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Zeugin des jüdischen Lebens in Mainz

Konzert erinnert an Anni Eisler-Lehmann

4.11.2004 - Von Anton Maria Keim*

Mit einem bemerkenswerten Konzert in der Steinhalle des Landesmuseums Mainz wird am 6. November um 20 Uhr des 100. Geburtstags der Opernsängerin und Stifterin Anni Eisler-Lehmann gedacht. 1774 komponierte Cristiano Lidarti das Oratorium "Die Errettung Israels durch Esther", das im Landesmuseum seine deutsche Erstaufführung erfährt - in hebräischer Sprache. Der Fachbereich Musik der Mainzer Universität und das Peter-Cornelius-Konservatorium kooperieren unter der Leitung von Matthew Peaceman. Zu hören ist auch das Ensemble Vocale. Diese Zusammenarbeit ist im Sinne der Stifterin, die mit ihrer Stiftung den Zwecke verfolgte, Gesangsstudierende jüdischen Glaubens an beiden Instituten zu fördern, sowie Konzerte mit Musik jüdischer Komponisten und Solisten finanziell zu ermöglichen.

Anni Eisler-Lehmann war eine Zeugin für das jüdische Mainz im zwanzigsten Jahrhundert: Als Enkelin eines jüdischen Kantors im toleranten Mainz geboren, erlebte sie Verfolgung, Vertreibung, Emigration, Konzentrationslager und Heimkehr in die Heimatstadt.

Die Tochter einer hochangesehnen jüdischen Kaufmannsfamilie besuchte sie die "Höhere Töchterschule", nahm heimlich Gesangsunterricht, reüssierte früh nach der Bühnenprüfung in Köln 1931. Aber das Würzburger Opernengagement beendeten die Nazis abrupt. Emigration und Wanderschaft führten sie an die Theater nach Wien, Innsbruck, Brüx und Teplitz-Schönau. In Troppau erkaufte sie sich Pass und Engagement durch eine Scheinheirat. Der deutsche vertrieb sie. Ihr "Carmen"-Plakat in Tel Aviv war bereits gedruckt, aber die britische Mandatsmacht verweigerte das Visum. Sie singt vor an der New Yorker "Met" und kehrt zurück nach Mainz, flieht aber wieder.

Im Krieg überlebt sie das berüchtigte Konzentrationslager Gurs. In Paris beginnt sie nach der Befreiung ein neues Leben. Ein ärgerlicher Brief der Stadt Mainz - man will ihr das elterliche Trümmergrundstück billig abhandeln - lässt die aus Trotz nach Mainz heimkehren. Sie baut ihr Elternhaus in der Hafenstraße auf. Mit über neunzig Jahren bringt sie ihr Vermögen in eine Stiftung ein, mit der sie jüdische Gesangsstudierende und jüdische Musik fördern will - es ist die einzige jüdische Kulturstiftung dieser Art in Rheinland-Pfalz.

Am 11. November 2000 starb sie. Kurz zuvor hatte Oberbürgermeister Jens Beutel sie mit der Gutenberg-Plakette, der höchsten Kulturauszeichnung der Stadt ausgezeichnet.

*Der Autor ist ehemaliger Kulturdezernent der Stadt und Vorsitzender der Anni Eisler-Lehmann-Stiftung.


© Jüdische Gemeinde Mainz