Deutschlands, Frankreichs, Argentiniens und führender Diplomaten zu hören. Die Sondersitzung der UN-Vollversammlung zum Gedenken und die Gedenkveranstaltungen, die im Laufe der Woche auf dem Gelände des Lagers von Auschwitz-Birkenau stattfinden, haben pädagogische, moralische und globale Bedeutsamkeit. Doch wird man aus ihnen unsere, die Lehre der Juden, ziehen? Uns ist jeden Orts und jeder Zeit die Lehre eindeutig: nur der Rechtsstaat des jüdischen Volkes kann sicherstellen, dass es nicht zu einem zweiten Auschwitz kommt. Nur die Existenz eines starken Staates Israel ermöglicht es den Juden, eigener Herr über ihr Schicksal, ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder zu sein. Nur in Israel werden die Juden vom Objekt zum Subjekt, von der Zerstreuung zu einer Nation, von Fremden zu Ortsansässigen, von Schutzjuden zu freien Menschen. Der Staat Israel und nichts anderes ist die Antwort auf
Auschwitz. |
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![]() Der Weg in den Tod |
19.01.2005 - Von dpa-Korrespondentin Eva Krafczyk
Vor 60 Jahren wurden die letzten Gefangenen von Auschwitz
befreit
Die Erinnerung der Überlebenden ist wach
AUSCHWITZ Mehr als 20 Staats- und Regierungschefs und Delegationen aus 37 Staaten werden am 27. Januar an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz teilnehmen. Etwa 2000 überlebende Häftlinge und Veteranen der Roten Armee, die am 27. Januar 1945 die letzten in Auschwitz verbliebenen Gefangenen befreiten, werden die besonderen Ehrengäste sein.
Das Gesicht von Jerzy Kowalewski ist von Falten und Linien durchzogen. Der 79-jährige Rentner aus Warschau kann verschmitzt lachen, aber nun blicken seine blaugrauen Augen ernst, fast abwesend auf die dunkelroten Backsteinbauten jenseits des Stacheldrahtes. "Jedes Mal, wenn ich das hier sehe, beginnt der Albtraum von Neuem", sagt Kowalewski und starrt auf das geschwungene eiserne Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". Das Tor von Auschwitz.
Das Tor, das zynische Motto, die Baracken kennen die Jugendlichen, die mit ihrem Lehrer in einer kleinen Gruppe zusammenstehen und mit gemischten Gefühlen auf den Rundgang durch das einstige Todeslager warten, aus ihren Geschichtsbüchern. Doch für Kowalewski ist hier ein Stück des eigenen Lebens begraben, und nicht nur die in den Unterarm tätowierte Häftlingsnummer erinnert ihn daran. "Wenn ich hierher zurückkehre, dann habe ich den Geruch brennender Leichen in der Nase", sagt er leise, atmet tief durch, und wendet sich dann an die 15- bis 16-jährigen, die mit dem Zeitzeugen das Lager besichtigen.
Dem rüstigen Rentner ist nicht mehr anzusehen, dass er nach der Befreiung von Auschwitz zwei Jahre lang in Krankenhäusern behandelt werden musste, bis sein geschwächter Körper wieder zu Kräften kam. Bis auf die Tätowierung sind keine körperlichen Spuren sichtbar, die seelischen Narben aber werden deutlich, wenn er über Hunger und Erniedrigung spricht, über die Menschenverachtung und Brutalität der Wachen, den Kampf ums Überleben, um ein Stück Brot, die medizinischen Experimente, die an ihm durchgeführt wurden, damals, in Block 20 von Auschwitz. "Ich habe nie geahnt, wie viel der Mensch aushalten kann", sagt er mit rauer Stimme. "Wenn ich daran denke, meine ich manchmal, dass die gut dran waren, die gleich ins Gas kamen - wenigstens mussten sie nicht mehr so viel Fürchterliches erleiden."
"Von allen Häftlingen aus meinem Block bin ich der einzige, der überlebt hat", erzählt Kowalewski. Gegen Ende des Krieges versuchten die Deutschen, die Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten und die Zeugen zu beseitigen. Ihre menschlichen Versuchsobjekte wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Dass Kowalewski überlebte, verdankt er einigen jüdischen Häftlingen, die ihn in ihre Baracke schmuggelten. Seine Retter wurden ermordet, Teil der grauenvollen Statistik von rund 1,3 Millionen Opfern im größten der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Opfer des Holocaust wurde allein in Auschwitz-Birkenau umgebracht.
