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Vom wilden Boykott zur planmäßigen Ausplünderung

Zwei Ausstellungen in Wiesbaden zeigen den "Legalisierten Raub" jüdischen Eigentums durch NS-Behörden

9.11.2004 - Von Kurier-Mitarbeiterin Claudia Weiler

WIESBADEN Ob "Judenvermögensabgabe" oder "Reichsfluchtsteuer" - dem Einfallsreichtum der Nationalsozialisten schienen keine Grenzen gesetzt, wenn es um die Ausbeutung von Juden ging. Zwei Ausstellungen zeichnen derzeit in Wiesbaden den Raubzug vom ersten wilden Boykott bis zur kollektiven Enteignung nach.

Unter dem Titel "Legalisierter Raub - Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 - 1945", wirft die Wanderausstellung des Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks (hr) im Ministerium für Wissenschaft und Kunst einen Blick auf Opfer, Täter und Profiteure. Ergänzt wird sie durch die Begleitausstellung "Jüdische Nachbarn in Mainz und Wiesbaden" im Aktiven Museum Spiegelgasse. Der feierlichen Eröffnung am Wochenende wohnten mit Charlotte Opfermann und Gertie Meyer-Jorgensen gleich zwei Zeitzeuginnen bei, deren Familiengeschichte Teil der Ausstellungen ist.

"Sie können ja nichts beweisen", bekam Claire Guthmann zu hören, als sie das Eigentum zurückforderte, das die Nazis ihrer Familie genommen hatten. Ihre Tochter, die heute 79-jährige Charlotte Opfermann, erinnert sich gut an das Jahr 1945, als sie mit ihrer Mutter aus dem KZ Theresienstadt nach Wiesbaden zurückkehrte. "Betreten verboten - Eigentum des Finanzamtes" stand an ihrem Haus in der Bahnhofstraße 25. Wie tausenden anderen Opfern hatte man ihnen alles genommen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung "Legalisierter Raub" stehen die Biografien jüdischer Opfer, die ab 1933 per Gesetz zu Steuerbürgern zweiter Klasse erklärt wurden. Zudem geht es um ihre Ausbeutung. Erste Hürde war die Reichsflucht-steuer. "Wer Deutschland verlassen wollte, musste ein Viertel seines Vermögens abgeben", erklärt Bettina Leder-Hindemith vom hr, eine der Organisatorinnen. Es folgten die "Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" und eine "Judenvermögensabgabe", die dem Fiskus stolze 1,13 Milliarden Reichsmark einbrachte. Schließlich führte die "Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz" 1941 zur faktischen Enteignung aller im Ausland lebenden Juden: Emigranten und Deportierte. Letzte Schikane vor der Deportation waren die "Heimeinkaufsverträge", mit denen angeblich Plätze im "Heim" verkauft wurden.

"Die Ausstellung zeigt, dass nicht nur in Uniform Verbrechen begangen wurden, sondern auch in deutschen Amtsstuben", sagte Wissenschaftsminister Udo Corts bei der Eröffnung. Denn für die Umsetzung der Gesetze zeichnete ein ganzes Heer willfähriger Finanzbeamter verantwortlich. Steuer- und Devisenakten, Vermögensauflistungen und Briefe, die in der Ausstellung gezeigt werden, belegen die fiskalische Ausplünderung.

Zuletzt geht es um die schwierige Rückerstattung, "Wiedergutmachung" genannt. "Es ist eigentlich unmöglich, wieder gut zu machen, was diese Ausstellung erzählt", meint Bettina Leder-Hindemith. Und längst nicht alles hat den Weg zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurück gefunden. "Wer weiß, in wie vielen Speichern, Wohnzimmern, Theatern oder Bibliotheken noch eine schöne Vase, ein Klavier oder eine wertvolle Erstausgabe liegen", gab Micha Brumlik, Direktor des Fritz Bauer Instituts, zu bedenken.

Die Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse zeigt die Schicksale dreier jüdischer Familien aus Mainz und Wiesbaden, darunter die Familie Herz/Netter (siehe Bild). Durch eine Leihgabe von Gaby Glückselig, der heute 90-jährigen Tochter von Bruno Netter und Enkelin von Johanna Herz, lässt sich die Familiengeschichte von 1858 bis in die späten 30er Jahre an einmaligen Originalfotos verfolgen, ergänzt durch Schmuckstücke des Hofjuweliers Julius Herz. Heute vor 66 Jahren, in der Reichspogromnacht, wurde das 1843 in Wiesbaden gegründete Juweliergeschäft zerstört.

Die Geschichte der Familie Baer/Salomon, der ebenfalls ein eigener Raum gewidmet ist, wird Tochter und Zeitzeugin Gertie Meyer-Jorgensen (84) bei einem Erzählcafé am 27. November darstellen. Ein Schulprojekt des Mainzer Theresianum-Gymnasiums erzählt von Familie Moser und der Enteignung ihrer Häuser. Familie Guthmann hatte das Glück, ihr Haus zurück zu bekommen. Eine ehemalige Büroangestellte des in Auschwitz ermordeten Vaters Berthold Guthmann, die inzwischen beim Finanzamt arbeitete, hatte die Akten gestohlen. "Damit hatte meine Mutter Beweise", erinnert sich Charlotte Opfermann (Erzählcafé am 13. November). Nicht alle hatten dieses Glück.

Die Ausstellung "Legalisierter Raub" ist bis zum 4. Dezember im Forum des Wissenschaftsministeriums (Rheinstraße 23 - 25), mittwochs bis samstags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Für Schulklassen auch außerhalb der Öffnungszeiten, Anmeldung von 10 bis 12 Uhr unter Telefon 0611/323462 oder per Fax 0611/323508. "Jüdische Nachbarn" im Aktiven Museum, Spiegelgasse 11, öffnet bis zum 15. Januar 2005 donnerstags von 16 bis 18 Uhr und samstags von 15 bis 17 Uhr. Gruppen und Führungen nach Vereinbarung unter Telefon 0611/305221.


© Jüdische Gemeinde Mainz