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Der Schnee entpuppt sich als Daunen aus jüdischen Betten

90-jährige Frieda Krieg erinnert sich noch genau an Reichskristallnacht

9.11.2004 - Von unserem Redaktionsmitglied Johannes Götzen

Als sie am Morgen des 10. November 1938 aus dem Bahnhof tritt, glaubt sie, es habe geschneit: die Bäume in der Siegfriedstraße sind übersät mit weißen Flocken. Doch das vermeintlich romantische Bild trügt. Es ist der Morgen nach der so genannten "Reichskristallnacht".

Was von weitem aussieht wie Schnee, das sind die Daunen aus den Federbetten jüdischer Familien, die die Nazi-Horden aufgeschlitzt und aus den Fenstern geworfen haben. Frieda Krieg war damals auf dem Weg zu ihrer Arbeit im Kaufhof. 90 Jahre alt ist sie heute, aber die Erinnerung ist hellwach.

An jenem Morgen in der Siegfriedstraße sieht sie eine Frau. Sie steht auf dem Bürgersteig, in der einen Hand hält sie einen kaputten Stuhl, in der anderen Hand ein abgebrochenes Stuhlbein. Es ist ganz offensichtlich eine jüdische Frau, einen Teil der Trümmer ihrer Einrichtung in Händen haltend. Frieda Krieg überlegt sehr lange, bis ihr die passenden Worte einfallen, um den Blick dieser stumm da stehenden Frau zu beschreiben. Nicht Trauer ist in ihren Augen, nicht Fassungslosigkeit ob des Geschehenen. Vielmehr blickt sie, als wolle sie sagen: "Das rächt sich."

Aus Tietz wird Kaufhof. Noch bis zu ihrer Heirat 1939 arbeitet Frieda Krieg bei der Kaufhof AG. Sie hat auch in diesem großen Kaufhaus den Beruf der Verkäuferin gelernt. 1930 hat sie dort begonnen, zu einer Zeit, als ein Röllchen Nähseide noch sieben Pfennig gekostet hat, das Knäuel Baumwolle gar nur vier Pfennig. Damals hieß das Geschäft auch noch anders, nämlich Tietz AG. Der Name stammte vom Gründer des Unternehmens. Der jüdische Kaufmann Leonhard Tietz hatte 1879 in Stralsund den Grundstein gelegt.

Ziemlich genau dort, wo noch heute der Kaufhof ist, stand seinerzeit das Kaufhaus der Tietz AG. Es erging ihm und den Menschen dort so, wie all jenen in den anderen jüdischen Geschäften. Kaum waren die Nazis an der Macht, begann eine Hetzkampagne sondersgleichen.

Frieda Krieg hatte ihre Lehrzeit just zum 1. April 1933 beendet - jenem Tag, der damals im ganzen Reich zum Boykott-Tag ausgerufen worden war. Schilder wie "Das ist ein Judengeschäft" prangten an den Türen. Zunächst habe es noch Kunden gegeben, die hintenrum über die Schlossergasse ins Geschäft kamen, erinnert sich Frieda Krieg. Doch die wurden schnell weniger.

Dann kam der 11. Juli 1933. Die Leonhard Tietz AG wurde "arisiert", sie hieß nun Westdeutsche Kaufhof AG. "Bald darauf waren alle leitenden Herren weg", das blieb natürlich auch der damals 25-Jährigen Verkäuferin nicht verborgen. Es waren allesamt Juden. Für sie kamen neue Abteilungsleiter, die auch schon mal auf halber Treppe standen und den Verkaufsraum fest im Auge hatten. Wehe dem, es bediente jemand Juden.

Das ist das zweite Bild, das sich unauslöschlich ins Gedächtnis Frieda Kriegs eingebrannt hat: Ein altes Mütterchen, den Judenstern am Mantel, das um Wolle bittet. Aber sie durfte ihr nichts verkaufen. Man spürt die Hilflosigkeit der damaligen Verkäuferin, wenn sie heute noch mit bitterem Unterton sagt: "Wir waren im Schlaraffenland und sie musste betteln."


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