Ein Blick in Jerzy Kowalewskis Augen zeigt, dass er nun wieder in der Vergangenheit angelangt ist, der Hölle, die die Nationalsozialisten ihren Opfern vor 60 Jahren bereiteten. Jede Rückkehr, jede Konfrontation mit seinen Albträumen schmerzt. "Aber ich muss es doch tun. Das bin ich meinen ermordeten Freunden schuldig."
Auch Dawid Efrati aus Israel kommt immer wieder nach Auschwitz zurück, etwa um junge Juden auf dem "Marsch der Lebenden" zu begleiten. "Damals im Lager haben wir das einander versprochen", sagt der 77-jährige. "Wer überlebt, muss die Erinnerung wach halten an das, was hier passiert ist."
Efrati überlebte das Warschauer Getto - damals dachte er, es könne nicht mehr schlimmer kommen als in dem "jüdischen Wohnbezirk", hinter dessen Mauern Menschen auf der Straße verhungerten, Krankheiten in den völlig überfüllten Wohnungen sich in Windeseile verbreiteten, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch diejenigen, die den Transport in den Viehwaggons überlebten und an der berüchtigten Rampe von Birkenau aus den Zügen geprügelt wurden, mussten lernen, dass es noch eine Steigerung des Schrecklichen gab.
Aus den Berichten von Häftlingen ist überliefert, wie SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch, der Lagerkommandant von Auschwitz, Neuankömmlinge begrüßte: "Seht Ihr den Kamin da drüben! Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein." In der Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen Todeslagers konfrontiert dieses Zitat von einer Wand noch heute die Besucher.
Auschwitz, das Stammlager, wirkt auf den ersten Blick noch immer wie ein Kasernengelände, wären da nicht die hölzernen Wachtürme, die Schilder am Stacheldrahtverhau mit der Aufschrift "Halt - Stoj", dem Verweis auf elektrischen Draht und Wachposten, die nach Überqueren einer unsichtbaren Linie im kurz geschorenen Gras zu schießen drohen. Die Wege zwischen den Baracken aus kaiserlich-österreichischer Zeit im alten Galizien sind noch immer militärisch-schnurgerade. Selbst der Kieselbelag scheint einer präzise festgelegten Form zu gehorchen und die Pappeln wachsen schnurgerade entlang der Lagerallee, wie in Habachtstellung.
Dass sie eigentlich Schlimmeres erwartet hätten,
ist auch den Jugendlichen der Schulklasse anzusehen, die vor dem Lagertor
für Fotos posieren. "Haben wir doch alles in der Schule gelernt",
meint der 17-jährige Markus aus Wolfsburg. "Natürlich darf
man das nicht vergessen, aber es ist schon so lange her - selbst unsere
Großeltern haben damit nichts mehr zu tun", überlegt die
16 Jahre alte Anja. "Warum sollen wir uns also schuldig fühlen?"
Es ist ein bisschen Trotz und viel Hilflosigkeit gerade bei den jungen
Deutschen zu hören, die bei Klassenfahrten nach Polen in Auschwitz
Halt machen. Sie wollen sich nicht Betroffenheit verordnen lassen, und
sie wollen "einfach normal" leben, ohne für die Vergangenheit
verantwortlich gemacht zu werden.
Doch Auschwitz ist ein Ort, an dem die Vergangenheit alle einholt und konfrontiert. Die bekannten Fakten und Zahlen werden zu den Schicksalen einzelner Menschen, die aus ganz Europa hierher deportiert wurden. Ein vereintes Europa des Todes wird deutlich in den Baracken, in denen gesammelt wurde, was von den Menschen übrig blieb, die vor mehr als 60 Jahren ermordet wurden, deren Asche in einem idyllisch wirkenden Teich auf dem Lagergelände von Birkenau, knapp drei Kilometer von Auschwitz entfernt, versenkt wurde.
Da sind die Koffer, mit Kreide markiert. Namen und Adressen, manche schon ganz verwischt, andere offensichtlich sorgfältig gekennzeichnet, damit sie bestimmt nicht verloren gehen. Doch verloren waren nur die Besitzer, aus Berlin und Dresden, aus Prag und Paris, Amsterdam und Rom, aus den polnischen Stetln, in denen Juden seit 700 Jahren eine sichere Zuflucht vor Verfolgung gefunden zu haben glaubten.
So systematisch wie die Nationalsozialisten den Massenmord organisierten, so systematisch gingen sie auch mit der Habe ihrer Opfer um, den bescheidenen Besitztümern, die im jahrelangen Leidensweg durch Gettos und Deportationen gerettet wurden und ein Stück Hoffnung waren, dass die Fahrt im Viehtransporter doch in einem Arbeitslager enden und das Überleben retten würden. In den Ausstellungsräumen von Auschwitz sind sie übrig geblieben - die Schuhe, die Brillen, die Haare, die angeblich aus Gründen der Hygiene geschoren wurden. Ob üppige Locken oder ein dünner Zopf - sie haben die 60 Jahre seit dem Holocaust überdauert, stumme und eindringliche Zeugen, die noch zur Erinnerung mahnen werden, wenn auch die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben.
