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Jüngster Grabstein ist von 1938

"Europäischer Tag der jüdischen Kultur": Führung über Friedhof / Großes Interesse / 170 Gräber

07.09.2004 - Von unserer Mitarbeiterin Caroline Jerchel

INGELHEIM Das Grabmal des Ober-Ingelheimer Weinhändlers Maximilian Kahn (1871 bis 1922) ist aus rötlichem Granitstein gefertigt. Er starb im Alter von 51 Jahren eines natürlichen Todes. Eine nachträglich angefertigte schwarze Gedenktafel mit Davidstern erinnert an die Schicksale seiner Frau Emilie, seiner Tochter Erna, seines Schwiegersohnes Ernst und seines Enkels Günter: Sie alle wurden im September 1942, also vor 62 Jahren, nach Theresienstadt deportiert und ein Jahr später für tot erklärt. Die zweite Tochter der Kahns, Marianne, überlebte den Holocaust und stiftete die Erinnerungstafel.

Das ist die Geschichte nur eines Grabsteins auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße, der anlässlich des "Europäischen Tages der jüdischen Kultur" ausnahmsweise geöffnet war. Insgesamt geben über 170 Gräber auf gut 1000 Quadratmetern ein beredtes Zeugnis von der Vergangenheit. Viele Interessenten nutzten den Besuchstermin der Begräbnisstätte, deren ältester Grabstein aus dem Jahr 1836 stammt - der jüngste ist übrigens von 1938. Unter den Besuchern waren auch viele Kinder und Jugendliche, die neugierig hinterfragten, was ihnen auffiel. Zum Beispiel, dass am Eingang eine Kiste mit kleinen Steinen stand, die man statt Blumen auf die jüdischen Gräber legt. Klaus Dürsch, Vorsitzender des "Deutsch-Israelischen Freundeskreises Ingelheim" (DIF), der in einem Vortrag wissenswerte Fakten vermittelte, erklärte jedoch, dass bei nicht-orthodoxen Juden heutzutage durchaus Blumenschmuck auf den Gräbern üblich sei.

Den Kindern fielen auch zahlreiche Symbole auf den Grabsteinen auf, so der geknickte Rosenstiel, der den Tod einer jungen Frau symbolisiert oder die segnenden Hände, die auf eine verwandtschaftliche Beziehung zum Rabbinergeschlecht Cohen hinweisen.

Schon immer war dieser Friedhof für die Toten der jüdischen Gemeinde Ober-Ingelheims von einer großen Mauer begrenzt. Zu Zeiten der ersten Grablegung war er auch noch außerhalb der Stadt gelegen, wie es das jüdische Brauchtum, in dem Tote als unrein gelten, vorschreibt. Interessanterweise sind Umbettungen unüblich, da das Grab auf unbegrenzte Zeit Eigentum des Toten ist.

Auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße standen bis 2002 die ältesten jüdischen Grabsteine Ingelheims, die eigentlich vom jüdischen Friedhof "Im Saal" stammten und während des Nationalsozialismus nach Ober-Ingelheim gebracht worden waren. Nun sind sie wieder an der "Aula Regia" zu finden. Ging man von hinten nach vorne, also von den ältesten Grabstätten zu den neueren, fiel auf, dass sich die Materialien im Laufe der Jahre verändert hatten. Waren die Grabsteine zunächst zumeist aus Sandstein gehauen, wurde später vermehrt Granit- und Marmor verwendet.

Und auch die Sprache der - zumeist assimilierten - Juden in Ingelheim hatte sich angepasst: Man fügte zu den rein hebräischen Inschriften später immer häufiger deutsche Übersetzungen hinzu, wobei diese nicht immer exakt waren. Mit dem hebräischen "Mosche" und dem deutschen "Moritz" konnte durchaus ein und dieselbe Person gemeint sein.

Susanne Krupka, die Geschäftsführerin des DIF, zeigte sich sehr zufrieden mit der großen Resonanz auf den "Europäischen Tag der jüdischen Kultur in Ingelheim". Wichtig sei es dem DIF zu zeigen, dass Judentum und jüdische Kultur mehr als Holocaust und Nationalsozialismus sind. Das Wissen über das jüdische Brauchtum, eine immer noch weithin unbekannte Kultur, solle weitergegeben werden.

Aus: Allgemeine Zeitung © Mit freundlicher Genehmigung


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