Kowalewski redet nicht viel in den Ausstellungsräumen, und er will auch keine Schuldgefühle wecken. "Warum sollte ich die jungen Deutschen hassen? Nicht sie haben das getan." Die Jugendlichen können sich vor den Eindrucken ohnehin nicht verschließen. Immer leiser wird die Gruppe, während sie im so genannten Todestrakt in die winzigen Zellen der Todeskandidaten blickt, deren Fenster vernagelt wurden - kein Sonnenstrahl sollte ein Stückchen Hoffnung geben vor der Hinrichtung an der "Schwarzen Wand" zwischen zwei Barackenblöcken. Wie fast immer brennen vor der Wand Kerzen, haben Besucher Blumen niedergelegt.
Wenn in Auschwitz die Ausstellungen in den Baracken einen Eindruck vom Ausmaß des Massenmords geben, so ist es in Birkenau das schiere Ausmaß des Lagergeländes. Nur die Baracken des so genannten Frauenlagers stehen noch, die Ruinen der Krematorien, das Lagertor, der Schienenstrang zur Rampe, an der die Häftlingstransporte endeten. Hier war die SS Herr über Leben und Tod. Wer jung, gesund und kräftig wirkte, wurde zur Zwangsarbeit bestimmt, hatte eine Chance zum Überleben - manchmal nur Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate.
Szymon Eilbert ist mit jüdischen Jugendlichen aus Mexiko zurück nach Polen gereist. "Ich habe in einer Nacht 29 Verwandte verloren, meine gesamte unmittelbare Familie", sagt er und blickt auf die Bahngleise. Er überlebte den Holocaust im Lager Mauthausen. Nur einmal kehrte er ins heimische Ciechanow in Zentralpolen zurück. "Ich fühlte, es war meine Pflicht... ich war der Einzige, der übrig geblieben ist. Ich habe in Ciechanow den Kaddisch (das jüdische Totengebet) für meine Familie gesprochen. Aber ich hatte doch niemanden mehr, warum sollte ich in Polen bleiben?"
Der 80-jährige mit dem gebräunten Teint und dem gepflegten weißen Schnauzbart hat zu viele schlimme Erinnerungen in Europa, aber auch er will nicht zulassen, dass Auschwitz vergessen wird. "Nur noch ein paar Jahre, dann gibt es uns Überlebende nicht mehr. Deshalb müssen wir den jungen Menschen davon erzählen, egal, wie hart es für uns ist."
Wladyslaw Bartoszewski, der ehemalige polnische Außenminister und ehemalige Auschwitz-Häftling, hat einmal gesagt, ganz frei von Auschwitz könne er nie wieder werden. Auch für Eilbert wird jede Reise zurück nach Auschwitz eine Reise in eine fast zu übermächtige Vergangenheit. Trotzdem versucht er behutsam ein junges Mädchen zu trösten, das mit verweinten Augen an der Metalltür eines der Öfen der Krematorien von Birkenau lehnt. An der Silberkette um ihren Hals hängt ein Davidstern. "Meine Familie ist in den dreißiger Jahren von Polen nach Mexiko ausgewandert", sagt sie leise. "Sonst wären sie vielleicht auch hier getötet worden."
Ein Junge hat sich den Gebetsschal um die Schultern gelegt und steht an der Rampe, betet. Andere stehen fassungslos am Stacheldrahtzaun, blicken auf das weite, flache Land, die Bauernhöfe in der Entfernung. Die Landschaft rund um Birkenau ist so friedlich, ein so frappierender Kontrast zu der Tragödie jenseits des Lagerzauns. Doch die Toten von Auschwitz, deren genaue Zahl wohl niemals feststehen wird, finden hier nicht ihre letzte Ruhe. Die Asche der Ermordeten, auf dem Gelände verscharrt, dringt auch nach Jahrzehnten an die Oberfläche, kleine graue Partikel im Gras und in der dunkleren Erde.
Polen, das Land mit der größten jüdischen Diaspora Europas, wurde von den deutschen Besatzern in den größten jüdischen Friedhof der Welt verwandelt. "Als meine Großmutter 75 wurde, war das eine große Familienfeier mit 120 Verwandten," sagt Eilbert. "All die Onkel und Tanten, Geschwister, Cousins, Cousinen..... An meinem 75. Geburtstag waren nur noch meine Frau und ich übrig."